Sondervermögen, Zustrombegrenzungsgesetz, Umsiedlung
Unwort des Jahres 2025 sorgt für Aufregung

Die Entscheidung ist gefallen: Das Unwort des Jahres 2025 offenbart die wachsende Kluft zwischen politischer Fachsprache und gesellschaftlichem Sprachverständnis. Eine Jury aus Sprachwissenschaftler:innen kritisiert einen Begriff, der 2025 auffällig oft in öffentlichen Debatten verwendet wurde – und benennt zwei weitere Formulierungen, die mit ihrer Wortwahl tiefgreifende Probleme sichtbar machen.

Seit über drei Jahrzehnten macht die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" auf Begriffe aufmerksam, die demokratischen Diskurs unterlaufen, verschleiern oder diskriminieren. Die aktuelle Wahl rückt einen Ausdruck in den Fokus, der 2025 eine zentrale Rolle in politischen Diskussionen spielte – jedoch von vielen Bürger:innen grundlegend missverstanden wurde. Auch die Plätze zwei und drei zeigen: Sprache ist nicht neutral, sondern ein machtvolles Werkzeug politischer Rhetorik.

Platz 1: Sondervermögen – wenn Schulden als Vermögen verkauft werden

Das Unwort des Jahres 2025 lautet: Sondervermögen.

Was nach Rücklagen oder Sparguthaben klingt, steht in Wirklichkeit für neu aufgenommene Schulden außerhalb des regulären Haushalts. Ursprünglich ein Begriff aus der Finanz- und Verwaltungssprache – etwa im Grundgesetz (Art. 110 Abs. 1) – wurde "Sondervermögen" im Jahr 2025 vermehrt genutzt, um Investitionspakete, Rüstungsprojekte oder Energiefonds zu benennen.

Die Jury kritisiert: Der Begriff verschleiere die tatsächliche Maßnahme – nämlich die Aufnahme neuer Schulden – und suggeriere stattdessen finanzielle Stabilität. Die Bezeichnung sei ein "irreführender Euphemismus", der grundlegende Informationen ausblende und "Verständlichkeit und Aufrichtigkeit" verhindere.

"Wo politische Kommunikation alle Bürger:innen betrifft, ist das sprachkritische Einmahnen von Klarheit und Angemessenheit in der Sprache diskursethisch geboten", so das Gremium.

Platz 2: Zustrombegrenzungsgesetz – Migration als physikalisches Phänomen

Der zweitplatzierte Begriff, Zustrombegrenzungsgesetz, verwendet ein rhetorisches Stilmittel, das von der Jury seit Jahrzehnten kritisiert wird: die Wassermetaphorik zur Beschreibung von Migration.

Ausdrücke wie "Flüchtlingsstrom", "Asylwelle" oder "Flut" degradieren Menschen auf der Flucht zu Naturgewalten – bedrohlich, anonym, entmenschlicht. Die Bezeichnung "Zustrombegrenzungsgesetz" übertrage diese Metaphorik auf die Gesetzgebung selbst und legitimiere so eine abwertende Sprache auch institutionell.

Besonders problematisch: Das individuelle Schicksal von Schutzsuchenden tritt hinter dem Bild eines "zuströmenden Materials" zurück. Die Jury sieht darin eine bewusste Verschiebung des Diskurses – weg von der humanitären Dimension, hin zu technokratischer Abwehrlogik.

Platz 3: Umsiedlung – verharmlosende Sprache für Zwang

Das persönliche Unwort des diesjährigen Jury-Gastes, Journalist und Jurist Ronen Steinke, lautet: Umsiedlung.

Der Begriff wurde 2025 von israelischen und US-amerikanischen Politiker:innen verwendet, um die dauerhafte Verbringung der Bevölkerung des Gazastreifens in andere Länder zu beschreiben – scheinbar als Angebot, tatsächlich jedoch unter Zwang.

"Was klingt wie eine Wohltat, verschleiert ein Verbrechen", so Steinke. Im völkerrechtlichen Kontext werde eine solche Maßnahme als Vertreibung bezeichnet. Wenn Menschen vor die Wahl gestellt werden, zwischen Bombardierung und "freiwilliger Umsiedlung", dann sei das kein Angebot, sondern eine Drohung.

Auch deutsche Medien hätten laut Jury den Begriff weitgehend unkritisch übernommen – ein weiterer Beleg für die Macht sprachlicher Verharmlosung.

Sprache als Spiegel der Macht

Die drei Begriffe, die 2025 ausgezeichnet wurden, stehen für unterschiedliche Formen sprachlicher Verzerrung: Beschönigung, Entmenschlichung, Täuschung. Die Jury hebt hervor, dass insbesondere Begriffe aus Verwaltung und Politik oft bewusst unklar formuliert werden – und damit demokratische Debatten unterlaufen.

Insgesamt erreichten die Jury 2.631 Einsendungen, darunter 553 verschiedene Begriffe. Rund 70 erfüllten die Kriterien. Besonders häufig vorgeschlagen wurden unter anderem auch: "Friedensangst", "Technologieoffenheit", "Deal", "Babyboomer" und "umstritten".

Ausstellung in Darmstadt rückt Sprache ins Bild

Die Wirkung des Unworts wird 2026 auch visuell aufgearbeitet: Die Fotoausstellung "Unwort-Bilder" zeigt ab 12. März in Darmstadt künstlerische Interpretationen des Begriffs "Sondervermögen". Die Vernissage findet am Donnerstag, den 12. März 2026 um 19 Uhr statt. Ort und Öffnungszeiten werden noch bekannt gegeben.

Ziel der Ausstellung ist es, durch Fotografie neue Perspektiven auf politische Sprache zu eröffnen – jenseits von Schlagzeilen.

Unwörter der letzten Jahre (Top 5)

2024: Remigration
→ Begriff aus der extremen Rechten, der oft euphemistisch für Zwangsausweisungen verwendet wird.

2023: Klimaterroristen
→ Diffamierende Bezeichnung für Klimaaktivist:innen; kriminalisiert zivilen Protest.

2022: Sozialtourismus
→ Abwertender Begriff zur Diskreditierung geflüchteter Menschen, vor allem aus der Ukraine.

2021: Pushback
→ Technizismus zur Verharmlosung menschenrechtswidriger Zurückweisungen von Flüchtlingen.

2020: Rückführungspatenschaften
→ Bürokratisch klingender Begriff für Abschiebekooperationen innerhalb der EU.

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Unwörter der letzten Jahre (Top 5)

2024: Remigration
→ Begriff aus der extremen Rechten, der oft euphemistisch für Zwangsausweisungen verwendet wird.

2023: Klimaterroristen
→ Diffamierende Bezeichnung für Klimaaktivist:innen; kriminalisiert zivilen Protest.

2022: Sozialtourismus
→ Abwertender Begriff zur Diskreditierung geflüchteter Menschen, vor allem aus der Ukraine.

2021: Pushback
→ Technizismus zur Verharmlosung menschenrechtswidriger Zurückweisungen von Flüchtlingen.

2020: Rückführungspatenschaften
→ Bürokratisch klingender Begriff für Abschiebekooperationen innerhalb der EU.

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