Wussten Sie schon, dass niemand Geringeres als Phil Collins "Loco in Acapulco" mitkomponiert hat, mit dem die US-Soulband Four Tops in den späten Achtzigern einen Hit in Europa landen konnte? Sogar das Schlagzeug hat der einstige Genesis-Frontmann seinerzeit eingespielt.
Was man nicht alles in Erfahrung bringt, wenn man einen urplötzlich auftauchenden Ohrwurm aus längst vergangenen Tagen googlet. Quasi im selben Atemzug drängte sich bei der jüngsten Recherche allerdings auch eine Frage auf: Warum schwärmt heutzutage eigentlich niemand mehr von Acapulco?
Die Stadt liegt an Mexikos Pazifikküste im Bundesstaat Guerrero, rund 380 Kilometer südlich von Mexiko-Stadt entfernt. Als auffälligstes geografisches Merkmal verzeichnet sie eine große, nahezu halbkreisförmige Bucht, die den Ort seit Jahrhunderten zu einem natürlichen Hafen macht.
Hinter den Stränden steigt das Gelände schnell zu bewaldeten Bergen an und bietet eine Kombination aus tropischem Klima und Pazifikpanorama, die Acapulco einst geradezu für den Tourismus prädestinierte.
Acapulco: Ein Sehnsuchtsort entsteht
In den frühen 1950ern wurden Straßen, Stromversorgung und weitere Infrastruktur massiv ausgebaut, sodass sich auch Hotels und Nachtclubs schnell ansiedelten und damit wiederum den Jetset anlockten.
Zum Ende des Jahrzehnts war Acapulco erprobter Spielplatz der damaligen Superstars und beherbergte Frank Sinatra, Elizabeth Taylor, John Wayne oder Cary Grant regelmäßig. Elvis Presley festigte die Stadt weiter als Sehnsuchtsort, indem er in "Fun in Acapulco" einen jungen Mann spielte, der als Sänger in einem Hotel arbeitet und sich nebenbei als Klippenspringer versucht.
Auch hierzulande gewann Acapulco einen festen Platz im kollektiven Verständnis von Fernweh – der Name stand für eine Art von Urlaub, die mit Palmen, Pazifik, Luxushotels und Filmstars en Masse noch nach großer, weiter Welt klang.
Wer ihn hörte, dachte nicht unbedingt an konkrete Reisepläne, sehr wohl aber an eine exotische, glamouröse Atmosphäre, die im Kino, im Fernsehen und in der Musik weiter schmackhaft gemacht wurde. Mit Erfolg: In der Boom-Phase Ende der 1970er zog es fast zweieinhalb Millionen Menschen pro Jahr nach Acapulco, wobei schon damals ein beträchtlicher Teil aus Mexiko selbst anreiste.
Der Glanz verblasst
Allerdings bröckelte es zu dieser Zeit bereits hinter der idyllischen Kulisse, wobei sich ausgerechnet die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte als Problem für Acapulco erweisen sollte:
Die bebaute Fläche hatte sich seit 1950 vervielfacht, sodass sich Hotels und Wohnviertel immer weiter in die Hänge rund um die Bucht ausbreiteten. Die Infrastruktur konnte mit diesem Tempo nicht immer Schritt halten, während sich obendrauf soziale und ökologische Probleme verschärften.
Dazu kam neue Konkurrenz. Mit Cancún entstand auf der Yucatán-Halbinsel ein von Grund auf als Ferienziel konzipierter Rivale, auf den weitere moderne Resorts wie Los Cabos oder Ixtapa folgten.
Urlauber wurden hier reihenweise durch internationale Hotelketten, neue Strände und das bloße Bereitstellen einer attraktiven Alternative für Ausländer abgeworben.
Acapulco dagegen alterte und verlor Stück für Stück seinen exklusiven Charakter; in den 1980ern und 1990ern sank die Zahl der internationalen Gäste recht zuverlässig.
Die Gewalt übernimmt
Eine völlig neue Dramatik erreichte die Situation jedoch erst, als die touristische Krise um die Gewalt der mexikanischen Kartellkriege angereichert wurde. Nach dem Beginn eines intensivierten Kampfes gegen die Drogenkartelle eskalierte auch in Guerrero der Machtkampf zwischen kriminellen Gruppen ab 2006 zunehmend.
Die Gewalt beschränkte sich dabei keineswegs auf irgendwelche entlegenen Viertel, sodass sich Schießereien, Entführungen und Hinrichtungen ebenso in eigentlich touristischen Bereichen dokumentieren ließen.
Als Tiefpunkt erwies sich das Jahr 2018, in dem das Militär die gesamte Stadtpolizei wegen dem Verdacht der kriminellen Unterwanderung entwaffnen musste. Gleichzeitig belegte Acapulco im unrühmlichen Ranking der gewalttätigsten Städte weltweit (CCSPJP-Statistik als PDF) zu dieser Zeit den zweiten Platz – bei etwas über 850.000 Einwohnern wurden 948 Morde verzeichnet.
Entwicklungen, die auch am internationale Tourismus keinesfalls spurlos vorbeigingen. Das einstige Synonym für luxuriöse Hochglanz-Ferien war zum Reiseziel geworden, vor dem Regierungen ausdrücklich warnten.
Was bis heute gilt: Das britische Außenministerium rät aktuell von nicht unbedingt notwendigen Reisen in den Bundesstaat Guerrero, einschließlich Acapulco, ab und verweist auf organisierte Kriminalität, bewaffnete Überfälle und Schießereien selbst in touristischen Gebieten. Unser Auswärtiges Amt exkludiert Acapulco zwar von seiner dringenden Reisewarnung für Guerrero, setzt dafür aber eine Anreise per Flugzeug voraus.
Als wäre all das nicht genug, traf Hurrikan Otis im Oktober 2023 auf Acapulco und zerstörte Teile der Infrastruktur. Der Tourismus hat sich seither zumindest teilweise erholt, allerdings zieht er heute mehr denn je Gäste aus Mexiko selbst an. Insofern ist Acapulco als Destination grundsätzlich keineswegs Geschichte – unsere einstigen Assoziationen hat die Realität jedoch längst überschrieben.
Artikelbild: Comisión Mexicana de Filmaciones nach CC BY-SA 2.0
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