Die Astronautin der Fram2-Mission im Interview
Rabea Rogge: "Der Zugang zum All sollte auf mehrere Parteien verteilt sein"

Als Rabea Rogge vor wenigen Jahren beschloss, Astronautin zu werden, galt die Raumfahrt noch vielen als "alt und staubig“ – heute erlebt sie sie aus nächster Nähe als dynamisches Experimentierfeld einer neuen Ära. In der historischen Fram2-Mission zeigt sie, wie sich Wissenschaft, Unternehmergeist und Abenteuerlust zu einem neuen Zugang zum All verbinden. "Es schien vor lauter neuen Ideen nur zu wimmeln“, sagt sie – und beschreibt damit nicht nur eine Branche im Umbruch, sondern auch ihren eigenen Weg. Ein Gespräch mit LEADERSNET über Schwerelosigkeit, mentale Stärke und die Frage, wem das All eigentlich gehört.

LEADERSNET: "Vom Georg-Büchner-Gymnasium ins All“ — wie fühlt es sich an, auf einen Lebensplan zurückzublicken, der bereits im Studium (nach deinem Abitur 2015) das Ziel "Astronautin“ vorsah, und diesen Traum nun realisiert zu haben?

Rabea Rogge: Den Plan, Astronautin zu werden habe ich tatsächlich am Ende meines Masterstudiums gefasst – also erst vor fünf Jahren! Ich hatte zu der Zeit ein Studententeam geleitet, was einen Nanosatelliten mit menschlichen Zellen an Bord baute. Und mir wurde bewusst, wie viel sich gerade im Raumfahrtsektor ändert – wiederverwendbare Raketen, autonome Raumschiffe und die zunehmende Demokratisierung des Alls. Sogar Studenten Teams wie wir hatten die Chance mitzumischen! Es schien vor lauter neuen Ideen nur zu wimmeln, sehr viel Tatkraft war am Werk. Im Gegensatz dazu hieß es am Anfang meines Studiums noch: Die Raumfahrtindustrie ist eingeschlafen, alt und staubig. Da kommen wir nicht weiter. Heute ist das Gegenteil der Fall.

LEADERSNET: Sie lernten den Krypto-Milliardär Chun Wang während eines Expeditionstrainings auf Spitzbergen kennen, was letztlich zu Ihrem Platz auf der Fram2-Mission führte. Wikipedia Was genau geschah bei dieser Begegnung auf dem Eis, dass Wang Sie als Pilotin für diese historische Mission auswählte?

Rabea Rogge: Fram2 war der erste astronautische Raumflug um die Polarregionen der Erde. Wir wurden als Crew ausgesucht, um verschiedene Blickwinkel auf die Polarregionen mitzubringen. In meinem Fall forsche ich mit Robotik in der Arktis, und habe somit die Forschung vertreten. Jannicke Mikkelsen war als arktische Filmemacherin dabei und Eric Philips ist Polarabenteurer. Somit konnten wir alle zur Missionsgestaltung beitragen und haben und als interdisziplinäres Team gut ergänzt.

LEADERSNET: Diese Crew — eine Robotik-Forscherin, eine Filmemacherin, ein Polarabenteurer, finanziert von einem Privatmann — ist selbst ein Statement. Sie stehen für eine neue Ära kommerzieller Raumfahrt, jenseits von Berufspiloten und staatlichen Raumfahrtbehörden. Wo sehen Sie die großen Chancen dieses Modells — und wo lauern die Gefahren?

Rabea Rogge: Wenn wir als Menschheit im All leben und arbeiten wollen, brauchen wir Menschen mit allen Berufshintergründen im All. Dadurch, dass die Technologie mehr übernimmt, können wir von Testpiloten zu allen möglichen Expert:innen wechseln: Vielleicht braucht der nächste Mondhabitat eher Konstruktion Spezialist:innen und eine Mondgesellschaft Lehrpersonal, Landwirt:innen oder Kunstschaffende. Da arbeiten private und staatliche Akteure auch momentan wunderbar zusammen. Eine Hauptgefahr denke ich ist, dass wir verkennen, dass momentan kritische Infrastruktur in das All wandert – und wenn diese bei nur wenigen, einzelnen Akteuren bleibt, ist das ein Machtgefälle. Vor allem der Zugang zum All sollte auf mehrere Parteien verteilt sein.

LEADERSNET: Diese Interdisziplinarität spiegelte sich auch in Ihrem wissenschaftlichen Programm wider: 22 Studien in 3,5 Tagen, darunter das erste Röntgenbild eines Menschen im All. Klingt beeindruckend — aber was war die größte Herausforderung bei der tatsächlichen Durchführung dieser Experimente unter realen Schwerelosigkeitsbedingungen?

Rabea Rogge: Die größten Herausforderungen sind meistens die kleinen Details, die plötzlich anders oder nicht mehr in der Schwerelosigkeit funktionieren. Und das ist auch genau die Chance auf kurzen Missionen: Wir können nicht nur Daten sammeln, sondern auch unkompliziert Versuchsaufbauten testen, bevor sie auf die ISS transportiert werden. Der Röntgengenerator zum Beispiel hat einwandfrei funktioniert, aber ein anderes Experiment zum Hormonhaushalt hat mich anstatt 5 Minuten auf der Erde eine Stunde gekostet. Einfache Proben wie Blut- oder Urinproben auf der Erde sind schwer zu meistern, da sich Flüssigkeiten im All anders verhalten und nicht unbedingt in die Behälter reinfließen.

LEADERSNET: Sie erwähnen, dass selbst vermeintlich einfache Dinge im All zur Geduldsprobe werden. Welches Experiment hat Sie dabei persönlich am meisten überrascht — oder Ihr Bild vom menschlichen Körper nachhaltig verändert?

