LEADERSNET: Frau Göpel, Sie sprechen seit Jahren davon, dass wir unsere Wirtschaftslogik neu denken müssen. Wo stehen wir Ihrer Einschätzung nach aktuell in der Transformation – und was hemmt den Fortschritt am meisten?
Maja Göpel: Aktuell erleben wir eine konzertierte Zerstörung der Agenda für nachhaltiges Wirtschaften, angeführt vom US-Präsidenten und seiner Administration. Im Zentrum der neuen Logik steht ja die Anerkennung, dass der Planet Erde kein endloser Steinbruch ist, aus dem Menschen alles rausreißen können, was sie wollen, sondern ein großer, lebendiger Organismus, der nur dann weiter eine stabile Ressourcenversorgung wird anbieten können wird, wenn die naturbasierten Netzwerke hinter diese Versorgungsleistung nicht zerstört werden. Ohne eine ausreichend große Menge an Pflanzen und Tieren wird weder das Wasser noch die Luft gereinigt, noch die Ernte bestäubt oder die Böden regeneriert. Dazu kommt, dass wir diese Menge nicht einfach hin- und herschieben können, sondern erst die Netzwerke zwischen den Pflanzen und Tieren ihr gemeinsames Leben ermöglichen. Die sind über Millionen von Jahren entstanden und wenn wir unsere Lebensbedingungen der letzten 10.000 Jahre erhalten wollen, dann entstehen daraus eben Ausbeutungsgrenzen, planetare Grenzen.
LEADERSNET: Wer treibt diese Missachtung der planetaren Grenzen aktuell voran?
Maja Göpel: Trump und seine Leute wissen meiner Ansicht genau, dass die Erde kein endloser Steinbruch ist, aber sie haben für sich den Schluss gezogen, dass sie sich genau deshalb gigantische Anteile daran sichern wollen – auf Kosten vieler anderer. Dabei beschränken sie sich leider nicht darauf, ihre eigenen Aktivitäten auszurichten, sondern greifen auch noch aktiv die Transformationspolitik in anderen Teilen der Welt an. Das haben wir bei Drohungen gegen die EU-Lieferkettenpolitik oder auch die Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit genauso erlebt, wie bei verbindlichen Dekarbonisierungsplänen für Unternehmen.
LEADERSNET: Was bedeutet diese Form von Machtpolitik für Führungskräfte, die ihr Unternehmen langfristig ausrichten wollen?
Maja Göpel: Der wichtigste Wert ist meiner Ansicht nach der Anstand. Die Bereitwilligkeit, anständig hinzugucken und Verantwortung zu übernehmen für das, was ich dann sehe. Wie z.B. das eigene Geschäftsmodell auf Umwelt und Gesellschaft wirkt – nicht nur bei den Kunden, sondern auch in der Produktion. Die Abhängigkeit von Rohstoffen wird nun machtpolitisch verdeutlicht, möglichst ressourcenleicht zu werden, war aber auch vor diesem Showdown das Ticket zur Langfristigkeit.
LEADERSNET: Gibt es dafür ein belastbares wirtschaftliches Leitkonzept?
Maja Göpel: Der Begriff der „Performance Ökonomie“ von Walter Stahel bietet eine eingängige Richtschnur: so wenig materieller Durchsatz wie möglich für eine gute Versorgungsleistung - das ist anständiges Design. Für die Betriebsebene ist beim Wuppertal Institut in den 1990ern das Konzept der MIPS geprägt worden: Materialintensität pro Serviceeinheit. Wie kann ich Bedürfnisse mit geringster Naturzerstörung bedienen, also dem geringsten ökologischen Rucksack? Für mich ist das weiter die beste Formel für anständige Wertschöpfung. Ich verstehe nicht, wie nach so vielen Jahrzehnten Aufklärung erneut ein Diskurs durchbrechen kann, der davon spricht, dass der Umweltschutz nun der „Wirtschaftlichkeit“ weichen müsse. Dafür muss ich schon wirklich viel Realität ausblenden – gerade jetzt, wo ganze Länder für den Zugriff auf mehr Ressourcen annektiert werden sollen. Leider verstecken die leitenden wirtschaftlichen Kennzahlen diese realen Effekte – trotz jahrzehntelanger Kritik daran.
