Gertraud Klemm im Interview
"Zwei Vollzeitberufe und Kinder sind unvereinbar mit einem würdigen Leben"

| Natalie Oberhollenzer 
| 18.10.2026

Wer macht Karriere, wer übernimmt die Sorgearbeit – und wer bestimmt die Regeln? Für Gertraud Klemm hängen diese Fragen eng zusammen. In ihrem Buch "Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift", setzt sich die österreichische Schriftstellerin mit patriarchalen Machtverhältnissen auseinander und sucht in matriarchalen Gesellschaften nach Anregungen für eine andere Ordnung.

Wir nehmen ihre Thesen zum Anlass, nach den Konsequenzen für die Arbeitswelt zu fragen - und erfahren warum ihr mehr Frauen in Führungspositionen allein nicht genügen, weshalb sie das Versprechen der Vereinbarkeit für unzureichend hält und welche Verantwortung sie bei Vätern sieht. Ein Gespräch über die Verteilung von Macht, Geld und unbezahlter Arbeit.

LEADERSNET: Sie nennen unsere Epoche "Phallozän". Was erklärt dieser Begriff?

Gertraud Klemm: Es ist ein Neologismus, der ein völlig aus dem Ruder gelaufenes Patriarchat bezeichnet, in dem ein bestimmter Typ von Männlichkeit den Kurs aller Vorgänge unserer Zeit bestimmt. Dabei verstehe ich den Begriff Patriarchat über die rein geschlechtliche Ebene hinaus: androzentrisch (das Männliche steht über dem Weiblichen), anthropozentrisch (der Mensch steht über allen anderen Lebewesen) und imperialistisch (eine Art Mensch ist mehr wert als eine andere). Der Begriff Phallozän steht auch für eine überaus erregte, verzwergte Maskulinität, die nur auf den eigenen kurzfristigen Lustgewinn ausgerichtet ist.

LEADERSNET: Was macht ein Unternehmen patriarchal – außer der Tatsache, dass überwiegend Männer an seiner Spitze stehen?

Gertraud Klemm: Extreme Hierarchien, die sich auch im Lohn niederschlagen, Männer im Topmanagement, Frauen in den rangniedrigeren Positionen, Rücksichtslosigkeit gegenüber Personal, Umwelt und Ressourcen, Gewinnmaximierung.

LEADERSNET: Was schlagen Sie einer Frau mittleren Alters vor, die als Mutter in einer heteronormativen Familie halbtags arbeitet und ihrem Partner "den Rücken freihält"?

Gertraud Klemm: Zwei Vollzeitberufe mit jeweils 40 Wochenstunden und Kinder sind unvereinbar mit einem würdigen Leben. Das sagen viele kluge Menschen, zum Beispiel Helene Klaar.

Das ist meine größte Kritik am sozialistischen Feminismus: dass er die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Lohnarbeit durch Fremdbetreuung und Ausgleichszahlungen als gegeben betrachtet. Erstens klammert das die Pflichten der Vaterschaft aus, zweitens bedeutet Kinderhaben Chaos, das sich nicht in Öffnungs- und Ferienzeiten integrieren lässt.

Ich schlage dieser Frau vor, sich vertraglich sehr gut abzusichern, ihre Pension mit dem Kindesvater zu teilen, sich ein gutes Netz zu knüpfen und mit anderen Eltern clanartige Strukturen zu bilden. Die kann man dann gleich weiterpflegen, auch wenn die Eltern zu betreuen sind oder jemand erkrankt. Am besten ist natürlich ein Matriclan!

LEADERSNET: Was schlagen Sie einer Frau in ihren Zwanzigern vor, die Karriere machen und, wie es oft der Fall ist, bis Mitte dreißig Kinder bekommen möchte?

