Mitgründer von Talbot Runhof im Interview
Adrian Runhof: "Wir beteiligen uns nicht mehr an diesem Zirkus"

| Dagmar Zimmermann 
| 23.04.2026

25 Jahre, 25 Defilés in Paris – und jetzt im Museum: Das Designerduo Talbot Runhof blickt auf ein Lebenswerk zurück. Im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) werden einst auf der Fashion Week präsentierte Stücke erstmals öffentlich ausgestellt. Im Gespräch erklärt Adrian Runhof, warum sie sich bewusst aus dem Modezirkus zurückgezogen haben, welche Rolle Haltung spielt und warum ihre Kleider vor allem eines tun: Frauen stärken.

LEADERSNET: Ihre Mode ist jetzt im Museum zu sehen. Was erwartet uns?

Adrian Runhof: Es ist nicht weniger als eine Retrospektive unseres Lebenswerks – oder zumindest eines bedeutenden Teils davon. Wir haben 25 Defilés in Paris gezeigt, unsere Marke besteht seit 25 Jahren. Das haben wir zum Anlass genommen, einen Teil unseres Archivs dem Textil- und Industriemuseum in Augsburg zu schenken. Insgesamt sind das rund 150 Outfits, aus denen diese Ausstellung zusammengestellt wurde. Es ist eine große Sonderausstellung auf etwa 1.000 Quadratmetern, die einen Querschnitt unserer Pariser Defilés zeigt. Für uns ist das etwas ganz Besonderes.

LEADERSNET: Wenn Sie darauf blicken – ist das für Sie eher ein Meilenstein oder eine Bilanz?

Adrian Runhof: Beides. Nach 25 Defilés haben wir Bilanz gezogen und gesagt: Das war gut so. Gleichzeitig richten wir uns neu aus und gehen andere Wege, um uns in der Öffentlichkeit zu präsentieren. In der Ausstellung gibt es dazu auch eine eigene Sektion, "What’s Next". Ein Teil davon sind unsere Kooperationen mit Künstlern, die wir seit einigen Jahren verfolgen – auch aus persönlichem Interesse heraus. Unser Fokus hat sich verändert, ebenso unser Ehrgeiz.

LEADERSNET: Was hat sich konkret an Ihrem Ehrgeiz verändert?

Adrian Runhof: Wir wollen nicht mehr einfach nur reich und berühmt werden, so wie es vielleicht einmal die Idee war, nach Paris zu gehen. Heute geht es uns darum, Dinge zu machen, die uns persönlich reizen und herausfordern. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel mit dem Bildhauer Martin Lehner zusammen. Das ist für uns – und auch für unser Team – eine echte intellektuelle Herausforderung. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in der Ausstellung wider.

LEADERSNET: Wenn man das weiterdenkt – wie hat sich parallel dazu die Branche insgesamt verändert?

Adrian Runhof: Sie hat sich stark verändert. Es ist ein Haifischbecken geworden – war es zwar schon immer, aber heute mehr denn je. Früher konnte man viel stärker mit Emotionen arbeiten und seine eigenen Vorlieben ausleben. Das hat sich deutlich verschoben, es ist ein hartes Business geworden.

Als wir angefangen haben, hatten alle die gleichen Voraussetzungen: Laufsteg, Models, Kollektion. Dann kamen die großen Konzerne mit ihren Marketingmaschinen. Und seit bei Chanel eine Rakete im Bühnenbild durchs Grand Palais geflogen ist, kann man mit einer normalen Show kaum noch mithalten.

Heute interessiert sich das Publikum oft weniger für die Mode selbst als für das Drumherum und die Celebrities. Aber das ist nicht das Wesen der Mode. Deshalb haben wir für uns entschieden: Das entspricht nicht mehr unserer Auffassung – wir beteiligen uns nicht mehr an diesem Zirkus.

LEADERSNET: Haben Sie das je vermisst?

Adrian Runhof: Nein, es schmerzt überhaupt nicht. Es ist unglaublich anstrengend, immer mithalten zu wollen und ständig der Größte und Wichtigste sein zu müssen. In der Mode nimmt sich ja jeder wahnsinnig wichtig – und wenn man nicht bewundert wird, ist man nicht glücklich. Es ist viel angenehmer, sich daran nicht zu beteiligen.

