LEADERSNET: Herr Professor Binswanger, Sie zeigen seit Jahren, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch Glück bedeutet. In einer Zeit, in der die westlichen Staaten trotz Wohlstand über Überlastung und Sinnverlust klagen: Haben wir heute ein Zuviel des Guten – oder fehlt nur die richtige Balance zwischen Haben und Sein?
Mathias Binswanger: Diese Balance fehlt tatsächlich vielfach. Was wir in hochentwickelten Ländern beobachten – in Westeuropa, den USA, Kanada, Japan, Australien und einigen weiteren – ist bemerkenswert: Der materielle Wohlstand stellt längst nicht mehr den entscheidenden Engpass für das Glück dar. Andere Dimensionen sind zentral geworden – ein intaktes Sozialleben etwa, oder die Frage, ob man einen Beruf ausübt, der einen wirklich interessiert und erfüllt. Die grundlegenden Bedürfnisse sind gedeckt, und damit rücken andere Faktoren in den Vordergrund.
LEADERSNET: Bleiben wir beim Wandel unserer Lebens- und Arbeitswelt: Sie haben kürzlich gesagt, dass Zeit als Maßstab für Arbeit und Leistung in der modernen Wissensgesellschaft kaum noch geeignet ist. Vor allem mit Blick auf künstliche Intelligenz stellt sich die Frage: Wohin entwickelt sich unser Verständnis von Arbeit überhaupt? Und wird Leistung künftig noch in Stunden messbar sein?
Mathias Binswanger: Die Messung von Arbeit anhand von Zeit verliert schon seit längerem – also bereits vor der künstlichen Intelligenz – an Sinn. Im Industriezeitalter, als viele Menschen am Fließband in Fabriken arbeiteten, konnte man Anwesenheit noch halbwegs mit Arbeit gleichsetzen. Sobald das Fließband lief, konnten die Menschen gar nicht anders als arbeiten – Charlie Chaplin hat das wunderbar illustriert. Heutige Tätigkeiten sind jedoch zunehmend komplexer und in vielen Bereichen kreativer geworden. Anwesenheit lässt sich nicht mehr mit Leistung gleichsetzen. Dennoch hält man an dieser Messgröße fest, weil sie so einfach zu erfassen ist.
Was tatsächlich die Leistung ausmacht, ist hingegen schwer zu messen. Ich glaube, die Zukunft wird sich dahingehend entwickeln, dass man konkrete Aufgaben definiert, die zu einer bestimmten Tätigkeit gehören. Wo, wie und in welchem Zeitraum diese erledigt werden, bleibt dann mehr den einzelnen Arbeitnehmern überlassen.
LEADERSNET: Wenn wir die Entwicklung weiterdenken – KI in der Wissensarbeit, Roboter in der Pflege – verschiebt sich auch das Bild davon, was als "Arbeitsleistung" gilt. Wird es in Zukunft überhaupt sinnvoll sein, Arbeit über Zeit zu definieren? Und vor allem: Wird es trotz Automatisierung genug Arbeit für alle geben?
Mathias Binswanger: Ob künstliche Intelligenz dazu führt, dass wir weniger Menschen brauchen: Das können wir bis heute eigentlich nicht beobachten. Der Grund ist ein anderer Faktor, der parallel immer mehr zunimmt – die Bürokratie. Wir sehen eine Verlagerung der Beschäftigung weg von der Produktion, wo immer weniger Menschen arbeiten, hin zu Organisation, Controlling, einer immer stärkeren Regulierung und der Compliance, die sicherstellt, dass diese Regulierung eingehalten wird. Diese Bereiche nehmen tatsächlich immer mehr Zeit in Anspruch.
LEADERSNET: Sie sprechen oft davon, dass nicht Besitz, sondern Zeit für Beziehungen, Familie und persönliche Entwicklung der entscheidende Glücksfaktor ist. Was würde das für eine Gesellschaft bedeuten, die Muße und Lebensqualität über Konsum stellt? Und bewegt sich unsere Gesellschaft tatsächlich in diese Richtung – oder birgt das, wie manche warnen, die Gefahr eines "Niedergangs durch Bequemlichkeit", wie er gern am Beispiel des Römischen Reiches beschrieben wird?
Mathias Binswanger: Das Bild des römischen Niedergangs taugt nur bedingt. Zum einen hat das Reich noch Jahrhunderte nach seiner Blüte existiert. Zum anderen ist es relativ "lustvoll" untergegangen. Von einem strengen kapitalistischen System konnten wir damals noch nicht sprechen.