Gertraud Klemm: Augen auf bei der Partnerwahl! Ich wünsche mir Frauen und Männer, die Kinder bekommen und die Welt mitgestalten wollen – politisch, gesellschaftlich, ökonomisch, künstlerisch, wie auch immer. Ob die Vereinbarkeit mit Mitte zwanzig, dreißig oder vierzig ansteht, ist meiner Meinung nach egal. Das ist ja auch der Irrglaube des Social Freezing: Die unbezahlte und die bezahlte Arbeit kollidieren in jeder Lebensphase.

Ich bin sehr gerne Mutter und finde es deprimierend, dass die Elternschaft und das Kinderkriegen so an den Rand des Machbaren gedrängt werden. Der Gebärstreik, der uns gerade demografisch ins Haus steht, ist die letzte Rute, die die Frauen dem Patriarchat ins Fenster stellen. Total nachvollziehbar, aber: Was für eine Niederlage! Wir sind die traurigste Spezies auf der Welt, die Einzige, die ihre essenziellen Ressourcen zerstört, ihre soziale Struktur an den Individualismus verloren hat und obendrein die Fortpflanzung vermasselt.

LEADERSNET: Und was schlagen Sie einem Mann in seinen Zwanzigern vor, der Karriere machen und alsbald Vater werden möchte?

Gertraud Klemm: Wunderbar! Go for it! Siehe oben. Leidenschaftliche, feministische Männer, die nicht nur Fingernägel lackieren, sondern auch Windeln wechseln und die mit ihrem beruflichen Engagement haushalten können – und dürfen –, sind ein wichtiger Schlüssel zum Fortbestand unserer Spezies.

LEADERSNET: Konkurrenz und Durchsetzungsvermögen gelten als wirtschaftliche Erfolgsprinzipien. Würden Sie diese verändern oder überhaupt beibehalten?

Gertraud Klemm: Durchsetzungsvermögen ist nur eine von vielen Strategien des Lebens und eine Momentaufnahme. Wenn sich der Falsche durchsetzt, wird es für alle gefährlich – egal, ob ein Psychopath einen Linienbus entführt, einen Betrieb gegen die Wand fährt oder ein Land in den Abgrund wirtschaftet. Konkurrenz ist nur eines von vielen evolutionären Prinzipien, wird aber besonders hochgehalten. Menschen sind hypersoziale Wesen. Sie müssen mehr zusammenhalten als gegeneinander konkurrieren.

LEADERSNET: Macht konzentriert sich heute auch bei wenigen Tech-Milliardären. Welche Rolle spielt dabei deren Geschlecht – und welche die enorme wirtschaftliche Macht, die sie besitzen?

Gertraud Klemm: Das Problem kann man sehr gut mit einem Zitat von Elon Musk zusammenfassen: "Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie." Wir wissen ja, in welche Bedingungen diese narzisstischen Tech-Bros hineingeboren wurden. Wer mit nichts als Privilegien konfrontiert wird und nur unter seinesgleichen weilt, kann gar keine Empathie entwickeln. Diese anmaßende Haltung können natürlich auch Frauen einnehmen. Nur werden sie rechtzeitig aus den Machtzirkeln aussortiert, weil der Betrieb misogyn strukturiert ist.

Aber finden Sie mal eine Frau, die sich mit 14 Männern fortpflanzt, um ihre Gene zu vermehren, und die soziale Elternschaft dermaßen ausklammert. Für so viel Größenwahn braucht’s schon einen Penis.

Frauen sind für diese Männer Nutztiere. Ressourcen sind Rohstoffe. Menschen sind Arbeitskraft oder Kaufkraft. Alles steht ihnen zu Diensten, nichts ist heilig. Es gibt weder Demut vor dem Prinzip des Lebens und seinen Kreisläufen noch irgendeine Art von Ethik. Die Pseudoreligiosität setzt dem Ganzen die Krone auf.

Hätte Elon Musk keine Empathie erfahren, wäre er zugrunde gegangen. Dass Nehmen an die Notwendigkeit des Gebens gebunden ist, ist ein Naturgesetz. Es passt halt nicht zum kapitalistischen Prinzip.

LEADERSNET: Was müsste geschehen, damit Menschen Macht freiwillig begrenzen, von der sie selbst profitieren?

