Blackout in Berlin
1500 Unternehmen bis Donnerstag ohne Strom – und noch länger im Dunkeln?

| Redaktion 
| 06.01.2026

Stromversorgung ist ein dröges Infrastrukturthema – bis sie wegbricht und den Alltag Betroffener augenblicklich auf den Kopf stellt. Seit ein mutmaßlich linksextremistischer Anschlag für einen weitreichenden Blackout in Teilen Berlins gesorgt hat, leben weiter Zehntausende im Ausnahmezustand. Auch rund 1500 Unternehmen müssen noch bis Donnerstag ausharren, doch ein Millionenschaden scheint längst angerichtet.

Vergangenen Samstagmorgen wurde eine Kabelbrücke über den Teltowkanal mutwillig in Brand gesetzt, wodurch es zu Schäden an den Hochspannungsleitungen zum nahegelegenen Kraftwerk Lichterfelde kam.

Vor allem in den Bezirken Zehlendorf, Nikolassee und Wannsee fiel der Strom deshalb komplett aus; zu Beginn wurden rund 45.000 Haushalte und über 2000 Unternehmen vom offenbar linksextremistisch motivierten Anschlag in Mitleidenschaft gezogen.

Innensenatorin Iris Spranger rief am Sonntag die Großschadenslage aus, wodurch der Einsatz von Bundeswehr, Bundespolizei und Hilfsorganisationen ermöglicht wurde.

Reparaturen sollen Donnerstag abgeschlossen sein

Die Folgen für Privathaushalte verdeutlichen auf teils erschreckende Art und Weise, wie schlichtweg aufgeschmissen der moderne Mensch ist, wenn ein als so selbstverständlich erachteter Eckpfeiler unvorbereitet wegbricht.

Vielerorts fällt bei Minusgraden die stromabhängige Heizung und Warmwasserversorgung aus, während Koch- oder Kommunikationsmöglichkeiten passé sind und gelagerte Lebensmittel im auftauenden Gefrierfach verderben – von Haushalten, deren Bewohner auf medizinische Geräte, Treppenlifts oder Notrufsysteme angewiesen sind, ganz zu schweigen.

Am Dienstagmittag hat der Berliner Senat abermals über die aktuelle Lage informiert und dabei bestätigt, dass sich die Reparaturarbeiten insgesamt noch bis Donnerstag ziehen werden.

Laut Bürgermeisterin und Energiesenatorin Franziska Giffey geht es um ungefähr 300 Meter Hochspannungsleitung, die aus technischen Gründen nur bei Plustemperaturen wieder instandgesetzt werden können.

In diesem Zuge wurde auch noch einmal verkündet, dass Berliner ohne Strom bei Bedarf in festgelegten Partnerhotels unterkommen können und die anfallenden Kosten dafür erstattet bekommen. Giffeys vorhergegangenes Angebot, dass Betroffene für 70 Euro pro Nacht Zuflucht finden können, stieß öffentlich eher auf Häme als auf Dankbarkeit.

"Wir rechnen mit Schäden in Millionenhöhe"

Durch die Notfall- und Prioritätsversorgung, etwa mittels mobiler Generatoren in kritischen Infrastrukturen wie Pflegeheimen, Krankenhäusern, Supermärkten und S-Bahn-Stationen, beläuft sich die Zahl der stromlosen Haushalte am Dienstag demnach noch auf etwa 25.500, so Giffey. Darunter sollen sich auch etwa "1500 Gewerbekunden" befinden.

Sprich Unternehmen, die seit Samstag vom Wettbewerb ausgeschlossen sind – und mehr als "nur" ausbleibende Einnahmen zu befürchten haben.

Alexander Schirp, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (Bild: UVB / Leo Seidel)
Alexander Schirp, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (Bild: UVB / Leo Seidel)

"Wir rechnen mit Schäden in Millionenhöhe an Anlagen und Maschinen und durch hohe Umsatzausfälle", ließ der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), Alexander Schirp, bereits am Sonntag wissen.  

Neben der Zwangspause für Produktion, Verkauf oder Dienstleistungen brechen komplexe Prozesse wie Kühlketten oder IT-Systeme zusammen, wodurch Lieferketten gestört, Kundenaufträge verzögert und schlimmstenfalls Vertragsstrafen fällig werden können. Für ihre Zuverlässigkeit gerühmte Firmen erleiden womöglich unverschuldete Imageschäden.

