Interview mit dem NABU-Geschäftsführer
Moritz Klose: "Naturschutz funktioniert nur, wenn man die Menschen einbezieht"

Bären, Wölfe und Luchse kehren nach Europa zurück – und mit ihnen Fragen, die lange niemand mehr stellen musste. Moritz Klose sieht darin jedoch keine Bedrohung, sondern einen Wendepunkt. Im Gespräch erklärt er, warum Herdenschutz und klare Regeln wichtiger sind als Romantik, weshalb Konflikte oft menschengemacht sind und wo er weltweit Lösungen gesehen hat, die auch in Europa funktionieren könnten.

Wie Europa lernt, mit Bären, Wölfen und anderen Rückkehrern zu leben – und warum echter Artenschutz für Moritz Klose, Geschäftsführender Vorstand beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), vor allem bei den Menschen beginnt.

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LEADERSNET: Herr Klose, wir erleben aktuell in Europa ein Comeback großer Säugetiere wie Wölfe, Luchse und Bären. Sie sagen, "die Rückkehr der Bären ist nur eine Frage der Zeit". Wie schätzen Sie deren Bedeutung für unser Ökosystem und unser Zusammenleben mit der Natur ein?

Moritz Klose: In den letzten Jahrzehnten haben sich Bestände und Lebensräume vieler großer Beutegreifer erholt. So hat die Zahl der Braunbären in Europa in den letzten zehn Jahren um mehr als fünfzehn Prozent zugelegt. Das zeigt, wie stark sich strenge Schutzmaßnahmen auswirken. In Ländern, in denen es schon immer Bären gibt, begegnen die Menschen dem Thema gelassener. Schwieriger wird es da, wo Bären neu auftreten – etwa in Deutschland oder Österreich.

Aus dem Trentino wandern Tiere zunehmend Richtung Norden. Wie schnell sich diese Entwicklung fortsetzt, hängt auch davon ab, wie gut wir lernen, wieder mit Bären zu leben. Das haben wir verlernt, weil über Jahrhunderte keine Bären mehr da waren.

Die Herausforderungen liegen vor allem in zwei Bereichen: Nutztierhaltung und Sicherheit. Bären und auch Wölfe können Schäden verursachen. Herdenschutz braucht Umstellung und Aufwand. Und zweitens müssen Menschen wissen, wie man sich in Bärengebieten richtig verhält. Die meisten Tiere sind unauffällig, aber einzelne können gefährlich werden – wenn sich Menschen falsch verhalten. Der Umgang damit erfordert Wissen und klare Regeln.

LEADERSNET: In Ihrem Buch "Im Reich der Bären" schildern Sie, wie Sie in Rumänien Braunbären beobachten, mit Grizzly-Forschern in Alaska sprechen und sich zwischen Tierschützern und Bärengegnern in Bayern wiederfinden. Welche Ihrer persönlichen Begegnungen hat Sie am nachhaltigsten geprägt – und warum?

Moritz Klose: Zwei Erlebnisse bleiben mir besonders in Erinnerung. In Alaska, im Katmai-Nationalpark – einem Ort mit einer der weltweit höchsten Braunbärendichten – wurde ich nachts im Zelt wach, weil ein Bär praktisch an meinem Ohr schnaufte. Das war... unvergesslich. Zum Glück ist alles glimpflich ausgegangen.

Eine ganz andere Art der Begegnung hatte ich in Rumänien. In einem Dorf in den Karpaten gehören Bären zum Alltag – man findet mitten im Ort Bärenlosung. Aber ich war auch erschüttert: An einer Touristenstraße wartete ein Bär auf Reisebusse, und Busfahrer warfen Äpfel raus. So entstehen Problembären. Diese beiden Extreme – die respektvolle Distanz und die gefährliche Gewöhnung – haben mir gezeigt, worauf es ankommt.

LEADERSNET: Dennoch sagen Sie, ein konfliktarmes Zusammenleben sei möglich – selbst in dicht besiedelten Regionen. Welche Beispiele funktionieren aus Ihrer Sicht?

