Ärztin und Autorin im Interview
Sophia Wilk-Vollmann: "Schwäche zu kommunizieren ist in Medizin und Militär nicht vorgesehen"

| Bernhard Führer 
| 27.10.2026

Sophia Wilk-Vollmann absolvierte eine Ausbildung in ästhetischer Medizin, tritt als Fachärztin, Autorin oder Akademiegründerin in Erscheinung und war mit dem Militär bereits in Afghanistan, Mali und Südafrika im Einsatz. Mit LEADERSNET spricht sie über Triage-Entscheidungen am Limit, moralische Verletzungen, das große Schweigen im Gesundheitswesen und die Frage, was Gnade mit Resilienz zu tun hat.

LEADERSNET: Morgens Botox in einer Berliner Privatpraxis, nachmittags auf dem Asphalt eines U-Bahnschachts, nachts im Einsatz in Mali oder Afghanistan: Laut dem WHO-Bericht zur globalen Gesundheitsversorgung haben weltweit über 4,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu essenziellen Gesundheitsleistungen. Wie verändert diese tägliche Kollision zweier Welten den Blick auf die eigene Arbeit – und auf den Begriff "Luxus"?

Sophia Wilk-Vollmann: Der Luxusbegriff verschiebt sich, je nachdem, in welchem gesellschaftlichen Kontext man sich befindet. Je weiter man auf der Bedürfnispyramide aufsteigt, desto stärker verändert sich auch das, was man als Mangel empfindet. Die Penetranz der negativen Reste. Bedingungslose Zufriedenheit zu erreichen – das ist in einer Welt, die permanent Begehren triggert, die über Medien und Werbung immer neue Wünsche schürt, außerordentlich schwierig.

In den Auslandseinsätzen, aber auch in den Gesundheitsprojekten, bei denen wir uns über ONE Campaign engagieren, sieht man immer wieder: Erst, wenn die existenziellen Bedürfnisse gestillt sind, entsteht überhaupt der Raum für die Frage, was das Leben noch lebenswerter machen könnte – was also ein Luxusgut ist.

Und wenn man selbst erlebt hat, was wirtschaftliche Not, körperliche Bedrohung, psychische Bedrohung wirklich bedeuten, kann man nicht mehr umhin, sich zu fragen: Wie viel Konsum brauchen wir wirklich? Wohin entwickeln wir uns als Gesellschaft? Das macht es für Einsatzkräfte so schwer, danach wieder zurückzukehren.

LEADERSNET: In diesem Zusammenhang beschreiben Sie in Ihrem Buch "Kampfzonen" Ihre Fellowship im südafrikanischen Chris Hani Baragwanath Hospital in Johannesburg – eines der größten Krankenhäuser der Welt mit rund 3000 Betten, das ein Einzugsgebiet von über drei Millionen Menschen versorgt. Sie schreiben, dass Sie dort zur Triage gezwungen wurden; also entscheiden mussten, wem geholfen wird und wem nicht. Welches Schicksal verfolgt Sie bis heute?

Sophia Wilk-Vollmann: Durch die extreme Verknappung medizinischer Ressourcen wurden wir dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die in Deutschland undenkbar sind. Hier gilt das Individualversorgungskonzept: Jeder bekommt alles, was die Notfallmedizin zu bieten hat. In Berlin sehen wir große Teams, die mit vollem Einsatz für die bestmögliche Versorgung anrücken. Das funktioniert – weil das Angebot da ist.

In Südafrika war das anders. Es war Winter, viele Menschen beheizten ihre Wohnungen mit offenem Feuer – und wir hatten eine Welle schwerer Verbrennungen. Ab einem bestimmten Prozentsatz verbrannter Körperoberfläche ist die Prognose statistisch gesehen sehr schlecht. Und dann steht man vor der Frage: Investieren wir die knappen Ressourcen hier – oder woanders, wo die Überlebenschance höher ist? Das trifft Kinder. Das trifft Familien. Das trifft alle Bevölkerungsgruppen. Und es hinterlässt Spuren.

LEADERSNET: Als Oberfeldärztin haben Sie ebenso Einsätze in Afghanistan, Mali und im Roten Meer absolviert. Das deutsche Bundeswehr-Engagement in Afghanistan dauerte 20 Jahre, über 93.000 Soldatinnen und Soldaten waren involviert, 59 kamen ums Leben. Was nimmt man aus einem solchen Kontext mit nach Hause – und was lässt sich davon überhaupt erzählen?

