LEADERSNET: Der VDA warnt, bis 2035 könnten rund 225.000 Arbeitsplätze in der Autoindustrie gefährdet sein. Wenn Sie diese Zahl der Politik gegenüberstellen: Wo genau versagt aus Ihrer Sicht die industriepolitische Flankierung des Wandels am deutlichsten – bei der Ladeinfrastruktur, den Energiekosten oder der regulatorischen Planungssicherheit?
Hildegard Müller: Wenn wir über die Zukunft der Arbeitsplätze sprechen, müssen wir insbesondere über den Standort sprechen. Es ist nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammenspiel mehrerer Standortbedingungen: hohe Energiepreise, eine im internationalen Vergleich außergewöhnlich hohe Steuer- und Abgabenlast, überbordende Bürokratie, langwierige Genehmigungsverfahren - aber auch fehlende Fortschritte bei Ladeinfrastruktur und Netzausbau, die Europa im internationalen Vergleich zunehmend zurückfallen lassen.
Die Unternehmen der deutschen Autoindustrie investieren erhebliche Summen in die Transformation zur klimaneutralen und digitalen Mobilität. Allein von 2026 bis 2030 fließen weltweit rund 320 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung sowie weitere 220 Milliarden Euro in den Auf- und Umbau von Werken. Am fehlenden Innovations- und Investitionswillen liegt es also nicht. Was fehlt, sind international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Und die entscheiden darüber, wo Investitionen getätigt werden - und somit Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze entstehen. Umso mehr gilt für Berlin und Brüssel: Alles, was Wachstum schafft, muss jetzt Priorität haben. Denn Wettbewerbsfähigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass wir Klimaschutz, Wertschöpfung und Beschäftigung dauerhaft miteinander verbinden können.
LEADERSNET: Sie haben den ursprünglichen Kommissionsvorschlag zur Aufweichung des Verbrenner-Aus als "nicht mehr als ein Lippenbekenntnis" kritisiert und gewarnt, das Gesamtpaket sei "fatal" für den Standort Europa. Gleichzeitig loben Sie die deutsche Einigung, die Plug-in-Hybride und hocheffiziente Verbrenner auch nach 2035 zulassen will. Wie passt beides zusammen – und was müsste jetzt konkret in Brüssel passieren, damit aus dem Ball, der laut Ihnen dort liegt, tatsächlich ein Tor wird?
Hildegard Müller: Es geht mir nicht darum, Klimaziele infrage zu stellen, sondern darum, Wege zu finden, um die Ziele tatsächlich zu erreichen. Technologieoffenheit bedeutet nicht weniger Klimaschutz, sondern mehr Chancen, Klimapolitik und Wirtschaftlichkeit zu verbinden - und übrigens auch neue Abhängigkeiten zu verhindern. Denn eine Eine-Technologie-Politik schafft neue Abhängigkeiten.
Klar ist, die Elektromobilität wird im Pkw-Bereich weit überwiegend der Schwerpunkt bleiben – daran besteht für uns kein Zweifel. Gleichzeitig halten wir es für einen Fehler, andere klimafreundliche Technologien auszuschließen. Plug-in-Hybride, Range Extender und Verbrenner zunehmend mit erneuerbaren Kraftstoffen können auch nach 2035 einen wichtigen Beitrag leisten. Ein technologieoffener Ansatz stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie und könnte nach unseren Berechnungen rund 50.000 Arbeitsplätze in Deutschland sichern. Europa sollte den Unternehmen zutrauen, Innovationen hervorzubringen, statt einzelne Technologien politisch festzulegen.
LEADERSNET: China und Indien – zusammen fast drei Milliarden Menschen – planen laut Ihrer Einschätzung kein baldiges Verbrenner-Aus, deutsche Hersteller müssen dort aber weiterhin verkaufen können. Untergräbt eine einsame europäische Vorreiterrolle beim Verbrenner-Verbot am Ende die eigene Wettbewerbsfähigkeit, statt sie zu stärken?
Hildegard Müller: Europa sollte beim Klimaschutz ambitioniert bleiben - keine Frage. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass die Welt sehr unterschiedlich unterwegs ist. Deutsche Hersteller entwickeln Fahrzeuge für globale Märkte mit unterschiedlichen regulatorischen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. Deshalb braucht es auch unterschiedliche technologische Lösungen. Weder Indien noch China – und übrigens auch nicht die USA oder Kanada – verfolgen einen vergleichbaren Ausstiegspfad wie Europa. Wenn unser Kontinent als nahezu einzige Weltregion einen ausschließlich technologiegebundenen Weg vorgibt, während andere Regionen technologieoffener agieren, hat das Auswirkungen auf Investitionen, Wertschöpfung und Beschäftigung. Unser Ziel muss deshalb sein, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit miteinander zu verbinden. Denn nur eine wirtschaftlich starke Industrie kann die enormen Investitionen stemmen, die für die Transformation notwendig sind.