Moritz Klose: Slowenien ist dafür ein starkes Beispiel. Dort leben rund tausend Bären, dazu Wölfe und Luchse – alles auf einer Fläche so groß wie Bayern. Der Schlüssel liegt in drei Punkten: Erstens kennen die Menschen diese Tiere seit jeher, sie waren nie ausgerottet. Zweitens gibt es ein hervorragendes Monitoring: Der Forstdienst weiß genau, wo wie viele Tiere leben. Und drittens werden einzelne Bären auch bejagt – in kleiner Zahl, aber gezielt. So lassen sich Konflikte reduzieren, ohne die Population zu gefährden.

Wenn man weiter über Europa hinausblickt: In Nordamerika ist Wildtiermanagement hochprofessionell. Ganze Einheiten kümmern sich ausschließlich um das Zusammenleben mit großen Wildtieren.

LEADERSNET: Seit 2009 konzentriert sich Ihre Stiftung auf Artenvielfalt und Klimaschutz, besonders in Regionen, in denen naturnahe Lebensräume unter Druck stehen. Wie hat sich Ihr Programm seitdem entwickelt – und worauf setzen Sie in den kommenden Jahren?

Moritz Klose: Wir sind von der Größe her eine kleine Stiftung. Deshalb schauen wir genau, wo wir mit begrenzten Mitteln möglichst viel Wirkung erzielen. Unser Schwerpunkt liegt inzwischen stärker auf konkreten Artenschutzprojekten und auf innovativen Ansätzen.

Moritz Klose (Bild: Tony Roland)Moritz Klose (Bild: Tony Roland)

Ein Projekt in Sri Lanka zeigt das gut. Dort gibt es die meisten Mensch-Elefant-Konflikte weltweit. Elefanten verlassen die Nationalparks, zerstören Felder, verletzen oder töten Menschen. Wir unterstützen ein Projekt, das Orangenbäume um Dörfer pflanzt – eine Sorte, die Elefanten meiden. Seitdem gibt es keine Verletzungen und keine Sachschäden mehr. Solche einfachen, aber wirksamen Lösungen wollen wir weiter ausbauen.

Klimaschutz bleibt wichtig, aber wir pflanzen nicht einfach nur Bäume. In Tansania etwa schützen wir einen Regenwald, der Lebensraum für sehr seltene Arten ist. Klimaschutz und Artenvielfalt gehen dort Hand in Hand.

LEADERSNET: Um dies alles finanzieren zu können, braucht es geordnete Finanzen. Sie veröffentlichen jährlich Ihren Finanzbericht. Wie erschließen Sie neue Fördermittel und wie sichern Sie die langfristige Wirkung Ihrer Projekte?

Moritz Klose: Für uns ist die Diversifizierung der Einnahmen entscheidend. Wir haben unser Stiftungskapital und viele treue Förderer. Gleichzeitig investieren wir stärker in Online-Fundraising – über soziale Medien oder Google Ads. Wir kooperieren auch mit Unternehmen, wenn deren Nachhaltigkeitsziele zu unseren Projekten passen. Und gelegentlich arbeiten wir mit anderen Stiftungen zusammen oder greifen auf öffentliche Förderprogramme zurück. Die Mischung macht uns stabil.

LEADERSNET: Machen Sie das Marketing selbst?

Klose: Ja, das machen wir inhouse.

LEADERSNET: Eine besonders heikle Gratwanderung dürfte die Unternehmensansprache sein. Wie gehen Sie damit um – sprechen Sie Konzerne proaktiv an, oder warten Sie ab, bis sie von sich aus auf Sie zukommen? Und wie stellen Sie sicher, dass es nicht nur um "Greenwashing" geht?

Moritz Klose: Ja, aber sehr gezielt. Wir schauen genau hin, ob ein Unternehmen wirklich glaubhafte Nachhaltigkeitsziele verfolgt. Viele kommen selbst auf uns zu. Kaltakquise ist schwieriger geworden. Von fünfzig angeschriebenen Unternehmen führt vielleicht eines oder zwei zu einer Kooperation. Das ist viel Fleißarbeit. Gleichzeitig sind die bestehenden Partnerschaften für uns viel wertvoller als jede Kaltakquise.