Entschädigungen für Unternehmen noch ungeklärt

Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen verfügen in der Regel kaum über Redundanzen, um einen mehrtägigen Totalausfall der Stromversorgung einfach abzufedern.

Während für Bürger inzwischen wie beschrieben zum Beispiel Hotelkosten übernommen werden, bleiben Gewerbekunden nach aktuellem Stand auf laufenden Fixkosten wie Mieten, Löhnen und Leasingraten sitzen.

Entsprechend wächst in der Wirtschaft die Sorge, dass der Blackout nicht nur ein vorübergehender Ausnahmezustand bleibt, sondern für einzelne Betriebe existenzielle Folgen mit sich zieht. Forderungen nach finanzieller Unterstützung oder zumindest einer rechtlichen Klärung möglicher Entschädigungen dürften in den nächsten Tagen und Wochen lauter werden.

Sicherheit und Reaktion am Pranger

Alexander Schirp vom UVB brachte in seinem Statement vom Sonntag zur Sprache, was seit dem Blackout vielen Beobachtern durch den Kopf geht: "Der Stromausfall zeigt, dass unsere Infrastruktur nicht ausreichend und zeitgemäß gegen Angriffe und Unfälle geschützt ist."

"Das ist ein ernstes Problem und schürt Unsicherheit in der Wirtschaft. Beinahe jeden Tag sehen wir, dass Energie-, Daten- und Verkehrssysteme attackiert werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Kriminelle auf diese Art unser Gemeinwesen stören und destabilisieren", so Schirp weiter.

Bei dem Anschlag auf die Berliner Kabelbrücke scheint es sich nicht unbedingt um einen bemerkenswert ausgeklügelten Akt gehandelt zu haben, sodass der ausreichende Schutz sensibler Anlagen einmal mehr in Frage gestellt wird.

Wir erinnern uns: Keine zwei Jahre ist es her, dass ein Brand an einem Hochspannungsmast im Umland der Tesla-Gigafactory in Grünheide bei Berlin einen großflächigen Stromausfall verursachte.

Dieser brachte die Produktion des Elektroautobauers über mehrere Tage zum Stillstand und kostete das Unternehmen eigenen Angaben nach eine neunstellige Summe. Zum Anschlag bekannte sich die selbe linksextremistische Gruppe wie im aktuellen Fall.

Neben adäquaten Präventivmaßnahmen sieht sich auch die Reaktion auf den derzeitigen Stromausfall Kritik ausgesetzt. Die Berliner Morgenpost greift so etwa auf, dass ein Krisenstab erst 13 Stunden nach dem Brand zusammenfand und zitiert Manuel Barth, den Vizechef der Berliner Feuerwehrgewerkschaft: "Es fällt mir sehr schwer, daran zu glauben, dass es eine klare Zuständigkeit gibt und eine klare Abfolge, wer im Katastrophenfall was zu tun hat."

Senat verteidigt sich, Merz schweigt

Die Morgenpost nimmt ebenso Bezug auf den Jahresberichts des Landesrechnungshofs aus dem letzten November, der den Zustand des Katastrophenschutzes in Berlin als "alarmierend" einstufte.

In der Pressekonferenz vom Dienstag verteidigte Innensenatorin Iris Spranger das eigene Vorgehen; man habe "sofort angefangen zu arbeiten, und die Krisenstäbe funktionieren". Der besagte Jahresbericht sei inhaltlich inzwischen überholt, da er den "Zeitraum 2023 und 2024" betreffe. Die Behörden hätten "in kürzester Zeit das nachgeholt, was in über 30 Jahren vernachlässigt wurde."

Derweil berichtet die Berliner Zeitung, dass auch Bundeskanzler Friedrich Merz wachsender Unmut entgegen schlägt: Im Zuge von Geburtstagsgrüßen an Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zeigen sich Bürger in sozialen Medien zunehmend verärgert darüber, dass es bislang (Stand Dienstagabend) kein konkretes Statement des Kanzlers zum Blackout in seiner Hauptstadt gibt.

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