Nachtsafaris, Polarlichter, Sternenhotels oder Stadtführungen nach Sonnenuntergang: Was lange Zeit als Nischenangebot galt, entwickelt sich zunehmend zu einem eigenständigen Reisetrend. Laut einer internationalen Umfrage von Booking.com aus dem vergangenen Jahr erwägen 62 Prozent der Befragten in 33 Ländern einen Urlaub mit gezielten Nachtaktivitäten, wie National Geographic recherchiert hat.
Als Grund nennen Branchenvertreter unter anderem ein wachsendes Interesse an alkoholfreien Freizeitangeboten. Statt klassischer Barabende suchten viele Reisende heute nach besonderen, nicht alltäglichen Erfahrungen.
Doch möglicherweise ist die Erklärung weniger lifestyle-getrieben als pragmatisch: In Zeiten von overtourism bietet die Nacht neue Freiräume. Bekannte Sehenswürdigkeiten erscheinen im Dunkeln oft ruhiger, atmosphärischer – und weniger überlaufen.
Hier einige Beispiele für Noctourism:
Die Aurora-Industrie: Polarlichter als Milliardenmarkt
Ganz oben auf der Wunschliste vieler Nachtreisender stehen die Nordlichter. Die sogenannte Aurora-Industrie wurde 2023 auf umgerechnet rund 820 Millionen Euro geschätzt. Eine Erhebung des britischen Reiseverbands ABTA ergab im Dezember, dass jeder fünfte britische Urlauber eine Reise in eine Region plant, in der die Chancen auf Polarlichter bestehen – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
Parallel dazu wuchs das Flugangebot in nördliche Regionen deutlich. Tromsø in Nordnorwegen, oft als Hauptstadt der Nordlichter bezeichnet, wurde zuletzt von deutlich mehr saisonalen Verbindungen angeflogen als noch 2023. Das gestiegene Interesse fällt zusammen mit dem aktuellen Sonnenmaximum der Jahre 2024 und 2025, in denen verstärkte Sonnenaktivität häufiger und intensiver sichtbare Polarlichter begünstigt.
Ganz planbar sind Sichtungen dennoch nicht. Wetterbedingungen, Wolken und Zufall spielen eine entscheidende Rolle. Einige Anbieter reagieren darauf mit einer Art "Polarlicht-Garantie": Bleibt das Naturschauspiel aus, erhalten Reisende unter bestimmten Bedingungen eine kostenlose Wiederholungsreise. Besonders gefragt sind zudem Kreuzfahrten mit astronomischer Begleitung, bei denen die Schiffe flexibel auf Wetterlagen reagieren können.
Biofluoreszenz und Nachttauchen: Das leuchtende Meer
Noch vergleichsweise wenig erschlossen ist der nächtliche Ozean. Zwischen 2020 und 2024 stieg die Zahl der Absolventen des PADI-Nachttauchkurses lediglich um zwei Prozent. Dennoch berichten Tauchlehrer, dass viele Teilnehmer das Erlebnis als besonders ruhig und meditativ empfinden. Nachts erscheinen bekannte Tauchspots in neuem Licht – oder vielmehr im Schein von Lampen.
Beliebt sind unter anderem Mantarochen-Tauchgänge vor der Küste von Hawaii. Beim sogenannten Fluoro-Tauchen bringen UV-Lampen die Biofluoreszenz von Korallen zum Leuchten, Riffe erscheinen in intensiven Farben.
Auch ohne Tauchschein lässt sich das Meer im Dunkeln erleben: In bestimmten Regionen senden Planktonorganismen bei Bewegung Lichtsignale aus – Biolumineszenz. So etwa Strände mit neonblau schimmerndem Wasser, etwa auf den Malediven oder in der Mosquito Bay in Puerto Rico.
Nachtsafaris: Den unsichtbaren 70 Prozent auf der Spur
Schätzungen zufolge lassen sich bei Safaris bei Tag lediglich rund 30 Prozent der afrikanischen Säugetiere beobachten; etwa 70 Prozent sind nachtaktiv – darunter Buschbabys, Honigdachse, Erdferkel oder Erdwölfe. Entsprechend steigt die Nachfrage nach nächtlichen Pirschfahrten. Reiseveranstalter berichten, dass Gäste gezielt nach seltenen, nachtaktiven Arten fragen.
In Regenwaldregionen wie Madagaskar oder Costa Rica nehmen nächtliche Tierwanderungen zu. In der Amazonasregion gehören Kanufahrten im Dunkeln, bei denen im Licht von Taschenlampen die Augen von Kaimanen aufblitzen, vielerorts zum festen Programm. In Europa bieten Spezialveranstalter Übernachtungshütten zur Beobachtung von Braunbären an oder organisieren Aufenthalte in Wolfsgebieten, bei denen das Heulen der Tiere im Mittelpunkt steht.
Sternenreisen in Zeiten der Lichtverschmutzung
Der Boom hat auch mit einem Mangel zu tun: Weltweit nimmt die Lichtverschmutzung jährlich um rund zehn Prozent zu. Für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist die Milchstraße inzwischen nicht mehr mit bloßem Auge sichtbar. Klarer Nachthimmel wird damit selbst zum Reiseanlass.
Beliebte Ziele für Sternenbeobachtung sind Regionen mit besonders geringer Lichtverschmutzung – etwa Teile Chiles, Namibias oder das australische Outback. Dort befinden sich auch große Observatorien, die die außergewöhnlichen Bedingungen nutzen. Organisationen wie DarkSky International zertifizieren weltweit sogenannte Dark-Sky-Reservate und -Parks; inzwischen umfassen diese Gebiete eine Fläche von mehr als 160.000 Quadratmeilen.
Monumente ohne Gedränge: Petra und Taj Mahal bei Nacht
Neben Naturerlebnissen rückt auch die gebaute Welt ins nächtliche Licht. In Jordanien ermöglicht "Petra by Night" wöchentliche Besuche der antiken Felsenstadt außerhalb der regulären Öffnungszeiten; der Weg zur Schatzkammer wird von Tausenden Laternen gesäumt. Das Taj Mahal in Indien öffnet an ausgewählten Abenden rund um den Vollmond für eine stark begrenzte Besucherzahl – ein Kontrast zum sonst dichten Gedränge am Tag.
In Metropolen wie Tokio steigt ebenfalls die Nachfrage nach Nachtaktivitäten. Neonbeleuchtete Viertel, kleine Gassen mit Mini-Bars und Tempelbesuche in den späten Abendstunden werden gezielt beworben.
Luxus-Übernachtungen: Schlafen unterm Sternenhimmel
Parallel dazu wächst die Nachfrage nach Unterkünften mit freiem Blick auf den Nachthimmel. Safari-Sternenbetten in Afrika – oft erhöht und unter freiem Himmel platziert – versprechen ein unmittelbares Naturerlebnis. Während früher einfache Matratzen ausreichten, setzen viele Lodges heute auf gehobenen Komfort mit Kingsize-Betten und hochwertiger Ausstattung.
Ähnliche Konzepte finden sich inzwischen auch außerhalb Afrikas. Auf den Malediven können Gäste auf abgelegenen Sandbänken unter freiem Himmel übernachten. In der Schweiz startete 2021 das Projekt "Million Stars Hotel", das außergewöhnliche Schlafplätze mit besonders klarer Sicht auf den Sternenhimmel bündelt.
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