LEADERSNET: Von wirtschaftlichen Aspekten zurück zu Ihrer Arbeit. Ihre Biografie zeigt, dass Sie nicht nur in Mitteleuropa, sondern auch in tropischen Ökosystemen (Panama) und Waldsteppen (Mongolei) gearbeitet haben. Wie beeinflusst diese globale Perspektive Ihre Herangehensweise beim Naturschutz in Europa? Gibt es Prinzipien, die überall gelten, und wo müssen Sie unbedingt lokalspezifisch denken?

Moritz Klose: Ein Prinzip gilt immer: Naturschutz funktioniert nur, wenn man die Menschen vor Ort einbezieht. Schutzmaßnahmen müssen ihre Lebensbedingungen verbessern oder zumindest nicht verschlechtern. Unser Motto lautet "Für Mensch und Natur", und das meinen wir wörtlich.

Ein Beispiel: Der Graue Kronenkranich in Ostafrika ist bedroht, weil Menschen Eier und Tiere nutzen, um zu überleben. Wir unterstützen Projekte, die alternative Einkommensquellen schaffen – Bienenhaltung, Gewächshäuser, bessere Ackerbau-Methoden. Nur so entsteht Akzeptanz. Und deshalb arbeiten wir immer mit lokalen Partnern. Sie kennen die Situation besser und handeln auf Augenhöhe mit den Gemeinden.

LEADERSNET: Nun zu einer Aussage, die in der taz für kontroverse Diskussionen gesorgt hat: Sie sagen, Naturschützer müssten akzeptieren, "dass Tiere gemanagt und einzelne auch geschossen werden". Das klingt für viele wie ein Verrat an der eigenen Sache. Wie navigieren Sie ethisch in diesem Spannungsfeld zwischen dem Schutz ganzer Arten und dem pragmatischen Management einzelner Tiere – besonders wenn lokale Gemeinschaften im Spiel sind?

Moritz Klose: Unser Fokus ist der Schutz von Arten, nicht einzelner Individuen. Viele verwechseln Tier- und Artenschutz. Wenn ein Wolf regelmäßig Herdenschutzmaßnahmen überwindet oder sich Menschen nähert, muss er entnommen werden. Sonst verliert die ganze Art Akzeptanz. Das Gleiche gilt in unseren internationalen Projekten: Manchmal müssen Tiere umgesiedelt oder vergrämt werden, wenn sie eine Gefahr darstellen. Das ist kommunikativ schwer, aber notwendig, wenn man das große Ganze schützen will.

LEADERSNET: Sie sind nicht nur Naturschützer, sondern auch Buchautor, Wildtier-Experte und Führungskraft – geboren 1987, haben Sie bereits ein bemerkenswertes Lebenswerk aufgebaut. Welche Worte von Vorbildern oder Denker:innen (etwa von Naturphilosophen, Wissenschaftlern oder Persönlichkeiten) haben Sie auf Ihrem Weg besonders inspiriert – und welches Zitat würden Sie anderen Naturschützer:innen als Leitspruch mit auf den Weg geben?

Moritz Klose: Mich haben weniger große Denker geprägt, sondern eher engagierte Menschen vor Ort. Naturschutz lebt von Einzelnen, die in ihrer Region Verantwortung übernehmen.

Ein Beispiel aus Kenia: Unsere Partner dort haben vor zehn Jahren begonnen, den Grauen Kronenkranich in einem Feuchtgebiet zu schützen. Damals gab es keine erfolgreichen Bruten mehr. Heute gibt es wieder rund 250 Brutpaare. Das war möglich, weil ein paar Menschen unermüdlich von Dorf zu Dorf gegangen sind und erklärt haben, warum der Kranich wichtig ist – und dass die Menschen mit dem Schutz von Feuchtgebieten auch ihre eigenen Lebensgrundlagen schützen.

Ein Satz, der sich für mich immer wieder bewahrheitet, stammt von Aldo Leopold: "Wildtiere zu managen heißt, Menschen zu managen." Das trifft meine Arbeit sehr gut. Am Ende arbeite ich weniger mit Tieren als mit Menschen, die Konflikte mit Tieren haben.

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