Bürokultur
Kreischende Kollegen, Leberkäsebrötchen und Thermostat-Krieg: Die ungeschminkte Wahrheit über das Großraumbüro

| Redaktion 
| 29.01.2026

Es ist 8:21 Uhr. Acht Menschen sitzen in einem Raum, der "offen" heißt, aber nichts freigibt außer Geräuschen. Die Luft riecht nach Kaffee, nach Parfum aus der Drogerie und nach dem leisen Wunsch, heute möglichst in Ruhe gelassen zu werden. Einer behält die Jacke an. Eine andere hat sie bereits über die Stuhllehne gehängt. Noch sagt niemand etwas. Noch.

Das Großraumbüro ist vielleicht erstmal Zuversicht. Kurze Wege. Schneller Austausch. Man sieht sich, man hört sich, man gehört zusammen. Acht Menschen, ein Raum – was soll schon schiefgehen?

Doch der erste Konflikt lässt nicht lange auf sich warten: es geht um die Temperatur. Sie ist nie richtig, nur verschieden falsch. Dem einen läuft der Schweiß über den Rücken, während die andere den Schal enger zieht und sagt, sie sei „extrem zugluftempfindlich“. Die Klimaanlage bleibt aus. Sie bleibt immer aus. Das Fenster wird gekippt, geschlossen, wieder gekippt. Es ist mehr als ein Fenster, es ist ein Abstimmungsgerät ohne Mehrheiten.

Dann kommen die Geräusche.

Zuerst harmlos. Tastaturen. Stühle. Das Rascheln von Papier. Und dann: Stimmen. Telefonate werden nicht geführt, sie werden ausgestellt. Lautsprecher an, Oberkörper zurückgelehnt, als ginge es weniger um Arbeit als um Präsenz. Man kennt nach wenigen Minuten die Namen fremder Menschen und ihre Probleme. Teams-Meetings sind keine Meetings, sie sind akustische Übergriffe. Wer hier sitzt, nimmt teil. Ob er will oder nicht.

Fragen werden quer durch den Raum gerufen. Antworten auch. Aufstehen ist schließlich ineffizient, gehen optional.

Dann gibt es noch diese Figuren, die das Großraumbüro hervorbringt, zuverlässig wie Staub auf Bildschirmen.

Die Frau, deren Lachen schneller ist als ihr Gegenüber. Telefonate führt sie auf Lautsprecher. Wenn sie lacht, dann schallt es wie in einem Stadion. Die Kolleginnen nennen sie „die Vuvuzela“.

Der Mann mit dem chronischen Husten. Kein beiläufiges Räuspern, sondern ein trockenes, kehliges Geräusch, das sich festsetzt. Manchmal flucht er dazwischen, weil er sich selber auf die Nerven geht.

Die Erzählerin, die einfach nicht aufhört zu reden. Von der Kreuzfahrt. Vom Kapitän. Vom Paar aus Kabine 314, das irgendwie schwierig war. Ihre Sätze haben keinen Anfang und kein Ende, nur Anschluss. Man weiß irgendwann mehr über das Bordbuffet als über das eigene Projekt.

Und der Mann mit dem Wochenritual. Einmal, zuverlässig wie das Montags-Standup, holt er den Nagelknipser aus der Schublade. Kein Blick in die Runde, keine Regung im Gesicht. Klack. Pause. Klack. Noch einer. Das Geräusch ist klein, aber unanständig, weil es Intimität herstellt, wo sie niemand haben will. Man hört weg und hört genau deshalb hin. Wenn er fertig ist, arbeitet er weiter.

Gegen Mittag beginnt die Stimmung zu kippen. Und mit ihr die Gerüche. Ein Leberkäsebrötchen wird langsam und bedächtig ausgepackt. Geruch ist fettig, endgültig. Er legt sich über den Raum wie eine zweite Decke. Lüften hilft nicht. Man sitzt es aus, so wie man alles aussitzt hier.

Die Stühle sind aus Stoff. Sie haben schon viele Tage gesehen, viele Körper aufgehalten, den Duft vieler Mittagessen aufgenommen.

Die meisten haben gelernt, sich zu schützen. Kopfhörer. Noise Cancelling. Musik, Podcasts, irgendetwas mit Stimmen, die nicht hier sind. Zusammenarbeit ja, aber bitte gedämpft. Man nickt sich zu, man schreibt sich Nachrichten, obwohl man sich berühren könnte. Nähe erzeugt Reibung. Distanz erzeugt Ruhe.

Und dann gibt es die anderen, die dieses Grundrauschen brauchen. Für die Stille etwas Bedrohliches hat. Die sich erst konzentrieren können, wenn es um sie herum lebt, atmet, telefoniert, lacht, hustet. Für sie ist das kein Lärm, sondern Beweis. Arbeit, die man hören kann.

Das Großraumbüro ist ein Verstärker. Es macht alles lauter: Eigenheiten, Rücksichtslosigkeit, kleine Unarten, große Unfähigkeit zur Selbstwahrnehmung. Man hört einander. Man riecht einander. Man ist einander ausgeliefert – acht Stunden am Tag.

Um 17:46 Uhr steht jemand auf. Eine Jacke wird angezogen. Ein Stuhl zurückgeschoben. Das Fenster geschlossen. Der Geräuschpegel fällt ab wie nach einem Gewitter. Für einen Moment ist es still.

Morgen wird es wieder so beginnen: mit Hoffnung. Und mit einem Fenster, das irgendwer zuerst öffnet.

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