LEADERSNET: Viele Unternehmen betonen inzwischen Nachhaltigkeit, doch oft bleibt es bei Schlagworten. Nachhaltigkeit bedeutet heute mehr als Umweltschutz. Wie schaffen es Organisationen, diesen Anspruch glaubwürdig zu integrieren?
Maja Göpel: Indem sie es zum Chefthema machen und in ihrer Governance und Erfolgsdefinitionen verankern. In der Transformationsforschung heißt es, dass ein deklariertes Ziel auch zum gelebten Ziel werden muss. Unternehmen, die das tun, erkennen auch schnell, wie dringend ein Update von Preissignalen, Steuern, Subventionen, Bilanzierungsstandards, Handelspolitik und makroökonomischen Modellen ist, damit Unternehmen nachhaltig werden können. Hier wünsche ich mir mehr Mut, das auch öffentlich zu formulieren.
LEADERSNET: Wie genau meinen Sie das?
Maja Göpel: Oft heißt es, dass Unternehmen ja „nicht politisch“ seien. Erstens stimmt das nicht, da muss ich mir nur den Verband der Familienunternehmer oder das Institut Neue Soziale Marktwirtschaft angucken oder die Termine von Kommissionsbeamten in Brüssel veröffentlichen. Und zum anderen geht es nicht um Parteipolitik, sondern um konkrete Veränderungsnotwendigkeiten. Aktuell sind diejenigen sehr laut, die das blockieren wollen – und da sie gerne für „die“ Wirtschaft sprechen, wirkt auch Schweigen politisch.
LEADERSNET: Warum wird Transformation in der öffentlichen Debatte so häufig als Zumutung wahrgenommen?
Maja Göpel: Wir sind aus der Situation heraus, in der ich noch alles als Chance erklären kann oder können sollte. Viele scheinen immer noch nicht verstanden zu haben, dass wir entweder einen ressourcensparenden Weg weiter vorantreiben und damit der protzigen Zerstörungswut aus den USA etwas entgegensetzen können – oder im Wettlauf der Ausbeutung an den Rand geschubst werden. „We cannot win a race to the bottom“, so hat es Teresa Ribeira, die Vize-Präsidentin der Europäischen Kommission für eine wettbewerbsfähige Transformation auf den Punkt gebracht.
LEADERSNET: Was bedeutet das für Europa?
Maja Göpel: Unsere Chance in Europa liegt darin, in Zeiten der Geoökonomie die konfliktärmsten Versorgungsangebote bereitzustellen, eben weil sie performant sind und damit weniger Primärressourcen brauchen. Ja, natürlich werden wir dafür in unseren Gewohnheiten einiges ändern müssen und die nächsten 10 Jahre werden nicht bequem – aber was uns verlustig geht, wenn wir uns nicht mutig bewegen, geht weit über Einschränkungen beim Konsum hinaus. Und sich gemeinsam mutig bewegen hilft besser gegen Ohnmacht als ein Wegducken in der Hoffnung, dass die aktuelle Eskalation vorübergeht oder mich nicht trifft.
LEADERSNET: Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Europa diesen Weg konsequent gehen kann?
