In der deutschen Industrie verschieben sich gerade die Karrierewege. Während die Automobilbranche unter Kostendruck steht und Arbeitsplätze abbaut, suchen Rüstungskonzerne Beschäftigte. Besonders begehrt sind jene Fach- und Führungskräfte, die aus der Autoindustrie bereits Erfahrung mit komplexen Produktionsprozessen, Elektronik und Software mitbringen.
Wie konkret dieser Personaltransfer inzwischen geworden ist, zeigt Hensoldt. Der Sensor- und Elektronikspezialist will in der Region Stuttgart ein neues Entwicklungszentrum für "Software-Defined Defence and Engineering" errichten. Rund 300 Arbeitsplätze sollen entstehen, teilt das Unternehmen in einer Aussendung mit. Angesprochen werden ausdrücklich Fachkräfte aus der Automobilindustrie – unter anderem aus den Bereichen Systementwicklung, Software und Elektrotechnik.
Das Ziel: Wissen aus der Entwicklung moderner Fahrzeuge soll in digital vernetzte und laufend aktualisierbare Verteidigungssysteme einfließen.
Rüstungsunternehmen schreiben deutlich mehr Stellen aus
Hensoldt ist kein Einzelfall. Nach einer Auswertung des Arbeitsmarkt-Datendienstes Index Research veröffentlichten deutsche Rüstungsunternehmen im ersten Halbjahr 2026 rund 4.700 Stellenanzeigen. Das waren 22 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Rund 1.600 Ausschreibungen richteten sich an technische Fachkräfte, weitere 885 an Projektleiter.
Hinter dem wachsenden Personalbedarf stehen die hohen Auftragsbestände der Branche. Die Unternehmen müssen neue Produktionslinien aufbauen, bestehende Werke erweitern und Entwicklungsprogramme schneller in die industrielle Fertigung bringen. Dafür benötigen sie nicht nur klassische Rüstungsexperten, sondern Menschen, die große Technologie- und Produktionsprojekte steuern können.
Hier kommen Beschäftigte aus der Automobilindustrie ins Spiel. Sie sind daran gewöhnt, komplexe Lieferketten zu organisieren, hohe Qualitätsstandards einzuhalten und Mechanik, Elektronik sowie Software miteinander zu verbinden. Diese Fähigkeiten lassen sich vielfach auf die Herstellung moderner Verteidigungssysteme übertragen.
Diese Qualifikationen sind besonders gefragt
Gute Chancen haben derzeit Software- und Systemarchitekten, Elektroingenieure, Mechatroniker sowie Experten für Sensorik, Cybersecurity und autonome Systeme. Hinzu kommen Produktions- und Programmleiter, Fachleute für Industrialisierung und Qualitätsmanagement sowie erfahrene Supply-Chain-Manager.
Ein Studium ist dabei nicht für jede Position zwingend erforderlich. Auch eine technische Ausbildung oder eine IT-Ausbildung kann den Einstieg ermöglichen – vorausgesetzt, die Bewerber bringen die notwendigen Fachkenntnisse und ausreichend Erfahrung mit.
Der Personalberater Kaan Bludau nennt gegenüber Business Insider vor allem "Aufklärung, Sensorik, Lagebilder, autonome Systeme und Cybersecurity" als stark nachgefragte Bereiche. Moderne Drohnen, Radarsysteme und vernetzte Fahrzeuge seien längst ebenso sehr Software- und Elektronikprodukte wie klassische Maschinen.
Gehälter können deutlich über dem Markt liegen
Auch finanziell kann sich der Branchenwechsel lohnen. Nach Einschätzung Bludaus liegen die Zielvergütungen in der Rüstungsindustrie häufig über jenen vergleichbarer Positionen in der Automobil- oder IT-Branche. Seine Angaben beruhen allerdings auf Erfahrungen aus der Personalvermittlung und sind keine repräsentativen Marktwerte.
Für Hochschulabsolventen mit erster Berufserfahrung nennt der Headhunter Jahresgehälter zwischen 60.000 und 80.000 Euro. Erfahrene Spezialisten könnten zwischen 80.000 und 140.000 Euro erreichen. Im Mittelmanagement beginne die Zielvergütung häufig bei rund 150.000 Euro.
Bei besonders verantwortungsvollen Managementfunktionen seien laut Bludau bis zu 500.000 Euro möglich. Zur Zielvergütung zählen neben dem Fixgehalt auch Boni und weitere variable Bestandteile. Bei Spezialisten liege der variable Anteil häufig zwischen zehn und 20 Prozent, im Mittelmanagement teilweise bei rund 25 Prozent.
Die Höhe hängt stark von Unternehmen, Standort, Berufserfahrung und konkreter Verantwortung ab. Vor allem die Spitzenwerte sind daher nicht als branchenübliche Standardgehälter zu verstehen.
Die moralische Distanz zur Branche schrumpft
Ein Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie unterscheidet sich dennoch deutlich von einer Stelle bei einem klassischen Industrieunternehmen. Sicherheitsüberprüfungen, Exportkontrollen, umfangreiche Verschwiegenheitspflichten und der Umgang mit geheimhaltungsbedürftigen Informationen gehören zum Arbeitsalltag.
Entsprechend genau prüfen Unternehmen bei Führungskräften Integrität, Loyalität und Diskretion. Gleichzeitig beobachtet Bludau, dass die moralischen Vorbehalte gegenüber der Branche seit dem russischen Angriff auf die Ukraine zurückgegangen sind. Bewerber betrachteten Verteidigung zunehmend als Beitrag zur eigenen Sicherheit und zur militärischen Handlungsfähigkeit Europas.
Kommentar veröffentlichen