LEADERSNET: Sie sind am 8. November 1956 in Sterzing/Südtirol geboren und gelten heute als einer der profiliertesten Bergführer und Alpinisten Europas. Wie hat Ihre Herkunft in einer alpinen Kultur Ihre Sicht auf Risiko, Verantwortung und unternehmerisches Handeln geprägt?
Eisendle: Persönlich glaube ich, dass Herkunft und vor allem die Kultur, in der man aufwächst extrem prägen - im Positiven wie im Negativen. Als positiv empfinde ich, dass man im Gebirge relativ früh lernt mit realen Gefahren umzugehen und bewusst Risiken einzugehen oder sie eben zu vermeiden. Oft findet das im Kollektiv mit mehr oder weniger Gleichaltrigen statt, sodass auch das Verantwortungsgefühl für die "Gang" verhältnismäßig hoch ist. Die Hierarchien, die sich dabei entwickeln sind vollkommen natürlich und orientieren sich ausschließlich am mehr Können und am mehr Wissen. Das große Wort führen oder soziale Herkünfte spielen keine Rolle mehr, wenn es konkret um das Überstehen lebensgefährlicher Situationen geht.
LEADERSNET: Diese frühe Konfrontation mit realen Gefahren hat Sie auch auf die höchsten Berge der Welt geführt. 1982 standen Sie mit Reinhold Messner am Cho Oyu und mussten umkehren, ebenso 1984 am Dhaulagiri. Messner selbst sagte einmal: "Nicht der Gipfel ist das Ziel, sondern der Weg dorthin." In der Wirtschaft werden gescheiterte Projekte oft als Karrierekiller betrachtet. Wie entscheiden Sie in 7.500 Metern Höhe, wann Umkehr klüger ist als Durchhalten – und lässt sich diese Risiko-Kalkulation auf strategische Unternehmensentscheidungen übertragen?
Eisendle: Eines gleich vorweg, um mit einem Klischee aufzuräumen: Umkehren ist fast immer leichter, als weiterzugehen. Das gilt im Speziellen an sehr hohen Bergen. Als Bergsteiger, egal auf welchem Niveau, setzt man sich freiwillig Gefahren aus, die für das normale Überleben nicht notwendig wären. Also gründet die Kultur des Bergsteigens auf dem Eingehen von Risiken bzw. auf deren Vermeidung. Die Einschätzung der diversen Gefahren setzt viel Erfahrung voraus. Großes technisches Können, körperliche Fitness, Hightech-Ausrüstung usw. entscheiden darüber, ob wir mehr Risiko eingehen können oder eben weniger.
Das Umkehren am Cho Oyu und am Dhaulagiri war nach unserer Einschätzung einer zu hohen Schneebrett- bzw. Lawinengefahr geschuldet. Gescheitert wären wir, wenn wir diese Gefahr nicht erkannt hätten, wenn wir weitergegangen wären und dabei umgekommen wären. Damit hätte man auch die Chance eines weiteren Versuches an dieser und unzähligen anderen Wänden verspielt. Soviel zum alpinistischen Aspekt!
Der wirtschaftliche Aspekt ist ein ganz anderer. Wer von Sponsoren und von Öffentlichkeitsarbeit lebt, ist beim Umkehren vor dem Ziel gescheitert. Das wird wirtschaftlich auf Dauer nicht gehen. Auch deswegen habe ich für meinen Broterwerb das professionelle Bergführen gewählt. Das ist zwar sehr zeitintensiv, macht aber auch unabhängig von der Öffentlichkeit – wer auch immer diese ist.
Was den Vergleich zwischen Bergsteigen und Wirtschaftsunternehmen angeht, bin ich trotz einiger Gemeinsamkeiten eher skeptisch. Wenn die physische Todesgefahr für einen selbst und für die "Seilschaft" fehlt, ist das Risikoempfinden in der Regel ein ganz anderes.
LEADERSNET: Sie sprechen von der Fähigkeit umzukehren, aber auch vom Lernen durch Erfahrung. Nach diesen nicht erfolgreichen Expeditionen – etwa am Cho Oyu oder Dhaulagiri – haben Sie den Fokus neu gesetzt. In Ihrer Erfahrung: Wie wichtig ist das "Scheitern" als Katalysator für Kreativität, Innovation und langfristigen Erfolg – ob im Fels oder im Management?