Maja Göpel: Indem wir Transitionspläne oder Missionen aufstellen, sektoral und regional, die nicht im parteipolitischen Machtgerangel ständig aufgefleddert und bedroht werden, sondern Ziele ernst genommen und politische Wirksamkeit evaluiert und nachjustiert wird. So wie das z.B. im Green Deal der Europäischen Union formuliert ist. Hier braucht eine bessere Konsultation von Unternehmen, damit die Umsetzung pragmatisch, effektiv und effizient ist, aber genauso eine konsequente Richtungssicherheit und Verbindlichkeit, in Konsultationen sollten besonders die gehört werden, die auch ernsthaft umsetzen. Der bundespolitische Zickzack-Kurs der letzten Jahre ist für viele Unternehmen deutlich schlimmer, als sich auf einen verlässlichen Transformationspfad einzustellen. Jenseits der aggressiven Niedergangsrhetorik einiger Besitzstandswahrer bestätigen das die meisten Branchen und auch führende Volkswirtschaftler:innen.
LEADERSNET: Was bedeutet diese wachsende Komplexität für moderne Führung – und welche Eigenschaften braucht Leadership heute, um Orientierung zu geben?
Maja Göpel: Aus meiner Sicht brauchen wir das, was als systemische Führung oder auch dienende Führung bezeichnet wird. Komplexe Systeme lassen sich nicht top-down kontrollieren und starre Hierarchien sind oft zu langsam und mutlos, wenn es transformativ wird oder schnell gehen muss. Es braucht gesunde Ermessensspielräume für pragmatische oder innovative Zielerreichung, selbst wenn mal was schief geht. Das ist eher kulturell, macht aber zum Beispiel einen zentralen Unterschied zwischen skandinavischen und deutschen Bürokratien aus. Dazu gehört dann natürlich auch ein klarer Kompass, innere Führung mit Rückbindung an tief ankernde Werte. Gerade jetzt, wo konkurrenzbasierte Machtspiele und autoritäre Vorstöße zum Trend erklärt werden, braucht es Menschen mit Haltung. Denn Checks-and-Balances hat eine Demokratie oder Organisation genau dann, wenn einzelne Personen checken und balancierenden Einspruch erheben.
LEADERSNET: Kapitalmärkte gelten als Schlüsselfaktor für Transformation. Sehen Sie Anzeichen, dass sich Investitionsentscheidungen tatsächlich stärker an Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Mehrwert orientieren – oder dominiert noch immer der kurzfristige Renditedruck?
Maja Göpel: Wir sehen eine klare Trennung der Spreu vom Weizen. Viele gehen das Bonanza der KI-getriebenen Aktienmärkte mit und warten auf weitere Deregulierungen aus den USA. Auch der Rüstungssektor ist auf einem Allzeithoch, obwohl wir hier natürlich Regrettables herstellen – also Dinge, bei denen wir uns hoffentlich einig sind, dass es ein großer Fortschritt ist, wenn wir diese Produktionen wieder drosseln können. Pensionskassen sollten also bitte draußen bleiben und auch das Label „nachhaltige Investition“ hat hier keinen Platz, bei aller kurzfristigen Notwendigkeit. Leider sehen wir auch ein wachsendes Problem von Private Equity in Bereichen der Grundversorgung, insbesondere Gesundheit und Pflege, aber auch Wohnraum oder schlicht Landbesitz: da geht es nicht selten um reine Kosteneffizienz und nicht Versorgungsqualität, um kurzfristige Ergebnisse und ein Abziehen der Erträge, anstatt durch Reinvestitionen langfristig bestmögliche Angebote zu verfolgen. Die Rückversicherer und auch der Bankenverband, also institutionelle Akteure mit längerfristigen Kundenbeziehungen, haben sich vor dem Jahreswechsel hingegen weiter klar für eine Nachhaltigkeitstransformation ausgesprochen – die Risiken werden sonst sehr schwer kalkulierbar und es gibt viele Chancen zu heben.
LEADERSNET: Diese Entwicklungen zeigen, wie komplex die Zusammenhänge sind. Ihr Buch „Wir können auch anders“ hat viele Menschen erreicht, die sich sonst kaum mit Systemfragen beschäftigen. Wie wichtig ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie zum Handeln motivieren?
