ADAC Crashtest-Ergebnisse
Warum Unfälle bei Tempo 30 besonders gefährlich sind

| Redaktion 
| 10.02.2026

Unfälle bei Tempo 30 gelten als harmlos – doch ADAC-Crashtest-Ergebnisse zeichnen ein anderes Bild. Neue Auswertungen zeigen, dass Kollisionen bei niedriger Geschwindigkeit für den menschlichen Körper teils gefährlicher sein können als Aufpralle bei höherem Tempo. Die Erkenntnisse zwingen Euro NCAP zu der größten Reform seiner Sicherheitsbewertung seit 2009 – mit Folgen für Hersteller, Sicherheitsratings und den Autokauf.

Das europäische Verbraucherschutzprogramm Euro NCAP stellt seine Teststrategie für 2026 grundlegend um. Künftig werden Neuwagen nicht nur strenger, sondern vor allem realitätsnäher geprüft. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf Unfällen mit niedriger Geschwindigkeit – einem Szenario, das im Alltag besonders häufig vorkommt, bislang aber unterschätzt wurde. Grundlage der Neuausrichtung sind umfangreiche Crashtests und Analysen, die unter anderem beim ADAC durchgeführt werden.

Warum niedrige Geschwindigkeiten besonders gefährlich sind

Unfälle bei Tempo 30 sind besonders gefährlich, weil moderne Fahrzeugstrukturen und Rückhaltesysteme auf höhere Aufprallgeschwindigkeiten ausgelegt sind und bei niedrigem Tempo weniger effektiv wirken. Bei Tempo 30 bis 35 arbeiten Karosserie, Gurtstraffer und Airbags oft nicht im optimalen Wirkungsbereich. Dadurch können höhere Belastungen auf Brust, Hals und Kopf entstehen – insbesondere bei älteren Insassen.

Die ADAC-Unfallforschung beobachtet seit Jahren eine Häufung schwerer Verletzungen bei innerörtlichen Unfällen. Ein bereits bewerteter Euro-NCAP-Test zeigte, dass bei einem Frontalaufprall mit 35 km/h teilweise höhere Kräfte auf den Fahrer wirken als bei klassischen Crashs mit 50 km/h. Genau diese Erkenntnisse führten zur Einführung eines neuen Niedriggeschwindigkeits-Crashtests.

Die wichtigsten Gründe im Überblick

  • Fahrzeugstrukturen sind auf höhere Geschwindigkeiten optimiert

  • Rückhaltesysteme reagieren bei niedrigem Tempo weniger effektiv

  • Gurtstraffer und Airbags entfalten ihre Schutzwirkung verzögert

  • Ältere Insassen sind biomechanisch stärker gefährdet

  • Innerörtliche Unfälle kommen besonders häufig vor

Neue Sicherheitslogik entlang des realen Unfallgeschehens

Euro NCAP ordnet seine Bewertung künftig entlang des tatsächlichen Ablaufs im Straßenverkehr. Das neue Testsystem basiert auf vier Säulen: sicheres Fahren, Unfallvermeidung, Unfallschutz und Rettung nach einem Unfall. Ziel ist es, Fahrzeugsicherheit nicht mehr isoliert anhand einzelner Disziplinen zu bewerten, sondern als zusammenhängenden Prozess – vom Vermeiden kritischer Situationen bis zur Rettung der Insassen nach einem Crash.

Im Bereich sicheres Fahren werden Assistenzsysteme wie Geschwindigkeits-, Abstands- und Lenkassistenten intensiver geprüft. Neu ist der stärkere Fokus auf die Insassenüberwachung. Fahrzeuge müssen erkennen, wenn Fahrer:innen ermüden oder Kinder im Auto zurückbleiben. Auch die Bedienbarkeit rückt in den Mittelpunkt: Für sicherheitsrelevante Funktionen sind physische Tasten weiterhin verpflichtend.

Die Kategorie Unfallvermeidung verschärft die Anforderungen an Notbrems- und Spurhaltesysteme. Getestet werden realistische Szenarien mit Fußgängern, Radfahrern und Motorradfahrern – bei variierenden Geschwindigkeiten, Wetterbedingungen und Auftreffwinkeln. Zusätzlich bewertet Euro NCAP künftig die Qualität der Systemeingriffe, um Akzeptanz und Vertrauen zu erhöhen.

Was sich für Hersteller und Käufer jetzt ändert

Im Bereich Unfallschutz steigen die Anforderungen deutlich. Künftig kommen unterschiedliche Dummy-Typen auf verschiedenen Sitzpositionen zum Einsatz. Ergänzt werden die Tests durch computersimulierte Crashs mit digitalen Menschmodellen, die Verletzungsrisiken präziser abbilden sollen.

Die vierte Säule, Rettung nach einem Unfall, gewinnt ebenfalls an Bedeutung. Bewertet werden unter anderem funktionierende eCall-Systeme, verfügbare Rettungskarten und der Zugang zum Fahrzeug nach dem Crash. Für Elektroautos gelten zusätzliche Kriterien: Hochvoltbatterien müssen sicher isoliert sein, Türgriffe, Kofferraumklappen und Fenster müssen auch nach einem Aufprall oder einer Wasserung funktionsfähig bleiben.

Für Fahrzeughersteller bedeutet das einen deutlich höheren Entwicklungsdruck. Für Käuferinnen und Käufer steigt zugleich die Aussagekraft der Sicherheitsbewertungen. Fünf Sterne werden künftig schwerer zu erreichen – sagen dafür aber mehr über die reale Sicherheit im Alltag aus.

Die vier Säulen der neuen Euro-NCAP-Bewertung

  • Sicheres Fahren – Assistenzsysteme und Bedienung

  • Unfallvermeidung – Notbrems- und Spurhaltesysteme

  • Unfallschutz – Struktur, Gurte und Airbags

  • Rettung nach einem Unfall – eCall, Zugang und Batteriesicherheit

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Die vier Säulen der neuen Euro-NCAP-Bewertung

  • Sicheres Fahren – Assistenzsysteme und Bedienung

  • Unfallvermeidung – Notbrems- und Spurhaltesysteme

  • Unfallschutz – Struktur, Gurte und Airbags

  • Rettung nach einem Unfall – eCall, Zugang und Batteriesicherheit

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