Eisendle: Eigentlich habe ich den Fokus nicht neu gesetzt. Ich habe mich immer als Allround-Bergsteiger verstanden, zumal dies als Profi-Bergführer von unverzichtbarem Wert ist. Mich in jedem Terrain der Gebirge bewegen zu können, war für mich von Anfang an meine Motivation und meine Methode, um das Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten der Berge zu schulen und eine Art Nähe zu ihnen zu leben. Die große Höhe ist dabei nur eine Facette. Praktisch verbrachte und verbringe ich aber die meiste Zeit in steilen Felswänden und auf Skitouren im Winter.
Beim sogenannten Scheitern lernt man am besten, was nicht funktioniert hat, was falsch gedacht wurde oder ob das Ziel vielleicht eine Nummer zu groß war. Wenn ein "Projekt" hingegen wie geschmiert läuft, kann das zwar als Bestätigung des Könnensstandes sehr gut sein, der Lernprozess ist dann aber vergleichsweise geringer.
LEADERSNET: Diese Philosophie des bewussten Lernens durch Widerstand hat Sie geprägt. "Meine Motivation am Berg ist es, diesen Widerstand zu brechen", sagten Sie einmal in einem Interview. Die heutige Geschäftswelt predigt jedoch Work-Life-Balance und Effizienz. Braucht es mehr Menschen, die – wie Sie – gezielt den Widerstand suchen, um zu wachsen? Oder ist diese Philosophie ein Auslaufmodell in Zeiten von KI und Automatisierungen?
Eisendle: Genau genommen ist der Gipfel, das angebliche Ziel der Bergsteiger, der am weitesten entfernte Punkt von unserem natürlichen Lebensraum, dem Tal, der Stadt. Auf dem Weg dorthin spürt jeder diesen Widerstand in Form von körperlicher Anstrengung, mitunter Angst, Unsicherheiten und Zweifel. So gesehen ist jeder Gipfel ein Ort der Befreiung, weil man nachher wieder in die "richtige" Richtung gehen kann – nach Hause. Das ist die menschliche Dimension des Bergsteigens.
Was aber zwischen Aufbruch und Rückkehr passiert, ist wesentlich. Dazu gehört neben vielem auch dieses Überwinden, das Erleben der ganz persönlichen Fähigkeit etwas auszuhalten. Das kann Lebensqualität sein, wenn man so tickt. Ich persönlich glaube nicht, dass jemand durchs Leben kommt, ohne sich an Widerständen zu reiben. Das wird uns auch keine KI ersparen. Den Unterschied macht nur die Haltung zu den Dingen. Will ich Widerstände überwinden und damit meine Dimension in dieser Welt erfahren oder hangle ich mich von Standurlaub zu Strandurlaub ohne mich für irgendetwas einzusetzen?
LEADERSNET: Seit 1980 sind Sie staatlich geprüfter Bergführer – ein Beruf, bei dem ein einziger Fehler Leben kosten kann. Sie tragen buchstäblich Verantwortung am Seil. Wie kalkulieren Sie diese existenzielle Verantwortung wirtschaftlich ein? Und wie definieren Sie "Erfolg" in einem Beruf, wo der größte Erfolg ist, dass nichts passiert?
Eisendle: Zum Glück gab es in meinem Leben die meisten Fehler, die kein Leben und keine Verletzung gekostet haben. Ohne Fehler kommt keiner durch, weder im Beruf, noch im Privatleben und schon gar nicht beim Bergsteigen. Zu chaotisch sind die Gesetzmäßigkeiten der Natur und zu unvollkommen sind wir Menschen, die sich diesen stellen. Wirtschaftlich bin ich selbstverständlich gut versichert und habe eine Familie, der hinter mir und meiner Tätigkeit steht. Das ist für mich sehr wichtig.
Wenn man Erfolg beim Bergführen und beim Bergsteigen damit definieren würde, dass nichts passiert, dann dürfte man eigentlich gar nicht losgehen. Dann wären wir aber "Bergdenker" und keine Bergsteiger. Der Erfolg liegt für mich als Bergführer in der Summe von emotionaler Verbundenheit mit meinem Gast, richtiger Entscheidungen und dem geteilten Naturerlebnis. Unabdingbare Basis dafür ist meine Glaubwürdigkeit und sein Vertrauen. Beim Bergführen wird das monetär vergütet. Das wäre dann der wirtschaftliche Erfolg.
LEADERSNET: Wie gehen Sie psychologisch damit um, wenn die äußeren Bedingungen (Wetter, Fels) umschlagen und Sie Entscheidungen treffen müssen, die gegen die Ambitionen Ihrer Klienten stehen?
