Der Eurovision Song Contest ist nicht allein europäischen Ländern vorbehalten, wie Kanada als nächstes demonstriert: Kommenden Mai wird die nordamerikanische Nation zum ersten Mal am traditionsreichen Wettbewerb teilnehmen, sodass derzeit ein passender Kandidat gesucht wird. Obwohl einer der größten musikalischen Senkrechtstarter des Jahres aus Kanada kommt, stehen ausgerechnet dessen Chancen denkbar schlecht.
Oft ist es erfrischend, die Perspektive eines Außenstehenden zu hören: "Beim Eurovision Song Contest gibt es einiges zu klären – einem Spektakel, das mit dem bürokratischen Eifer organisiert wird, den man von einem europäischen Bündnis öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten erwarten würde", beobachtet The Globe and Mail aus Kanada so zum Beispiel.
Dass man sich in der nordamerikanischen Nation dieser Tage mit dem berühmten Musikwettbewerb befasst, kommt nicht von ungefähr: Wenn das Finale 2027 im bulgarischen Burgas ausgetragen wird, steht erstmals auch ein kanadischer Act auf der Bühne.
Entgegen der weitverbreiteten (und angesichts des Namens nachvollziehbaren) Annahme, dass der Eurovision Song Contest eine Veranstaltung für europäische Länder sei, ist er tatsächlich ein Event für die Mitglieder der European Broadcasting Union (EBU) – und ein solches wiederum ist Kanada, genauer gesagt CBC und Radio Canada, seit einigen Monaten.
Kanada will sich bilingual präsentieren
Entsprechend müssen die Verantwortlichen nun einen oder mehrere Künstler finden, die im kommenden Mai unter dem Ahornblatt in Bulgarien antreten. Prägende Person hinter den Kulissen ist dabei Jennifer Dettman, die eigentlich CBC-Geschäftsführerin für Non-Fiction ist, inzwischen aber ebenso als Head of Delegation, Eurovision Song Contest Canada firmiert.
"Wir wussten von Anfang an, dass wir unter einem engen Zeitplan arbeiten und etwas aufbauen, das in unserem Musikökosystem völlig neu war. Deshalb haben wir viele Gespräche geführt", erklärt sie gegenüber The Globe and Mail.
Unter anderem mit Rundfunkanstalten in Australien, der Schweiz, Finnland und Großbritannien als auch mit jenen in Frankreich und Belgien habe man sich über die komplexe Kunst, den richtigen Song zu wählen, ausgetauscht.
Während die Idee eines Reality-Show-inspirierten Ansatzes bei den Verantwortlichen durchaus auf Gegenliebe stößt, reicht die Zeit zur Umsetzung angesichts der knappen Deadlines und langen Vorläufe für die Premiere demnach schlicht nicht aus.
Stattdessen haben interessierte kanadische Künstler noch bis kommenden Mittwoch die Gelegenheit, eine Live-Performance und eine Bewerbung, jeweils in Videoform, bei einem eigens dafür hochgezogenen Portal einzureichen.
"Wir suchen einen charismatischen kanadischen Künstler, der mit echter Leidenschaft Kanada vertreten möchte und nachweislich in der Lage ist, ein sehr großes Live-Publikum zu begeistern – sei es durch außergewöhnliche Stimmkraft, mitreißende Bühnenpräsenz oder wahrhaft originelle Kunstfertigkeit", fasst es Doug Smith, Executive Vice President von CBC, zusammen.
Der letztlich beim ESC präsentierte Song soll im Übrigen sowohl englische als auch französische Textpassagen enthalten – wer nicht ohnehin bilingual ist, wird also ein paar Vokabeln pauken oder aber einen passenden Duettpartner finden müssen.
Selbst, wenn sie wollten: Angine de Poitrine sind nicht anspruchsgerecht
Die Medienweisen von CBC und Radio Canada wollen aus dem Pool der Einreichungen eine Vorauswahl treffen, wobei Acts mit bereits existierender Anhängerschaft in Europa eine bessere Chance haben, auf der Shortlist zu landen.
Nach der Bekanntgabe noch in diesem Herbst steht schließlich eine digitale Abstimmung an, bei der das Votum des Publikums mit der Stimme einer Fachjury verrechnet wird und schlussendlich Kanadas Star für Burgas hervorbringt.
"Wir dachten, dass dies der beste Plan für das erste Jahr ist", sagt Jennifer Dettman. "Und dann arbeiten wir mit der Musikszene daran, zu sehen, wie wir das zweite Jahr aufbauen könnten, das vielleicht einen traditionelleren Ansatz bei der Auswahl des Liedes verfolgt."
In Online-Kreisen wurde und wird eine Band immer wieder als vermeintlich naheliegende Option für Kanadas Repräsentation beim Eurovision Song Contest gehandelt: Angine de Poitrine, ein Duo aus Quebec, dessen weltweite Popularität nach einer KEXP-Livesession zu Jahresbeginn binnen kürzester Zeit durch die Decke gegangen ist.
Die beiden vollkostümierten Musiker begeistern durch ein raffiniertes Zusammenspiel aus Live-Musik, Loops, mikrotonalen Gitarren und ungewöhnlichen Intervallen, die sich durch ihre rein instrumentalen Songs ziehen.
Genau darin liegt im Wesentlichen erklärt, warum Angine de Poitrine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht für Kanada nach Bulgarien reisen werden: Das Duo verzichtet komplett auf den beim ESC so zentralen Gesang und stellt stattdessen die Machart der Lieder in den Mittelpunkt; das damit verbundene Handwerk inklusive.
Im Interesse der raschen Act-Abfolge und entsprechend kurzer Umbauzeiten verlangen die Produktionsbedingungen des Events allerdings auch in Burgas, dass die Musik selbst vom Band kommt – ein Umstand, der Angine de Poitrine viel von ihrem rauen Zauber nehmen würde. So dürfte man bei CBC und Radio Canada mit Spannung erwarten, wer seinen Hut bis Mittwoch noch in den Ring wirft…
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