Die Krise moderner Führung
Prof. Wilhelm Eisner: "Viele Menschen kommen zu früh in Machtpositionen"

| Natalie Oberhollenzer 
| 31.05.2026

Karriere, Leistung und Führung werden meist mit Ausbildung, Tempo und Durchsetzungskraft verbunden. Der Mediziner Wilhelm Eisner hält diese Sichtweise für verkürzt. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie sich das menschliche Gehirn entwickelt, wann persönliche Reife entsteht – und welche Folgen es hat, wenn Organisationen Verantwortung zu früh vergeben. Im Interview spricht er über die Hirnentwicklung, Kreativität und Ermutigung, innere Reife und darüber, warum gute Führung für ihn vor allem mit innerer Stabilität zu tun hat.

LEADERSNET: Herr Eisner, warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Entwicklungsphysiologie und menschlicher Reifung im Zusammenhang mit Führung und Gesellschaft?

Eisner: Weil wir gesellschaftlich häufig so tun, als wären Ausbildung und Reife dasselbe. Das sind aber völlig unterschiedliche Dinge. Ein Mensch kann hervorragend ausgebildet sein und dennoch nicht die innere Stabilität besitzen, um andere zu führen. Mich interessiert die Frage, wann Menschen tatsächlich beginnen, komplex, fair und verantwortungsvoll zu handeln.

LEADERSNET: Sie schreiben, dass gerade die Vorpubertät eine entscheidende Phase ist. Warum?

Eisner: In dieser Phase passiert neurobiologisch enorm viel. Das Gehirn entwickelt sich weiter, Verbindungen werden stabilisiert, Fähigkeiten wie Reaktionsgeschwindigkeit, Koordination oder komplexes Lernen werden möglich. Gleichzeitig beginnt etwas anderes: Junge Menschen entwickeln ein Gefühl für die eigene Kraft, beginnen Autoritäten zu hinterfragen und entwerfen erste Vorstellungen ihrer Zukunft.

LEADERSNET: Und was tut sich in der Pubertät?

Eisner: In der Pubertät entsteht enorme Energie. Menschen entwickeln Leidenschaften, Ehrgeiz, Interessen. Viele entdecken in dieser Zeit Kunst, Wissenschaft, Musik oder Sport wirklich für sich. Das ist eine Phase großer Dynamik. Wenn diese Energie sinnvoll begleitet wird, kann daraus Exzellenz entstehen.

LEADERSNET: Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Ermutigung. Warum ist das so zentral?

Eisner: Weil junge Menschen in dieser Phase extrem empfänglich dafür sind, wie andere sie sehen. Worte wie "du kannst das schaffen" können Entwicklung freisetzen. Permanente Abwertung hingegen hinterlässt Spuren. Viele Erwachsene unterschätzen völlig, wie stark Demütigung, Entmutigung oder Geringschätzung Menschen prägen können.

LEADERSNET: Außerdem formulieren Sie teilweise sehr scharfe Kritik am Bildungssystem.

Eisner: Ich sehe seit Jahren, dass junge Menschen oft eher destabilisiert als gefördert werden. Natürlich gibt es großartige Lehrer und Mentoren. Aber es gibt eben auch Systeme, in denen Talente klein gehalten werden. Wer ständig vermittelt bekommt, dass er nicht gut genug sei, verliert irgendwann die Kraft, Neues zu wagen.

LEADERSNET: Die Gehirnforschung spricht von einem zweiten Frühling zwischen 45 und 55 Jahren. Was geschieht in dieser Zeit?

Eisner: Viele Menschen beginnen in dieser Lebensphase erneut, sich neu auszurichten. Man sieht das überall: Menschen verändern Prioritäten, entdecken neue Interessen oder entwickeln noch einmal große kreative Kraft. Oft entsteht erst dann eine wirkliche innere Reife.

LEADERSNET: Und daraus leiten Sie Ihre Kritik an modernen Karrieresystemen ab?

Eisner: Ganz genau. Viele Organisationen setzen heute sehr junge Menschen in Führungspositionen. Das Problem ist nicht Jugend an sich. Das Problem ist fehlende Reife. Wer sich selbst noch mitten in Positionskämpfen befindet, wird oft Schwierigkeiten haben, wirklich souverän zu führen.

LEADERSNET: Was beobachten Sie konkret?