LEADERSNET: Um bei der Transformation zu bleiben: Rund 40 Prozent der in Deutschland produzierten Fahrzeuge sind mittlerweile E-Autos, sieben von zehn hierzulande verkauften Stromern stammen von deutschen Herstellern. Trotzdem sagen Sie, zwei Drittel aller deutschen Gemeinden hätten noch keinen einzigen Schnellladepunkt. Ist die deutsche Autoindustrie damit schneller als das Land, in dem sie ihre Autos verkaufen will?
Hildegard Müller: Die Zahlen zeigen sehr deutlich, dass die Unternehmen ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das Angebot an Elektrofahrzeugen wächst kontinuierlich, die Investitionen sind enorm und Deutschland ist weltweit der zweitgrößte Produktionsstandorte für Elektromobilität. Damit der Markthochlauf gelingt, muss aber das Gesamtsystem funktionieren. Für viele Menschen ist die Frage entscheidend, ob sie zuverlässig laden können und ob der Ladestrom bezahlbar ist. Wenn in zwei Dritteln der Gemeinden noch kein Schnellladepunkt vorhanden ist, zeigt das, wie problematisch die Situation zuweilen noch immer ist. Deshalb brauchen wir jetzt einen deutlich schnelleren Ausbau der Ladeinfrastruktur und wettbewerbsfähige Strompreise. Klimaneutrale Mobilität entsteht im Zusammenspiel von Industrie, Energie- und Verkehrspolitik - und ist nur dann erfolgreich, wenn alle ihren Beitrag leisten.
Das gilt übrigens auch für die Nutzfahrzeuge - ein Bereich, über den leider zu wenig gesprochen wird. Wir werden dieses Jahr wieder bei der IAA TRANSPORTATION in Hannover erneut zeigen, dass unsere Industrie ihre Hausaufgaben gemacht hat - ob E-Lkws oder Wasserstoff-Lkws, wir haben Lösungen entwickelt. Doch die Infrastruktur ist bisher so gut wie gar nicht vorhanden. Da wurden politisch hohe Ziele gesetzt und die notwendigen Rahmenbedingungen wurden nicht vorangetrieben. Hier braucht es jetzt schnelle und entschlossene Maßnahmen, die genügend Ladepunkte für den Schwerlastverkehr sowie Wasserstofftankstellen und den notwendigen Ausbau der Stromnetze sicherstellen.
LEADERSNET: Ein schmerzhafter Standortfaktor sind bei all dem die Energiepreise: Der Strompreis ist in Deutschland teils bis zu dreimal so hoch wie in den USA oder China. Angesichts dieser massiven Schieflage fordert der VDA vehement Entlastungen bei der Stromsteuer. Befürchten Sie nicht, dass wir ohne radikale strukturelle Reformen im globalen Subventionswettlauf – Stichwort Inflation Reduction Act in den USA – ohnehin nur noch hinterherlaufen können?
Hildegard Müller: Hohe Energiepreise gehören inzwischen zu den größten Wettbewerbsnachteilen unseres Standorts. Deshalb unterstützen wir ausdrücklich Maßnahmen wie die Senkung der Stromsteuer. Aber das allein wird nicht ausreichen. Es braucht den großen Wurf und ein Mindset, das strategischer ausgerichtet ist. Internationale Energiepartnerschaften - das ist beispielsweise ein Feld, wo Europa viel zu wenig aktiv ist - unsere Wettbewerber aber umso mehr.
Insgesamt braucht es einen Mentalitätswandel: Eine Industriepolitik, die Investitionen und Innovationen ermöglicht, statt sie zu erschweren. Europa sollte seine Stärke nicht über immer neue Regulierung definieren, sondern über Innovation, Forschung und industrielle Leistungsfähigkeit. Genau darin lagen immer unsere größten Stärken - und daran müssen wir wieder anknüpfen. Das Potenzial ist da - es muss nur entfesselt werden.
LEADERSNET: Die Digitalisierung verändert nicht nur das Auto, sondern auch seine Entstehung. Künstliche Intelligenz revolutioniert Logistik, Produktion und autonomes Fahren. Gleichzeitig bangen viele mittelständische Zulieferer um ihre Geschäftsmodelle. Wird die KI in der Automobilindustrie am Ende mehr Arbeitsplätze vernichten, oder sehen Sie darin das entscheidende Werkzeug, um den demografischen Fachkräftemangel aufzufangen?