Eisendle: Voraussetzung dafür ist das Vertrauen der Gruppe in meinen Erfahrungsvorsprung in dieser speziellen Materie. Diesen unter Beweis zu stellen war als 24-jähriger Bergführer etwas schwieriger als jetzt, aber immer möglich. Womit wir bei Punkt 2 wären: Überlegungen einfach und verständlich zu kommunizieren und möglichst gemeinsam Entscheidungen zu treffen, ist die einzige Methode, die dauerhaft funktioniert. Wenn es eine Sekundenentscheidung ist, die zeitlich keine Kommunikation zulässt, dann muss diese unmittelbar danach stattfinden.
LEADERSNET: Kommunikation, Erfahrung und das richtige Maß – Prinzipien, die sich auch in Ihrem legendären minimalistischen Stil widerspiegeln. Während die Wirtschaft oft auf Wachstum setzt, ist am Berg oft das "Weglassen" – Speed-Begehungen, Verzicht auf Fixseile – der Schlüssel zum Erfolg. Ist "Weniger" in einer komplexen Welt die ultimative Form der Professionalität, und wie vermitteln Sie Ihren Kunden den Wert des Scheiterns oder Umkehrens?
Eisendle: Das traditionelle Bergsteigen ist eine Kultur, die auf freiwilligen Verzicht gründet. Das technisch beste Mittel im Gebirge von A nach B zu kommen ist die Seilbahn oder noch besser der Hubschrauber. Das "Steigen" hat demnach ein bewusstes sich Anpassen an die natürlichen Gegebenheiten der Gebirge als Grundlage. Dazu gehört das Verständnis der Naturgesetze und eine möglichst perfekte Anpassung. Umso weniger man dabei an technischen Hilfsmitteln braucht, desto größer wird der Erfahrungswert. Kurz, der Mensch begegnet ungefiltert dem Berg und lernt dabei über beide etwas.
Die Wirtschaft strauchelt meiner Einschätzung nach genau an diesem Punkt. Sie tut sich schwer zu begreifen, dass sie (und die Menschheit) langfristig nur überleben wird, wenn sie sich verändernden Naturgegebenheiten perfekt anpasst, denn sie beherrschen zu wollen, ist reine Hybris. Wachstum im Sinne von schneller, weiter, höher wird nicht mehr lange haltbar sein. Wachstum, an Naturgesetzen orientiert, kann ich mir in vielen Bereichen gut vorstellen. Damit einhergehend braucht es wohl auch eine neue gesellschaftliche Definition von Wohlstand.
LEADERSNET: Sie sprechen von Naturgesetzen, Anpassung und den Grenzen menschlicher Kontrolle. Das führt mich zu einer schwierigen, aber wichtigen Frage: Sie haben schmerzliche Erfahrungen mit Lawinenunfällen und Verantwortung geteilt. Wie beeinflusst das Bewusstsein über Tragödien im Feld Ihre Haltung zur persönlichen Verantwortung – und welche Parallelen sehen Sie zu Verantwortungsträgern in der Wirtschaft?
Eisendle: Es gab in meinem Leben mit Tausenden von Skitouren eine einzige mit tragischem Ausgang. Dieses Ereignis war für mich vorher nicht denkbar. Trotz aller Erfahrung ist es eingetreten und es war in der Wirkung, neben der Trauer, wie eine innere Amputation. Undenkbar war für mich in der unmittelbaren Zeit danach weiterhin Verantwortung zu tragen.
Wie aber kann ein Leben gelingen, ohne Verantwortung zu tragen?
Der Schlüssel war für mich nach langem Ringen die Einsicht, dass ich trotz besten Wissens weiterhin Fehler machen werde, egal was ich tue. Der Abstieg zu dieser Einsicht ließ mich dort weiter machen, wo ich am liebsten bin und was ich am besten kann. Dass mir dann noch viele Menschen das Gefühl gaben, genau dort gebraucht zu werden, war das größte Geschenk. So wuchs langsam wieder die Freude am Tun und das Selbstvertrauen, ab diesem Zeitpunkt aber immer gepaart mit der Ahnung, dass mein Bestes zu wenig sein kann. Ähnlich wird`s wohl Entscheidungsträgern in der Wirtschaft gehen, aber mit dem beneidenswerten Vorteil, dass ihre Fehler meist für niemand tödlich enden.
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