Eisner: Dass Konkurrenz häufig wichtiger wird als Kooperation. Menschen beginnen dann, gleich starke oder stärkere Persönlichkeiten als Bedrohung wahrzunehmen. Das schadet Organisationen. Besonders in großen Institutionen sieht man oft, wie Talente verdrängt statt integriert werden.

     "Reife Führung erkennt starke Menschen nicht als Gefahr."

LEADERSNET: Wie sieht reife und "gute" Führung aus Ihrer Sicht aus?

Eisner: Reife Führung erkennt starke Menschen nicht als Gefahr. Sie kann unterschiedliche Talente integrieren, Konflikte aushalten und langfristig denken. Wirkliche Führung entsteht nicht allein durch Karrieregeschwindigkeit oder Titel, sondern durch persönliche Entwicklung, Erfahrung und die Fähigkeit, Verantwortung zu tragen.

LEADERSNET: Herr Eisner, vielen Dank für das Gespräch!

Wer Eisner live erleben möchte, hat dazu am 19. Juni 2026 Gelegenheit: Beim "Schmerztag 2026" im InterContinental Wien spricht er gemeinsam mit renommierten Expert:innen über moderne Schmerztherapie, Rückenschmerzen und neue interdisziplinäre Behandlungsansätze.

Die Fortbildungstagung steht unter dem Motto "Rückenschmerzen verstehen und behandeln" und richtet sich an Mediziner:innen sowie Gesundheitsberufe unterschiedlichster Fachrichtungen. 

Univ.-Prof. Dr. Wilhelm "Willi" Eisner

Eisner ist Neurochirurg, Schmerzmediziner, Universitätsprofessor in Pension. Er gilt als einer der renommiertesten österreichischen Experten für Schmerzmedizin und beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit Rücken- und Schmerzproblemen. Als Neurochirurg mit Schwerpunkt funktionelle Neurochirurgie und Schmerzmedizin führte Eisner unter anderem hochspezialisierte Eingriffe an Gehirn und Rückenmark durch. Seine Expertise umfasst insbesondere stereotaktische Neurochirurgie, Neuromodulation sowie moderne Verfahren der Schmerztherapie.

Im Bereich der tiefen Gehirnstimulation für Parkinson-Patient:innen, allen Formen der Dystonie, Essentieller Tremor, Tourette, Klusterkopfschmerz, Schmerzen nach Schlaganfall, Gesichtsschmerz ist die von ihm entwickelte Methode die derzeit effektivste Form der Behandlung.

Öffentlich tritt er regelmäßig für eine bessere Versorgung chronischer Schmerzpatient:innen sowie mehr Prävention und interdisziplinäre Schmerztherapie ein.

Von 2023 bis 2025 war er Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), er ist Co-Referent für Schmerzmedizin der Tiroler Ärztekammer und als gerichtlicher Sachverständiger tätig. Außerdem war Eisner Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Neuromodulation.

 

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Univ.-Prof. Dr. Wilhelm "Willi" Eisner

Eisner ist Neurochirurg, Schmerzmediziner, Universitätsprofessor in Pension. Er gilt als einer der renommiertesten österreichischen Experten für Schmerzmedizin und beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit Rücken- und Schmerzproblemen. Als Neurochirurg mit Schwerpunkt funktionelle Neurochirurgie und Schmerzmedizin führte Eisner unter anderem hochspezialisierte Eingriffe an Gehirn und Rückenmark durch. Seine Expertise umfasst insbesondere stereotaktische Neurochirurgie, Neuromodulation sowie moderne Verfahren der Schmerztherapie.

Im Bereich der tiefen Gehirnstimulation für Parkinson-Patient:innen, allen Formen der Dystonie, Essentieller Tremor, Tourette, Klusterkopfschmerz, Schmerzen nach Schlaganfall, Gesichtsschmerz ist die von ihm entwickelte Methode die derzeit effektivste Form der Behandlung.

Öffentlich tritt er regelmäßig für eine bessere Versorgung chronischer Schmerzpatient:innen sowie mehr Prävention und interdisziplinäre Schmerztherapie ein.

Von 2023 bis 2025 war er Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), er ist Co-Referent für Schmerzmedizin der Tiroler Ärztekammer und als gerichtlicher Sachverständiger tätig. Außerdem war Eisner Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Neuromodulation.

 

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