Die Mitgründerin von Super Streusel im Interview
Dani Sichting: "Wir verkaufen kein Produkt, sondern ein Erlebnis"

| Dagmar Zimmermann 
| 24.02.2026

Der Markt für Backdekor gilt als kleinteilig und saisonal. Super Streusel hat daraus ein skalierbares Geschäftsmodell gemacht – und betreibt heute den weltweit größten spezialisierten Online-Shop für Streusel. Bootstrapped, profitabel seit Tag eins und mit einem Umsatz im zweistelligen Millionenbereich zählt das Unternehmen zu den erfolgreichsten D2C-Marken aus Deutschland.

Mitgründerin Dani Sichting spricht im Interview mit LEADERSNET über unternehmerische Entscheidungen jenseits von Hypes, über Emotion im Konsum – und über Wachstum im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld.

LEADERSNET: Frau Sichting, Hand aufs Herz: Welche Streusel hatten Sie zuletzt auf einem Kuchen?

Dani Sichting: Mein Sohn hatte vergangenes Wochenende einen Tag der offenen Tür in der Schule und sollte einen Kuchen mitbringen. Wir haben einen Kirschkuchen gebacken und ihn mit unserer neuen "Die drei ??? Kids“-Kollektion verziert. Als wir später die leere Kuchenbox abgeholt haben, sagte die Lehrkraft: "Der Kuchen war als erstes weg.“ Solche Momente zeigen uns sehr klar, warum wir dieses Unternehmen gegründet haben.

LEADERSNET: Diese kleinen Alltagsmomente scheinen viel auszulösen. Gleichzeitig sparen viele Menschen derzeit bewusster. Ihre Produkte sind nicht im klassischen Niedrigpreissegment – warum funktioniert Super Streusel trotzdem?

Dani Sichting: Weil unsere Kundinnen sehr bewusst entscheiden, wofür sie Geld ausgeben. Sie suchen Produkte, die ihnen etwas zurückgeben. Bei uns geht es um Ideen, Inspirationen und das Gefühl, selbst etwas geschaffen zu haben. Wenn jemand mit wenig Backerfahrung am Ende aus einer einfachen Springform ein Einhorn oder einen Dinosaurier zaubert, entsteht Stolz. Genau dieses Gefühl trägt unser Geschäftsmodell.

LEADERSNET: Emotionen spielen also eine zentrale Rolle?

Dani Sichting: Ja – wir bewegen uns in der Erlebnisökonomie. Das Produkt ist der Ausgangspunkt, der Wert entsteht durch das Tun. Man kann einen einfachen Tiefkühlkuchen verzieren und hat am Ende das Gefühl: Ich habe das selbst gemacht. Wenn andere darauf reagieren und Anerkennung zeigen, verstärkt das diesen Effekt.

LEADERSNET: Dieses Gefühl entsteht nicht im luftleeren Raum. Super Streusel ist sehr stark auf Social Media präsent – welche Bedeutung hat die Community für Ihr Unternehmen?

Dani Sichting: Eine sehr große. Meine Schwester Kati Decker und ich haben Super Streusel gemeinsam gegründet. Von Beginn an wollten wir nah an den Menschen bleiben, die unsere Produkte nutzen. Anfangs war das eine Two-Women-Show. Wir haben selbst gebacken, kommentiert, Fragen beantwortet und unsere Gründung transparent gemacht. Diese Nähe ist geblieben.

LEADERSNET: Wie übersetzen Sie dieses direkte Feedback konkret in unternehmerische Entscheidungen?

Dani Sichting: Zuhören ist für uns entscheidend. Wir stellen Fragen, werten Rückmeldungen aus und erkennen dadurch früh, welche Produkte gebraucht werden und welche nicht. Gleichzeitig erklären wir Entscheidungen offen – etwa wenn wir Produkte aus dem Sortiment nehmen oder neue launchen. Das schafft Klarheit.

LEADERSNET: Wie zeigt sich das ganz konkret in Ihrer Content- und Produktentwicklung?

Dani Sichting: Wir denken aus dem Alltag unserer Kundinnen heraus. Als Mütter wissen wir, wie wenig Zeit oft bleibt. Deshalb achten wir darauf, dass Ideen schnell umsetzbar sind und trotzdem gut aussehen. Das können sehr einfache Formate sein oder aktuelle Trends, die wir so aufbereiten, dass sie leicht nachzumachen sind. Unser Ziel ist es, Hemmschwellen zu senken.

LEADERSNET: Wenn wir einen Schritt zurückgehen: Wie kam es zur Gründung von Super Streusel?

Dani Sichting: Vor Super Streusel hatten wir einen Online-Shop für Cakepops. Dabei wurde uns klar, dass es im deutschen Markt kaum hochwertige Dekorationsprodukte gab. Im Ausland sahen wir deutlich mehr Vielfalt. Also suchten wir gezielt nach Herstellern in Deutschland und der EU. Qualität war für uns von Anfang an entscheidend. Als wir fündig wurden, war klar, dass daraus ein eigenes Unternehmen entstehen kann.