Rabea Rogge: Wir haben ein Experiment zur Veränderung der räumlichen Orientierung dabei. Und die Experimente zeigten: Ich habe definitiv schlechter abgeschnitten am ersten Flugtag, was sich mit meiner subjektiven Wahrnehmung deckte. Auf einmal hatte man viel mehr Orientierungsmöglichkeiten und hat ganz andere Ecken der Kapsel entdeckt, obwohl wir ein Jahr in der Kapsel auf der Erde trainiert haben. Und als ich zurück auf der Erde war, hatte sich die gleiche Testbatterie viel einfacher angefühlt – das Gehirn hatte sich schon innerhalb der 3.5 Tage angepasst! Der menschliche Körper ist wirklich ein Wunderwerk.

LEADERSNET: In einem Ihrer Interviews sagten Sie, dass Sie und Ihre Crew beim Countdown realisierten: "Jetzt ist es real“ — und dass vieles eher mental als physisch gewesen sei. Wie haben Sie diese mentale Vorbereitung erlebt — und wie sehr unterscheidet sich das gefühlte Erleben eines Raumflugs von dem, was Laien sich darunter vorstellen?

Rabea Rogge: Ich dachte, ich würde sehr aufgeregt sein, aber was mir nun aufgefallen ist: Das einjährige Training hatte genau den Sinn, das man eben nicht nervös ist beim Start und im Flug. Eine der wichtigsten Dinge, die ich für mich gelernt habe in der mentalen Vorbereitung ist, dass man sich stressen kann um Dinge, die innerhalb oder außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Aber es macht keinen Sinn, Energie für die Dinge außerhalb der Kontrolle aufzuwenden, das kann ich jedem mitgeben. Die Schwerelosigkeit zu erleben ist wieder wie ein Kind zu sein: Man hat so vieles neu zu entdecken, vom Schweben, zum Verhalten von Flüssigkeiten.

LEADERSNET: Welche Visionen haben Sie für die nächsten Jahrzehnte, und wie kann die Raumfahrt zur Lösung globaler Herausforderungen beitragen?

Rabea Rogge: Ich hoffe, dass wir gelernt haben, besser miteinander zu kommunizieren. Wenn wir verstehen wollen, wie 200-300 Menschen entweder auf einer Mondbasis oder auf einer Raumstation über eine lange Zeit gut zusammenleben können, müssen wir Konfliktresolution, Selbstlosigkeit und Empathie gut verstehen, denke ich. Auf der technologischen Seite zwingt uns das All, nachhaltige Technologien voranzutreiben – sei das Solarpanele oder Carbon Capture, welches beide gelöst sein muss, um vom Mars wieder zurückzukommen. Am spannendsten sind aber all die Fragen zu entdecken, die wir noch gar nicht kennen, denn dafür fliegen wir überhaupt ins All. Das ist das Herz des Entdeckens und der Mensch ist von Natur aus Entdecker.

LEADERSNET: Was raten Sie jungen Menschen, die heute davon träumen, selbst einmal die Erde von oben zu sehen? Welchen Rat geben Sie, inspiriert von Ihrem eigenen Weg, der mit einem Amateur-CubeSat und Amateurfunkkurs begann und nun Geschichte schrieb?

Rabea Rogge: Dass Herzensprojekte, Freiwilligenarbeit und Abenteuerlust genauso wichtig sind, wenn nicht wichtiger als der Standard-Ausbildungsweg. Ich habe als Studentin vergessen, dass ich eigentlich den Freiraum habe, zu experimentieren, was für eine Art Mensch ich sein möchte, und meine eigentlichen Träume erst zu finden. Es wird immer erwartet, dass man das schon sofort weiß. Aber mein Abenteuer-CV, die Amateurfluglizenz und meine Begeisterung für das Satellitenprojekt haben mich zu dieser Mission gebracht. Und selbst wenn nicht, sind das Dinge, die einem niemand mehr nehmen kann. Daher: Experimentiere und träumt groß! Und unterstützt euer Umfeld, denn ohne ein Team kommt man nirgendwo hin.

Und mein Traum geht noch viel weiter, denn ich habe ein Buch geschrieben, das im April / Mai dieses Jahres veröffentlicht wird. In “Ein (bisschen) Weltraum für Alle: Gedanken einer Astronautin zu Expeditionen, Robotern und Zukunftsvisionen” habe ich meine Erfahrungen des Fluges zusammengefasst mit allen Höhen und Tiefen.

Buchtipp: Ein (bisschen) Weltraum für Alle

  • Titel: Ein (bisschen) Weltraum für Alle
  • Untertitel: Gedanken einer Astronautin zu Expeditionen, Robotern und Zukunftsvisionen
  • Autorin: Rabea Rogge
  • Verlag: Springer-Verlag (Springer Berlin Heidelberg)
  • Erscheinungsdatum: 28. April 2026
  • Format: Softcover & E-Book
  • Seitenanzahl: ca. 253 Seiten
  • ISBN-13: 978-3-662-72821-5
  • Themen: Raumfahrt, Robotik, Fram2-Mission, Polarforschung

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Buchtipp: Ein (bisschen) Weltraum für Alle

  • Titel: Ein (bisschen) Weltraum für Alle
  • Untertitel: Gedanken einer Astronautin zu Expeditionen, Robotern und Zukunftsvisionen
  • Autorin: Rabea Rogge
  • Verlag: Springer-Verlag (Springer Berlin Heidelberg)
  • Erscheinungsdatum: 28. April 2026
  • Format: Softcover & E-Book
  • Seitenanzahl: ca. 253 Seiten
  • ISBN-13: 978-3-662-72821-5
  • Themen: Raumfahrt, Robotik, Fram2-Mission, Polarforschung

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