Sophia Wilk-Vollmann: Wir haben über zwei Jahrzehnte eine Generation junger Frauen in eine Art gefühlter Sicherheit hineinwachsen lassen. Sie durften Emanzipation erleben. Selbstverwirklichung. Bildung. All das ist nun unter den Taliban gekappt worden, von einem Tag auf den anderen.

Und jetzt, wo Deutschland in Verhandlungen geht – Rückführung von Migranten, diplomatische Kontakte mit einem Taliban-Konsulat – da ist es extrem schwer, das zu moderieren. Für sich selbst. Für die Soldaten. Für eine Parlamentsarmee, die nicht am scharfen Ende ihrer politischen Entscheidungen stehen muss. Man hat körperliche Gesundheit, psychische Gesundheit, moralischen Einsatz gegeben – für den Glauben an etwas Gutes. Und dann sieht man, wie das, wofür man eingestanden hat, wieder rückabgewickelt wird.

LEADERSNET: Dieser Glaube kann auch verloren gehen, wenn man bedenkt, dass mehr als 8300 Menschen bis Ende Juli 2026 erklärt haben, den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern zu wollen – ein Rekordwert. Können Sie deren Entscheidung nachvollziehen, auch wenn Sie selbst einen anderen Weg gewählt haben?

Sophia Wilk-Vollmann: Nachvollziehen? Ja, ich kann das einordnen. Die Verweigerung ist ein Symptom. Wenn Menschen nicht bereit sind, sich zu verpflichten – für die Bundeswehr, für die Feuerwehr, für den Rettungsdienst – dann fehlt das Gefühl, dass dieser Einsatz sinnvoll und wichtig ist. Und dieses Gefühl entsteht nicht von selbst.

Schauen Sie nach Finnland oder Polen – Länder, die die existenzielle Bedrohung durch Krieg geografisch viel näher erleben als wir. Dort ist der Wille zur Selbstverteidigung, zur Resilienz, ein völlig anderer.

Bei uns erleben wir gleichzeitig bei Wahlen eine Verschiebung hin zu politischen Extremen. Das hängt zusammen: Wenn das Wertekonstrukt einer Gesellschaft erodiert, wenn das Gefühl schwindet, für etwas Gemeinsames einzustehen, dann ist die Verweigerung des Wehrdienstes nur eine von vielen Ausdrucksformen davon.

LEADERSNET: Sie sind Gründerin von EPHIA, einer Academy, die Ärztinnen und Ärzte in ästhetischer Medizin diskriminierungssensibel ausbildet – ein Begriff, der in manchen Fachkreisen für Stirnrunzeln sorgt. Was meinen Sie konkret damit, und warum glauben Sie, dass ausgerechnet die ästhetische Medizin dringend mehr gesellschaftliche Reflexion braucht?

Sophia Wilk-Vollmann: Wir alle tragen ein Bild davon in uns, wie Menschen auszusehen haben. Und dieses Bild ist gesellschaftlich geformt – durch Werbung, Medien, Normen. Als Ärztinnen und Ärzte projizieren wir diese Bilder – wenn wir nicht aufpassen – direkt auf unsere Patientinnen und Patienten. Das ist in der ästhetischen Medizin besonders heikel.

Wir wissen seit Jahren: Frauen zeigen bei einem Herzinfarkt andere Symptome als Männer. Schmerz äußert sich je nach kultureller Prägung unterschiedlich. Das Gleiche gilt in der Ästhetik: Ein bestimmtes Schönheitsideal ist kein neutrales Ziel. Es ist ein Rollenbild, das wir als Mediziner reproduzieren – oder eben nicht. Und wir sollten uns fragen: Welchen Teil der Gesellschaft formen wir damit mit?

Es gibt Menschen, die nach einer schweren Depression kommen – und nicht ihr Gesicht wiedererkennen wollen in dem, was sie damals gewesen sind. Soldaten mit PTBS, die einen Teil ihres Lebens buchstäblich nicht mehr sehen wollen. Da geht es nicht darum, einem Ideal nachzujagen, sondern um das tiefste menschliche Bedürfnis: Kontrolle über die eigene Geschichte. Die ästhetische Medizin ist eine Schnittstelle zwischen sozialer und somatischer Medizin – und sie wird noch viel zu wenig so behandelt.

LEADERSNET: Es heißt, dass bis zu 30 Prozent der Rettungskräfte und Einsatzmediziner im Laufe ihrer Karriere an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden – viele davon undiagnostiziert. Sie haben selbst Coaching in Anspruch genommen, um sich Ihren eigenen mentalen Narben zu stellen. Wie groß ist das Schweigen in diesem Berufsfeld und was kostet es, es zu brechen?

