Reichster Deutscher
Reinhold Würth, das Römische Reich und die deutsche Arbeitsmoral

| Redaktion 
| 27.01.2026

Der (laut Forbes) reichste Deutsche warnt vor dem Zustand der Bundesrepublik und greift dafür tief in die Geschichtskiste: In einem Interview verknüpft Reinhold Würth seine Diagnose zur deutschen Arbeitsmoral mit dem Aufstieg und Niedergang des Römischen Reichs und zeichnet das Bild eines Landes, das den Übergang vom Wohlstand zur Dekadenz bereits hinter sich haben könnte.

Vor wenigen Jahren hat die vor allem auf TikTok verbreitete Frage "Wie oft denkst Du an das Römische Reich?" offenbart, wie regelmäßig sich insbesondere Männer mit dem Imperium Romanum zu befassen scheinen.

Oft geht es dabei um sich wiederholende Geschichte. Das Alte Rom wird zur Projektionsfläche für die Erkenntnis, dass komplexe Imperien meist nicht durch einen Schlag, sondern durch innere Erosion zerfallen – und dass Dekadenz, politische Polarisierung, wirtschaftliche Ungleichheit, institutioneller Vertrauensverlust oder äußere Bedrohungen die Vorboten des Niedergangs sind.

Wahrscheinlich ist Reinhold Würth nicht erst durch einen viralen Trend auf entsprechende Gedanken gekommen: Der 90-jährige übernahm das von Vater Adolf Würth gegründete Schraubenunternehmen vor über sieben Dekaden, baute es zum weltgrößten Unternehmen für Befestigungstechnik aus und wird von Forbes derzeit als reichster Deutscher geführt.

Von Werden, Sein und Vergehen

"Bei dieser Einstufung von geschichtlichen Entwicklungen orientiere ich mich an einem Gemälde des Künstlers Giovanni Segantini", verrät Reinhold Würth der Augsburger Allgemeinen in einem in Gänze lesenswerten Interview. Dabei imponiert dem Milliardär speziell das in St. Moritz ausgestellte Triptychon namens "Werden, Sein, Vergehen".

Würth erklärt: "Welche Phase in der Geschichte man auch betrachtet, alle Entwicklungen folgen diesem Zyklus, was das Leben eines Menschen oder den Fortgang großer Machtblöcke wie etwa des Römischen Reichs betrifft."

"Der Aufstieg des Römischen Reichs war eine enorme Leistung", fährt Würth fort und erinnert daran, dass sie "ohne Telefon, Internet und Elon Musk" erbracht wurde. "Fast 500 Jahre haben die Römer die Macht über Teile des heutigen Deutschlands ausgeübt."

 
 
 
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Und wo steht unsere Bundesrepublik im Vergleich? "Wir sind jetzt in Deutschland an der Kante vom Sein zum Vergehen angekommen, befinden uns also in einer Phase, in der der Niedergang nicht weit ist", mutmaßt Reinhold Würth. Die Ära des "Werdens" wiederum verortet er vom Ende des Zweiten Weltkriegs, den er als Kind er- und überlebt hat, bis in die 1990er.

"Nach der Phase des Wohlstands, des Wohllebens, der Pracht, ja der Freiheit und des freien Worts wuchsen in Deutschland die Begehrlichkeiten nach mehr Geld und noch weniger Arbeit", gibt der Unternehmer gegenüber der Augsburger Allgemeinen zu bedenken.

Dass die Work-Life-Balance dabei "immer mehr in Richtung Life-Balance verschoben" wurde und "Forderungen von Gewerkschaftern nach der Vier-Tage-Woche" aufgekommen sind, sieht er als Symptome dieser Entwicklung. "Wir müssen in Deutschland wieder mehr arbeiten", konstatiert Würth in aller Klarheit.

"Die sollen doch mal 75 Jahre malochen"

Vorausgegangen ist Reinhold Würths Rom-Exkurs im Übrigen die Frage, wie es um die deutsche Arbeitsmoral bestellt ist. Daraufhin entschloss sich der mehrfache Ehrendoktor, die Diskussion "in die große Weltgeschichte ein[zu]ordnen".

Damit es der Bundesrepublik nicht wie dem historischen Beispiel ergeht, müssten "wir zurückrudern und uns an die Zeiten des Werdens Deutschlands erinnern". Schwierig könnte das Würths Ansicht nach allerdings werden, weil jüngere Beschäftigte durch ihre Eltern aus der Babyboomer-Generation "wahnsinnig verwöhnt" worden sind.

"Wir können die Stimmung in Deutschland drehen", zeigt sich Würth trotzdem überzeugt, auch wenn dazu "eine starke und einheitlich auftretende Bundesregierung" notwendig sei – keine Selbstverständlichkeit und hierzulande nicht unbedingt Status Quo.

Einen Gegenvorschlag unterbreitet der Unternehmer in diesem Zusammenhang denjenigen, die sich mehr soziale Gerechtigkeit durch höhere Erbschafts- oder Vermögenssteuern versprechen:

"Die sollen doch mal 75 Jahre malochen – und das sieben Tage in der Woche wie ich. Und diese Leute sollen doch mal Hunderte von schlaflosen Nächten verbringen, weil sie sich um das Geschäft sorgen", gibt Würth Einblick. "Und sie sollen sich wie ich anstrengen und weltweit Gesellschaften gründen."

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