LEADERSNET: Wie sah die Anfangsinvestition aus?

Dani Sichting: Wir haben vor allem Zeit, Energie und Überzeugung investiert. Finanziell hatten wir kein großes Startkapital. Alles, was wir aus dem Cakepop-Unternehmen hatten, ist in Super Streusel geflossen. Super Streusel ist bis heute bootstrapped, ohne Investor. Das bedeutet, dass jede Entscheidung gut durchdacht sein muss. Wir wachsen langsamer, dafür stabil.

LEADERSNET: Unternehmerisches Handwerk haben Sie früh kennengelernt: Ihre Eltern führten eine Konditorei. War es jemals eine Diskussion, in den elterlichen Betrieb einzusteigen?

Dani Sichting: Nein, das war nie eine Diskussion. Meine Schwester und ich sind in der Konditorei unserer Eltern groß geworden, aber wir haben beide früh gesagt, dass wir den Betrieb nicht übernehmen möchten. Der klassische Weg der Unternehmensnachfolge war für uns keine Option.

LEADERSNET: Was haben Sie dennoch aus diesem Umfeld mitgenommen?

Dani Sichting: Sehr viel. Wir haben gesehen, was Selbstständigkeit bedeutet: Verantwortung zu übernehmen, pragmatisch zu handeln. Dieses Denken begleitet uns bis heute. Wir denken nie in Problemen, sondern immer in Lösungen.

LEADERSNET: Sind Ihre Eltern heute noch Sparringspartner für Sie – oder hat sich diese Rolle verändert?

Dani Sichting: Als wir gegründet haben, waren unsere Eltern sehr wichtige Ansprechpartner. Damals war das Setup ein anderes, wir waren kleiner, vieles war neu, und sie hatten durch ihre eigene Selbstständigkeit viel Erfahrung. Heute hat sich das verändert. Wir sind ein D2C-Unternehmen, da haben unsere Eltern fachlich natürlich weniger Berührungspunkte. Aber für große, grundlegende Fragen sind sie immer noch da. Es geht dabei weniger um konkrete Antworten, sondern eher um Rückhalt, um Einschätzung und um das Gefühl, jemanden an der Seite zu haben, der Selbstständigkeit selbst erlebt hat.

LEADERSNET: Sie haben sich bewusst für einen eigenen Weg entschieden – und ihn gemeinsam mit Ihrer Schwester aufgebaut. Ist das Fluch oder Segen?

Dani Sichting: Ganz klar: Segen. Wir vertrauen uns vollständig. Wenn eine von uns gerade weniger Kraft hat, übernimmt die andere. Das trägt sehr durch schwierige Phasen.

LEADERSNET: Wie gelingt die Trennung zwischen Beruflichem und Privatem?

Dani Sichting: Im Arbeitsalltag ist sie klar. Wir sprechen fast ausschließlich über Super Streusel. Unsere Zuständigkeiten sind eindeutig. Kati verantwortet Produktentwicklung, Design, Einkauf und Operations. Ich kümmere mich um Marketing, Vertrieb, Social Media sowie HR- und Controlling-Themen. Zusätzlich gibt es einen dritten Geschäftsführer für den E-Commerce-Bereich. So richtig tiefe private Themen finden meist erst außerhalb der Arbeit statt.

LEADERSNET: Mit den Jahren hat sich auch die Organisation verändert. Super Streusel beschäftigt inzwischen rund 55 Mitarbeitende – was bringt diese Größe mit sich?

Dani Sichting: Entscheidungen haben heute eine größere Wirkung. Früher konnte man Dinge spontan ausprobieren und schnell wieder ändern. Heute würde das Unruhe erzeugen. Deshalb arbeiten wir mit klaren Zielen, festen Prozessen und viel Kommunikation.

LEADERSNET: Welche Rolle spielt Unternehmenskultur dabei?

Dani Sichting: Eine sehr große. Wenn das Team nicht mitgeht, hilft auch die beste Strategie nichts. Offenheit, Ehrlichkeit und gegenseitiges Vertrauen sind für uns zentral. Menschen müssen verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden.

LEADERSNET: Eine sichtbare Konsequenz dieses Wachstums war der Umzug des Unternehmens im vergangenen Jahr. Was war der Auslöser?

Dani Sichting: Die bisherigen Räumlichkeiten sind schlicht zu klein geworden. Bei der neuen Location war uns wichtig, dass wir weiterhin alles an einem Ort haben. Produktion, Fulfillment und Office gehören bei uns zusammen. Diese Nähe ermöglicht kurze Wege und schnellen Austausch.

