Business-Dresscodes
Wer Jogginghose trägt, ist schon angekommen

| Redaktion 
| 14.01.2026

Der Blazer als Hoffnung auf Macht, die Jogginghose als Symbol bereits eingesammelter Autorität? In der neuen Arbeitswelt zwischen Homeoffice-Sofa und Vorstandsetage entscheidet die Kleidung längst nicht mehr nur über den Stil, sondern über den Status. Eine Analyse über das Prinzip des Powerdressing a la Victoria-Beckham, die Arroganz der Bequemlichkeit und die Frage: Ist die Jogginghose tatsächlich das neue Arbeitsoutfit der Privilegierten?

Man erkennt das Outfit, bevor man die Person erkennt.

Da ist diese Frau – die Silhouette wie mit dem Lineal gezogen. Ein Hosenanzug, der nicht modisch sein will, sondern funktional: Ordnung, Reduktion, Absicht. Monochrom, sauber, keine Ausrede in Sicht. Der Stoff fällt, als hätte er eine Meinung. Dazu schlichte, aber elegante Schuhe.

Das ist der Victoria-Beckham-Effekt: minimalistisch, teuer, kontrolliert – und so alltagstauglich, dass man vergisst, wie viele Entscheidungen darin stecken. Powerdressing, in seiner reifen Form: kein Schulterpolster-Donner, eher stille Autorität. Man sieht es und denkt: Hier kommt jemand, der nicht um Erlaubnis fragt.

Und dann gibt es das Gegenbild, das inzwischen so normal ist, dass es schon wieder verdächtig wirkt.

Eine Person sitzt im Homeoffice an einem großen Tisch, irgendwo zwischen Designkatalog und. Laptop, zweite Tasse Kaffee, Tageslicht. Auf dem Bildschirm: ein Meeting, zehn Kacheln, zwölf Minuten Verspätung. Und unterhalb der Kamerakante: Jogginghose. Grau, weich, minimal ausgeleiert an den Knien – eine Form der Entspanntheit, die sich nicht rechtfertigt.

Die Jogginghose ist längst nicht mehr die Uniform derer, die aufgegeben haben. Sie ist die Uniform derer, die es sich leisten können, optisch nicht zu senden.

Denn über Kleidung wird heute weniger Stil erzählt als Status. Der Blazer sagt: Ich bin anwesend, ich bin vorbereitet, ich bin zurechenbar. Die Jogginghose sagt: Ich bin schon bewertet worden. Und zwar positiv genug, dass mein Auftritt als Nebensache durchgeht. Ein Zeichen bereits eingesammelter Autorität sozusagen.

Das ist die neue Klassenfrage im Arbeitsleben: Wer muss noch sichtbar leisten – und wer darf einfach nur liefern?

Powerdressing war nie bloß Eitelkeit, sondern auch eine Übersetzungsleistung. Der cleane Look war immer auch Argument: Ich bin nicht angreifbar, nicht missverständlich, nicht "süß", nicht "zu viel". Ich bin nicht da, um zu gefallen, sondern um ernst genommen zu werden.

Das ist das Pro von Powerdressing: Es macht Sie sofort zu einer Figur.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Costes Fashion (@costesfashion)

Das Contra: Es ist Arbeit. Unsichtbare Arbeit. Eine zusätzliche Schicht Produktivität, die man morgens anzieht.

Die Jogginghose dagegen nimmt Arbeit aus dem System. Sie ist Bequemlichkeit, ja. Sie passt perfekt in eine Arbeitswelt, die behauptet, es gehe nur um Output, nicht um Outfit.

Das ist das Pro: Sie entzieht sich der alten Dresscode-Logik. Sie tut so, als wären wir endlich in einer Zeit angekommen, in der Leistung nicht geschniegelt sein muss, um als Leistung zu gelten.

Das Contra sitzt in genau diesem "tut so".

Denn diese Lässigkeit ist nicht frei verfügbar. Sie ist ein Privileg, das an Rollen und Reputation hängt. An Jobs, die nicht nach Kundennähe riechen. Wer an der Kasse steht, im Service arbeitet, im Krankenhaus, in der Werkstatt oder einfach in einem Büro, in dem „Professionalität“ noch immer am Stoff gemessen wird, kann die Jogginghose nicht als Zeichen von Souveränität tragen. Dort bleibt sie, was sie früher war: riskant.

Und selbst im Homeoffice ist die Jogginghose nicht neutral. Sie ist ein stiller Machtbeweis: Ich kann so auftreten und trotzdem ernst genommen werden. Oder: Ich werde ernst genommen, egal wie ich auftrete. Nicht jede*r kann sich diese Gleichgültigkeit leisten. Viele müssen schon mit dem Hemd zeigen, dass sie dazugehören.

Und somit entscheidet sich morgens nicht nur die Stilfrage, sondern eine Sicherheitsfrage: Wie viel "Proof" muss ich heute noch am Körper tragen?

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