Urlaub soll Abstand vom Arbeitsalltag schaffen. Doch für viele Beschäftigte bleibt der Job auch in der freien Zeit präsent. Nachrichten werden beantwortet, das Diensthandy bleibt an – und nicht selten kreisen die Gedanken weiter um die Arbeit.
Eine Anfang August veröffentlichte Umfrage der Jobplattform Indeed liefert dazu bemerkenswerte Zahlen. Das Marktforschungsinstitut Appinio befragte im Auftrag des Unternehmens 1.000 Erwerbstätige in Deutschland. Demnach arbeiten 61,6 Prozent zumindest teilweise während ihres Urlaubs. Nur 38,4 Prozent geben an, in ihrer freien Zeit gar nicht zu arbeiten.
Wenn Abschalten nicht mehr funktioniert
Dabei bedeutet "Arbeiten" nicht zwangsläufig, stundenlang vor dem Laptop zu sitzen. 30,7 Prozent stehen ihrem Arbeitgeber im Urlaub zumindest gelegentlich zur Verfügung, weitere 16,7 Prozent in Ausnahmefällen. 14,2 Prozent beantworten regelmäßig Nachrichten oder gehen ans Diensthandy.
Interessant ist, woher der Druck zur Erreichbarkeit kommt. 44,8 Prozent derjenigen, die im Urlaub arbeiten, wurden tatsächlich direkt kontaktiert. Gleichzeitig fühlen sich 69,2 Prozent grundsätzlich dazu verpflichtet, erreichbar zu sein.
Die Gründe dafür reichen von fehlenden Vertretungen über ein schlechtes Gewissen gegenüber Kolleg:innen bis zur Sorge, beruflich etwas zu verpassen. Bei 16,2 Prozent erwarten Vorgesetzte die Erreichbarkeit. Nur 13,1 Prozent arbeiten nach eigenen Angaben im Urlaub, weil sie das grundsätzlich gerne tun.
Für Führungskräfte ist dieser Unterschied entscheidend. Denn eine Unternehmenskultur zeigt sich nicht nur in offiziellen Regeln. Wenn Beschäftigte zwar theoretisch abschalten dürfen, sich praktisch aber trotzdem verantwortlich fühlen, bleibt die Erholung auf der Strecke. Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Präsentismus: Auch dort arbeiten Beschäftigte weiter, obwohl eine Pause eigentlich notwendig wäre.
Urlaub wird zum Karriere-Check
Besonders relevant für Arbeitgeber wird die Untersuchung beim Thema Mitarbeiterbindung. 37,7 Prozent der Befragten hinterfragen ihre berufliche Situation während und nach dem Urlaub stärker als sonst. Bei Menschen, die während ihrer freien Zeit arbeiten, steigt dieser Anteil auf 64,8 Prozent. Unter Beschäftigten, die im Urlaub nicht erreichbar sein müssen, sind es dagegen 27,6 Prozent.
Die Distanz zum Arbeitsalltag wird damit offenbar für viele zum Moment der beruflichen Bestandsaufnahme. 21,9 Prozent beschäftigen sich im Urlaub mit einem möglichen Wechsel innerhalb ihrer Branche, 21,5 Prozent denken über eine komplette berufliche Neuorientierung nach und 19,7 Prozent über eine Weiterbildung.
Bei einem Teil bleibt es nicht beim Nachdenken. Von denjenigen, die während ihres letzten Urlaubs Zweifel am Job hatten, informierten sich 48,4 Prozent bereits über neue Stellen. 26,2 Prozent aktualisierten ihre Bewerbungsunterlagen, 15,9 Prozent verschickten Bewerbungen und 11,3 Prozent hatten zum Zeitpunkt der Befragung bereits einen neuen Job.
Was Unternehmen daraus mitnehmen können
Die Zahlen liefern keinen Beweis dafür, dass Arbeit im Urlaub unmittelbar zu Kündigungen führt. Sie zeigen aber einen deutlichen Zusammenhang zwischen beruflicher Erreichbarkeit in der Freizeit und einer kritischeren Auseinandersetzung mit dem eigenen Job.
Gerade für Unternehmen ist deshalb interessant, was hinter der Erreichbarkeit steckt. Wenn Beschäftigte keine funktionierende Vertretung haben oder das Gefühl entwickeln, auch im Urlaub reagieren zu müssen, wird aus einer individuellen Gewohnheit schnell eine Führungsfrage.
Indeed-Karriereexpertin Stefanie Bickert sieht deshalb Erholung und Mitarbeiterbindung eng miteinander verbunden. "Funktionierende Vertretungsregelungen und eine Unternehmenskultur, die Erreichbarkeit im Urlaub nicht stillschweigend voraussetzt, sind nicht nur Ausdruck guter Führung und ein wichtiger Faktor für Mitarbeiterbindung, sondern auch die Basis für langfristige Leistungsfähigkeit."
Für Arbeitgeber liegt darin vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Untersuchung: Ob Mitarbeiter wirklich Urlaub machen können, entscheidet sich nicht erst mit der Abwesenheitsnotiz. Entscheidend sind Vertretung, Erwartungen und Unternehmenskultur. Denn wer selbst am Strand das Gefühl hat, beruflich erreichbar sein zu müssen, bekommt möglicherweise genau dort die nötige Distanz, um sich zu fragen, ob der aktuelle Job noch der richtige ist.
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