LEADERSNET: Wo wird Super Streusel heute verkauft?

Dani Sichting: Rund 75 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir über unseren eigenen Online-Shop. Zusätzlich sind wir bei rund 200 Premium-Resellern im DACH-Raum vertreten, darunter Kaufhäuser, Concept Stores und ausgewählte LEH-Partner. Der stationäre Handel sorgt für Sichtbarkeit, der Online-Shop ist unser Kernkanal. Insgesamt gibt es Super Streusel in über 20 Ländern in Europa.

LEADERSNET: Wie saisonal ist Ihr Geschäft?

Dani Sichting: Weihnachten ist die stärkste Saison, gefolgt von Ostern. Gleichzeitig gibt es das ganze Jahr über Anlässe. Unser Bestseller ist die "Konfettiparade“, der erste Streuselmix, den wir entwickelt haben. Insgesamt führen wir rund 140 Streuselmixe sowie saisonale Ergänzungen und neue Produktkategorien.

LEADERSNET: Bei dieser Breite stellt sich die Frage: Wie messen Sie Erfolg bei Super Streusel – jenseits von Wachstum?

Dani Sichting: Wir schauen auf klassische Kennzahlen, aber immer im Zusammenhang mit der Beziehung zu unseren Kundinnen. Inzwischen haben wir über 400.000 Online-Kundinnen und -Kunden erreicht und eine Community von mehr als 350.000 Fans und Followern auf Social Media aufgebaut. Das Unternehmen ist bootstrapped und seit Tag eins profitabel, der Umsatz liegt im zweistelligen Millionenbereich. Gleichzeitig sind für uns Bindung und Weiterempfehlung entscheidend. Unser Net Promoter Score liegt bei über 75, die Weiterempfehlungsrate bei 96 Prozent. Wir haben heute über 300 Produkte aus eigener Entwicklung im Sortiment. Ein schönes Bild dafür ist das vergangene Jahr: Allein 2025 haben wir online so viele Streusel verkauft, dass damit über eine Million Kuchen verziert werden konnten. Daran sieht man sehr konkret, wie präsent unsere Produkte im Alltag der Menschen sind.

LEADERSNET: Wie behalten Sie bei dieser Dynamik Trends im Blick?

Dani Sichting: Wir gehen mit offenen Augen durch die Welt. Wir sind sehr aufmerksam und nehmen viel wahr – auf Social Media, im Alltag, in Gesprächen. Ich habe eigentlich immer irgendwo meine Notizen offen, genauso wie meine Schwester. Wir schicken uns ständig Dinge hin und her, auch die Kolleginnen und Kollegen bringen super starke Impulse und Ideen ein. Große Trends spielen sich heute sehr schnell über Social Media. Dann geht es darum zu entscheiden, ob es ein Trend ist oder nur ein kurzfristiger Hype. Unser Ansatz war von Anfang an: erstmal machen, dann bewerten – aber mit Weitsicht.

LEADERSNET: Technologie spielt dabei eine zunehmende Rolle. Welche Bedeutung hat KI für Ihr Unternehmen?

Dani Sichting: Eine zunehmende. Wir beschäftigen uns sehr viel mit KI und binden sie in unser Unternehmen ein. Vor allem im Kundenservice nutzen wir bereits viele KI-gestützte Funktionen, auch in internen Prozessen, im Forecasting, in der Produktionsplanung. Wichtig ist uns dabei Transparenz. KI ist für uns ein Werkzeug, das Abläufe unterstützt. Sie ersetzt nicht den persönlichen Kontakt.

LEADERSNET: Die globale Wirtschaft ist aktuell von Unsicherheit geprägt – von geopolitischen Spannungen bis hin zu politischen Entscheidungen wie Zöllen. Spüren Sie solche Entwicklungen in Ihrem Geschäft?

Dani Sichting: Natürlich beobachten wir sehr genau, was wirtschaftlich passiert. Wir laufen nicht blauäugig durch die Welt. Gleichzeitig sind wir nicht direkt von Themen wie Zöllen betroffen, da wir ausschließlich in Europa vertreiben. Was wir eher sehen, ist eine generelle Zurückhaltung im Konsum. Die Menschen überlegen bewusster, wofür sie Geld ausgeben. Darauf stellen wir uns ein, indem wir sehr genau planen und unser Sortiment weiterentwickeln. Unser Anspruch ist es, auch in herausfordernden Zeiten relevant zu bleiben – mit Produkten, die Freude machen und im Alltag einen echten Platz haben.

LEADERSNET: Viele Start-ups werden mit dem Ziel gegründet, sie irgendwann zu verkaufen. Könnten Sie sich einen Exit vorstellen?

Dani Sichting: Never say never. Aktuell liegt der Fokus darauf, das Unternehmen weiter auszubauen und langfristig zu stärken. Wir verspüren noch ganz viel Feuer.

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