Heute stehen wir vor einem anderen Problem: Für viele Menschen wäre etwas Konsumverzicht sogar wohltuend. Sie würden besser leben, wenn sie sich auf Nicht-Materielles konzentrieren könnten. Aber die Wirtschaft treibt uns in die Gegenrichtung, weil sie auf Wachstum angewiesen ist – nicht aus Gier, sondern aus Funktionslogik. Wer dauerhaft keine Gewinne macht, überlebt nicht.
Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen wirken auf den ersten Blick attraktiv, scheitern aber derzeit an der Finanzierung. Entweder ist es so niedrig, dass es kaum hilft, oder so hoch, dass nur ein funktionierendes Erwerbssystem es tragen könnte. Wir suchen noch nach einem Modell, das zu einer Gesellschaft passt, in der materieller Wohlstand nicht mehr das Hauptziel ist.
LEADERSNET: Lassen Sie uns über internationale Wirtschaftspolitik sprechen. Sie haben kommentiert, dass Trumps Zölle kurzfristig durchaus aufgehen könnten, obwohl sie langfristig schaden. Wie gefährlich ist dieser Trend zur wirtschaftlichen Kurzsichtigkeit?
Mathias Binswanger: Trump ist vor allem pragmatisch. Wenn Preise zu stark steigen, nimmt er Zölle wieder zurück. In seiner ersten Amtszeit haben Zölle auf Stahl und Aluminium tatsächlich kurzfristig gewirkt: Die Importe gingen zurück, die heimische Produktion stieg.
Langfristig ist das Bild komplizierter. Freihandel sorgt global für effizientere Produktion. Aber das ist ein Argument über Jahrzehnte. Menschen, die heute ihren Arbeitsplatz verlieren, hilft es wenig zu hören, ihren Enkeln gehe es später besser.
Zölle mögen aus globaler Sicht schaden, aber aus nationaler Sicht kurzfristig nutzen. Ein Präsident ist dem Wohlstand seiner Bevölkerung verpflichtet, nicht dem der gesamten Welt. Das erklärt diese Politik, auch wenn sie aus wissenschaftlicher Sicht problematisch ist.
LEADERSNET: "Erst wenn ich verzichte, habe ich nachher auch Freude beim Stillen meiner Bedürfnisse." Dieser Satz stammt von Ihnen. Können Sie sich eine Wirtschaft und Gesellschaft vorstellen, in der Suffizienz nicht als Verlust, sondern als Gewinn angesehen wird — und wenn ja: Wie sieht der Weg dorthin aus?
Mathias Binswanger: Unsere Herausforderung ist heute nicht mehr, etwas zu bekommen, sondern Freude daran zu empfinden. Beim Essen sieht man das gut: Das Problem ist nicht der Zugang zu Lebensmitteln, sondern der Hunger davor.
Früher freute man sich auf Urlaubsfotos, weil man warten musste. Heute machen wir Hunderte Bilder in perfekter Qualität, doch sie berühren uns weniger.
Suffizienz könnte unser Wohlbefinden steigern, aber sie begrenzt Wachstum. Und damit hat unser System Mühe. Grenzen werden verschoben, statt akzeptiert. Wenn Öl knapp wird, weichen wir auf andere Energieformen aus. Die Grenzen wandern, statt dass wir unser Verhalten anpassen. Das macht Suffizienz wirtschaftlich schwer integrierbar.
LEADERSNET: Abschließend ein Blick auf die Arbeitswelt: Automatisierung, KI, demografischer Wandel – viele sehen darin die Gefahr wachsender Ungleichheit. Kapital konzentriert sich in wenigen Händen und Unternehmen, ähnlich wie in den 1920er- und 1930er-Jahren. Wie stellen wir sicher, dass alle von dieser Entwicklung profitieren? Und welche Fähigkeiten werden besonders wichtig?
Mathias Binswanger: Man sollte vorsichtig sein, aus dem Hype um KI direkte Schlüsse zu ziehen. Viele Bewertungen beruhen auf Erwartungen, nicht auf realen Ergebnissen. Natürlich gibt es Machtkonzentrationen, vor allem bei großen Tech-Unternehmen. Aber vieles erinnert an die Dotcom-Zeit – manches wird sich bewähren, einiges nicht.
Was wir klar sehen: Beschäftigung verschiebt sich. In Banken etwa sinkt der Bedarf an Finanzanalysten, aber die Compliance-Abteilungen wachsen, weil Regulierung immer komplexer wird.
Was wir brauchen, sind weniger neue akademische Titel und mehr praktische Kompetenzen. In der Schweiz ist das System der Berufslehre gut etabliert, in Österreich und Deutschland teilweise auch. Genau solche praxisnahen Wege brauchen wir: Menschen, die mit neuen Technologien umgehen können, nicht nur solche, die darüber theorieren.
Das wäre ein Weg, wie möglichst viele von den Entwicklungen profitieren.
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