Gertraud Klemm: In patriarchalen Machtstrukturen wird das nie passieren. Denken Sie daran, wer die Gleichberechtigung von Frauen gefordert und errungen hat: ausschließlich Frauen. Oder denken Sie an den Straßenverkehr: Niemals werden passionierte Autofahrer Radfahrern freiwillig eine Spur abtreten, weil die Macht über die begrenzte Ressource nicht als Privileg empfunden wird, sondern als etwas, auf das ein Anspruch besteht.

Wenn also Machtstrukturen, wo auch immer, "freiwillig" begrenzt werden sollen, dann nur durch die harte Schule der Empathie. Sie könnten beispielsweise den Autofahrer ein Jahr lang zum Radfahren nötigen und ihm somit die unterprivilegierte Rolle aufzwingen. Erst dann wird er durch eigene Erfahrung verstehen lernen – oder sich erinnern –, warum es eine eigene Spur braucht. Wie freiwillig das noch ist, ist fraglich …

LEADERSNET: Wie verhindern wir, dass aus Patriarchats-Kritik die Erwartung entsteht, Frauen müssten die besseren Menschen sein?

Gertraud Klemm: Was ist ein guter Mensch? Ein empathischer? Ein friedfertiger? Dann sind Frauen die besseren Menschen, sorry. Sie sind aber auch die blöderen, wenn es um die Verteidigung ihrer Ressourcen geht. Worauf will ich hinaus? Wir müssen alle nachhaltigere Menschen sein und egalitäre Strukturen bilden. Männer brauchen mehr Empathie und Frauen weniger Gefallenssucht. Und ja: Die Ressourcen gehören dringend umverteilt.

LEADERSNET: Welche Kritik an Ihren Thesen nehmen Sie ernst?

Gertraud Klemm: Jene, dass man sehr viel gleichzeitig umsetzen müsste, um patriarchale Strukturen durch matriarchale zu ersetzen. Mein zentrales Anliegen ist aber nicht, hier und heute ein Matriarchat zu errichten. Mir geht es vor allem um zweierlei: das Patriarchat nicht als Naturgesetz zu verstehen und sich von Matriarchaten inspirieren zu lassen, vor allem, wenn es um Nachhaltigkeit geht.

Zum Buch: Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift

Ist das Patriarchat wirklich alternativlos? Gertraud Klemm stellt in ihrer Streitschrift eine Ordnung infrage, in der Macht, Besitz und Gewinnstreben den Umgang mit Menschen und Natur bestimmen. Ihr Begriff "Phallozän" bezeichnet ein aus dem Ruder gelaufenes Patriarchat, dessen Folgen weit über die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern hinausreichen.

Anhand matriarchaler Gesellschaften aus Vergangenheit und Gegenwart erkundet die Autorin, wie sich Verantwortung, Ressourcen und Zusammenleben anders organisieren ließen. Eine zugespitzte Einladung, gesellschaftliche Spielregeln nicht mit Naturgesetzen zu verwechseln.

Gertraud Klemm: „Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift“ · Matthes & Seitz Berlin

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

Zum Buch: Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift

Ist das Patriarchat wirklich alternativlos? Gertraud Klemm stellt in ihrer Streitschrift eine Ordnung infrage, in der Macht, Besitz und Gewinnstreben den Umgang mit Menschen und Natur bestimmen. Ihr Begriff "Phallozän" bezeichnet ein aus dem Ruder gelaufenes Patriarchat, dessen Folgen weit über die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern hinausreichen.

Anhand matriarchaler Gesellschaften aus Vergangenheit und Gegenwart erkundet die Autorin, wie sich Verantwortung, Ressourcen und Zusammenleben anders organisieren ließen. Eine zugespitzte Einladung, gesellschaftliche Spielregeln nicht mit Naturgesetzen zu verwechseln.

Gertraud Klemm: „Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift“ · Matthes & Seitz Berlin

leadersnet.TV