Sophia Wilk-Vollmann: Das Militär und die Medizin haben erschreckend viel gemeinsam – und das ist hier kein Kompliment. In beiden Systemen funktioniert man durch körperliche und mentale Härte. Schwäche zu kommunizieren ist dort nicht vorgesehen. Wer über psychische Gesundheit spricht, gilt schnell als schwach. Das ist in einem Krankenhaus genauso wie in der Kaserne – hierarchisch, auf Konkurrenz gedrillt, an Belastungsgrenzen operierend.

Dabei wissen wir zunehmend: Mentale Gesundheit formt den Körper. Mentale Leistungsfähigkeit beeinflusst körperliche Leistungsfähigkeit. Resilienzstrategien sind kein Luxus, sie sind Prävention. Und wer einmal wirklich ausgebrannt war, kommt nicht einfach als derselbe Mensch zurück. Er wäre nicht besser zurückgekommen – er wäre überhaupt erst gar nicht weg gewesen, hätten wir früher hingeschaut.

Wir haben zu wenig Therapieplätze. Wir haben zu wenig Führungskräfte, die das Thema proaktiv ansprechen. Das muss sich ändern – nicht nur, weil es das Richtige ist, sondern weil es schlicht effizienter ist, Menschen zu stärken, bevor sie zusammenbrechen.

LEADERSNET: Wenn Sie eine einzige Erkenntnis aus Ihren bisherigen Erfahrungen mitnehmen dürften, die Sie einem 20-jährigen Menschen mitgeben möchten: Welche wäre es?

Sophia Wilk-Vollmann: Gnade. Gnädig zu sich selbst zu sein. Man steht in jungen Jahren vor immensen Herausforderungen, vor Lebenskonzepten, die vielleicht nicht aufgehen, vor Momenten, in denen man an sich zweifelt. Man sollte den Mut haben, sich selbst zu verzeihen. Die Dinge auch mal wirken zu lassen. Nachzuspüren. Im Buch schreibe ich: Ich bin traurig um jede Träne, die nicht geweint wurde – weil man die eigenen Signale überhört hat. Reflexion ist keine Schwäche. Sie ist der Anfang von allem.

Zum Buch: Kampfzonen

Erwartung, Hoffnung, Ängste - das ist das Spannungsfeld in dem sich die Ärztin Dr. Sophia Wilk-Vollmann bewegt, und zwar als Notfallärztin und Soldatin in internationalen Einsätzen sowie als ästhetische Medizinerin in ihrer Praxis in Berlin. In Mali und Afghanistan hat sie Menschen geholfen, die traumatische Erlebnisse durchlebt haben und nicht mehr in der eigenen Haut stecken möchten.

In der Berliner Praxis betreut sie Patientinnen und Patienten oft über Jahre und nimmt so teil an deren Leben. Sophia Wilk-Vollmann hinterfragt gängige Schönheitsideale und kämpft gegen die Stigmatisierung von jenen, die sich für ästhetische Behandlungen entscheiden. Mit Offenheit, Präzision und Tiefe schildert sie die eindrücklichen Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten, vom stereotypen Alphamännchen bis hin zur genderfluiden Transperson. (Pressetext)

Dr. Sophia Wilk-Vollmann: "Kampfzonen: Eine Militärärztin zwischen Krieg, Körper und Schönheit"; im Juni erschienen beim Westend Verlag

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Zum Buch: Kampfzonen

Erwartung, Hoffnung, Ängste - das ist das Spannungsfeld in dem sich die Ärztin Dr. Sophia Wilk-Vollmann bewegt, und zwar als Notfallärztin und Soldatin in internationalen Einsätzen sowie als ästhetische Medizinerin in ihrer Praxis in Berlin. In Mali und Afghanistan hat sie Menschen geholfen, die traumatische Erlebnisse durchlebt haben und nicht mehr in der eigenen Haut stecken möchten.

In der Berliner Praxis betreut sie Patientinnen und Patienten oft über Jahre und nimmt so teil an deren Leben. Sophia Wilk-Vollmann hinterfragt gängige Schönheitsideale und kämpft gegen die Stigmatisierung von jenen, die sich für ästhetische Behandlungen entscheiden. Mit Offenheit, Präzision und Tiefe schildert sie die eindrücklichen Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten, vom stereotypen Alphamännchen bis hin zur genderfluiden Transperson. (Pressetext)

Dr. Sophia Wilk-Vollmann: "Kampfzonen: Eine Militärärztin zwischen Krieg, Körper und Schönheit"; im Juni erschienen beim Westend Verlag

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