LEADERSNET: Wenn man sich so bewusst gegen diesen Mechanismus entscheidet – was ist dann aus Ihrer Sicht das Erfolgsgeheimnis von Talbot Runhof nach 25 Jahren?

Adrian Runhof: Dass wir Dinge machen, die unseren Kundinnen gefallen – die passen und in denen sie sich wohlfühlen. Und in denen sie viele Komplimente bekommen. So wie wir das mitbekommen, passiert das in anderen Kleidern nicht in dieser Form. Also muss etwas Besonderes daran sein. Wir haben von unseren Kundinnen eigentlich alles gelernt. Diese direkte Beziehung und Interaktion ist für uns das Entscheidende – und das war von Anfang an so.

LEADERSNET: Sie sind heute sehr etabliert. Wie schwierig waren die Anfänge?

Adrian Runhof: Es war nicht einfach. Wir haben in München angefangen, mit einem kleinen Laden, und im Grunde alles auf Risiko gemacht. Wir haben Kollektionen auf Kommission gegeben – wenn sie verkauft wurden, haben wir unser Geld zurückbekommen. Wenn nicht, eben nicht. Parallel haben wir ganz normale Jobs weitergemacht. Das war eine Situation, die ein bisschen an heute erinnert – viel Unsicherheit, vieles wurde abgesagt. Aber es ist dann anders gekommen.

LEADERSNET: Welche Rolle spielte dabei der Schritt nach Paris?

Adrian Runhof: Unser Ziel war von Anfang an, international relevant zu sein. Man muss in den besten Häusern vertreten sein, um wahrgenommen zu werden. Als wir 2006 das erste Defilé gemacht haben, hatten wir das Gefühl, dort angekommen zu sein, wo wir hinwollten. Gleichzeitig war klar: Das ist nichts nur für den Moment. Deshalb haben wir von Anfang an archiviert – alle Kollektionen, alle Entwürfe.

Adrian Runhof mit Casha Kellermann bei der Eröffnung von "Celebrating Fashion" (Bild: Johann Sturz)
Adrian Runhof mit Casha Kellermann bei der Eröffnung von "Celebrating Fashion" (Bild: Johann Sturz)

LEADERSNET: Funktioniert dieses Modell auch in der aktuellen Situation; sprich spüren Sie die wirtschaftliche Zurückhaltung bei Ihren Kundinnen?

Adrian Runhof: Auf jeden Fall. Wir spüren eine deutliche Zurückhaltung. Alle sind von diesen Krisen betroffen – und es wird ja eher mehr als weniger. Gleichzeitig merkt man aber auch die Lust, sich davon zu befreien. Wir machen Dinge für besondere Anlässe, für Feste – und das ist für viele ein Ausweg.

LEADERSNET: In welchen Märkten zeigt sich das besonders?

Adrian Runhof: Deutschland, der deutschsprachige Raum, Middle East und USA.

LEADERSNET: Gerade die USA sind aktuell herausfordernd. Wie gehen Sie damit um?

Adrian Runhof: Es wird keine Lösung geben. Solange da jemand regiert, bei dem es weniger um Politik als um das eigene Ego geht, wird es dieses Hin und Her geben. Wir haben in den letzten zwölf Monaten sechs- oder siebenmal unsere Systeme umstellen müssen. Das hatten wir vorher nie. Es war ein System, das wunderbar funktioniert hat – und jetzt steht alles Kopf. Das wird so weitergehen. Aber davon sind alle betroffen.

LEADERSNET: Sie haben Ihre Plattform auch genutzt, um Haltung zu zeigen. Wann hat das begonnen?

Adrian Runhof: Wir haben irgendwann gemerkt: Wir haben eine Plattform und erreichen viele Menschen – also müssen wir uns auch äußern. Gerade dann, wenn es um politische und gesellschaftliche Themen geht. Wir haben uns immer wieder mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandergesetzt. Das hat uns beschäftigt, und wir haben versucht, das auch über unsere Arbeit auszudrücken. Wir haben dazu auch Kollektionen gemacht. Das war für uns kein kalkulierter Schritt, sondern etwas, das aus der Situation heraus entstanden ist.

LEADERSNET: Was treibt Sie heute noch an?

Adrian Runhof: Ideen. Wir haben jeden Tag neue Ideen.

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