Hildegard Müller: Ich sehe in Künstlicher Intelligenz vor allem eine große Chance. KI wird viele Prozesse effizienter machen – in der Entwicklung, in der Produktion, in der Logistik und beim automatisierten Fahren, sie kann so viel zum Kundennutzen beitragen. Sie hilft Unternehmen, Produktivität zu steigern und den zunehmenden Fachkräftemangel besser zu bewältigen. Natürlich verändern sich Berufsbilder. Deshalb werden Qualifizierung und Weiterbildung immer wichtiger. Aber technologische Innovation hat unsere Industrie über Jahrzehnte geprägt und immer wieder neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen. Entscheidend ist, dass Europa innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schafft. Und dass wir die KI nicht so regulieren, dass wir die Chance verpassen, bei der Anwendung im Industriesektor weltweit voran zu gehen.
LEADERSNET: Wenn wir über die Automobilindustrie sprechen, stehen oft die großen DAX-Konzerne im Rampenlicht. Doch das Herz des VDA schlägt im industriellen Mittelstand. In einem Umfeld, das von geopolitischen Verwerfungen und protektionistischen Zöllen geprägt ist: Wie kann der Verband sicherstellen, dass die oft familiengeführten Zulieferer der zweiten und dritten Reihe unter der enormen Last von Berichtspflichten und Bürokratie nicht stillschweigend kapitulieren?
Hildegard Müller: Es ist die Verbindung von großen und kleinen Unternehmen, die die deutsche Autoindustrie so erfolgreich macht. Sie sprechen aber einen ganz entscheidenden Punkt an! Der industrielle Mittelstand ist das Rückgrat der Automobilindustrie, der deutschen Wirtschaft. Es sind gerade die familiengeführten Zulieferunternehmen, die technologische Spitzenleistungen mit langfristigem unternehmerischem Denken verbinden. Gleichzeitig sind insbesondere unsere Zulieferer von überbordender Bürokratie betroffen. Sie haben oft nicht dieselben administrativen Ressourcen wie große Konzerne, um die ohnehin viel zu hohen bürokratischen Auflagen zu bewältigen. Deshalb setzen wir uns mit Nachdruck für einen echten Bürokratieabbau ein. Das meint nicht nur das Verschieben von Fristen, sondern weniger Berichtspflichten und einfachere Verfahren. Wer den industriellen Mittelstand stärken will, muss ihm wieder mehr Zeit für Innovation und weniger Zeit für Formulare geben. Außerdem wird den Unternehmen der Zugang zur so wichtigen Transformationsfinanzierung immer weiter erschwert - das ist eine dramatische Entwicklung, die korrigiert werden muss.
LEADERSNET: Ihr Vertrag als VDA-Präsidentin wurde vorzeitig bis 2029 verlängert – ein klares Signal für Kontinuität in stürmischen Zeiten. Wenn Sie auf die kommenden Jahre bis zum Ende Ihres Mandats blicken: Welchen Meilenstein müssen die deutsche Automobilindustrie und Sie persönlich erreicht haben, damit Sie rückblickend sagen können: "Es war die richtige Entscheidung, in der schwersten Phase der Industrie am Steuer zu sitzen“?
Hildegard Müller: Ich wünsche mir, dass wir in einigen Jahren sagen können: Wir haben die notwendige Kurskorrektur rechtzeitig eingeleitet und die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die deutsche Schlüsselindustrie auch bei den kommenden Generationen zu Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung beiträgt. Dass Deutschland und Europa wieder wettbewerbsfähige Industriestandorte geworden sind, an denen Unternehmen investieren, wachsen und gute Arbeitsplätze schaffen. Denn genau darum geht es: Um Wohlstand, Beschäftigung und Generationengerechtigkeit. Wenn wir heute die richtigen Reformen anstoßen, sichern wir die industrielle Stärke unseres Landes auch für die kommenden Generationen.
Und erlauben Sie mir abschließend noch eines zu sagen: Ich bin Optimistin. Die deutsche Automobilindustrie verfügt über außergewöhnliche Innovationskraft, hochqualifizierte Beschäftigte, international erfolgreiche Großunternehmen und einen starken Mittelstand. Wenn Unternehmen und Politik jetzt gemeinsam die richtigen Weichen stellen, bin ich überzeugt, dass wir auch diese Transformation erfolgreich gestalten werden. Die Voraussetzungen dafür haben wir. Jetzt kommt es darauf an, sie entschlossen zu nutzen.
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