Maja Göpel: Für mich ist das die Grundlage von freien, lernenden und damit liberalen Demokratien. Eine bestinformierte Meinungs- und Willensbildung der Bürger:innen ist ja Voraussetzung dafür, dass sie auch im Sinne ihrer eigenen Interessen wählen können. Dazu als aufgeklärte Mitmenschen im Alltag durch Kauf- und Lebensstilfragen oder Rückmeldungen an die Politik zum Erreichen gesellschaftlicher Ziele beitragen können. Bürgersein ist ja mehr, als einmal ein Kreuz zu machen und sonst mit maximaler Nachfrage das Bruttoinlandsprodukt anzukurbeln. Außerdem stärkt es die Resilienz, also eine konstruktive Form, mit Krisen umgehen zu können. Verständnis der Zusammenhänge, Übersicht zu Handlungsoptionen und Sinnerfahrungen, indem wir wirksam werden oder andere zum Mitmachen gewinnen können, – das sind drei wichtige Zutaten dafür.
LEADERSNET: Bildung spielt eine zentrale Rolle in Ihrer Arbeit. Welche Kompetenzen sollten in Schulen, Universitäten und Unternehmen künftig stärker gefördert werden, um Menschen auf den Wandel vorzubereiten?
Maja Göpel: Der Stifterverband hat gerade wieder eine Übersicht zu „Zukunftskompetenzen“ veröffentlicht, insbesondere für das Zeitalter mit KI. Besonders stark gemacht wurden Denk-, Urteils- und Handlungskompetenzen, inklusive kreativer Vorstellungskraft, kritischem Hinterfragen und konstruktivem Miteinander und Selbstkompetenz. Also nicht klassische Wissensaufnahme, „Was muss da rein in den Kopf,“ sondern das Wie des Lernens und Wirkens in der Welt. Auf der Online Educa Berlin im Dezember haben wir auch diskutiert, wie neue Technologien menschliche Fähigkeiten unterstützen und nicht degenerieren. Studien zu den Effekten von ChatGPT-Nutzung in Bildungs- oder Arbeitskontexten für schnellere Ergebnisse zeigen eher besorgniserregende Trends: durch das kognitive Offloading, also der vollen Delegation von Informationssuche und -aufbereitung, verkümmern die neuronalen Verdrahtungen in unserem Gehirn. Was nicht benutzt wird, bildet sich zurück. Damit gehen Fähigkeiten wie kritisches Denken und Entscheidungsfindung zurück, auch werden Inhalte schlechter erinnert und damit die Ausbildung von selbstverständlichem, also intuitiv verfügbarem Wissen reduziert. Ja, natürlich kann ein Computer schneller rechnen, aber Verhältnisse, Proportionen oder Dynamiken selbst einschätzen zu können, sollten wir uns nicht nehmen lassen.
LEADERSNET: Wenn Sie einen Blick zehn Jahre in die Zukunft werfen: Woran würden Sie erkennen, dass die Transformation gelungen ist?
Maja Göpel: Wenn ich nie wieder hören, muss, dass Naturwissenschaften eine Ideologie oder Nachhaltigkeit ein Megatrend seien – oder eben nicht mehr Trend.
LEADERSNET: Zum Abschluss: Sie wurden kürzlich als „Changemakerin des Jahres“ von der Zeitschrift myself ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen ein solcher Preis persönlich – und wie kann er dazu beitragen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderung sichtbarer zu machen?
Maja Göpel: Für Menschen wie mich, die mit ihrer Arbeit nicht direkt Ergebnisse erzielen – so wie beim Handwerk, in der Landwirtschaft oder in menschennahen Dienstleistungen zum Beispiel – ist es eher schwer, die Wirkung des eigenen Tuns zu erkennen. Da sind solche Anerkennungen toll, da sie ein gebündeltes Feedback sind: ja, du bewirkst etwas, wenn auch indirekt.
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