LEADERSNET: Frau Reichert, Herr Reichert – die Gäste erleben Bedienungen, Musik und volle Bierkrüge, wenn am 19. September 2026 die erste Maß über den Tresen geht. Hinter den Kulissen braucht es jedoch ein eingespieltes Team, damit alles reibungslos läuft. Wie viele Menschen arbeiten während der Wiesn für die Bräurosl?
Peter Reichert: Insgesamt sind wir rund 500 Leute. Etwa 250 davon stehen im Service direkt am Gast, 80 bis 100 kümmern sich um die Sicherheit, und der Rest arbeitet hinter den Kulissen – in Küche, Schänke, Verwaltung und Reinigung. 95 Prozent unserer Mitarbeitenden kommen jedes Jahr wieder. Wir haben einen sehr geringen Wechsel.
LEADERSNET: 95 Prozent Rückkehrquote sind in der Gastronomie alles andere als selbstverständlich. Was macht die Bräurosl als Arbeitgeber so besonders?
Franziska Reichert: Am Einschreibetag, dem Donnerstag vor der Wiesn, kommen alle ins Zelt, und ab diesem Moment sind wir wieder eine Gemeinschaft. Viele sehen sich unter dem Jahr kaum, aber sobald es losgeht, ist es wie Familie. Für die wenigen freien Stellen – dieses Jahr fünf Vierer-Teams, also 20 Personen – bekommen wir mehrere hundert Bewerbungen. Es ist wahrscheinlich dieses einmalige Gemeinschaftsgefühl, der Wiesn-Virus und nicht zuletzt auch unsere guten Strukturen und Abläufe, die ein angenehmes und erfolgreiches Arbeiten für jeden Mitarbeiter garantieren.
LEADERSNET: Mehrere hundert Bewerbungen auf 20 Stellen – was müssen Bewerber mitbringen?
Peter Reichert: Belastbarkeit setzen wir voraus, ebenso Erfahrung auf anderen Volksfesten oder in anderen Zelten. Vom ersten Tag an ist bei uns volle Leistung gefragt.
Franziska Reichert: Und: Man muss Menschen mögen – sonst geht es nicht.
LEADERSNET: So viele Mitarbeitende zu koordinieren, funktioniert heute vermutlich ganz anders als noch vor einigen Jahren. Welche Rolle spielt die Digitalisierung inzwischen?
Franziska Reichert: Wir zählen uns zu den modernsten Festzelten auf der Wiesn. Personalverwaltung, Reservierung, Kassensystem und Bonierung laufen bei uns komplett digital und papierlos. Auch die Küche bekommt ihre Bestellungen nur noch über Bildschirme. Das zahlt sich aus: Die Abläufe werden ruhiger und schneller, es gibt weniger Störungen und am Ende profitieren Gäste wie Mitarbeiter davon.
LEADERSNET: Die Technik arbeitet also im Hintergrund. Wie viel Tradition muss für die Gäste trotzdem erhalten bleiben?
Peter Reichert: Die Tradition bleibt von der Technik unberührt. Der Gast soll sein Bier kalt und schnell serviert bekommen, seine Speisen heiß, zügig und in hervorragender Qualität. Die technischen Voraussetzungen dafür schaffen wir hinter den Kulissen.
Franziska Reichert: Die Tradition steht dabei immer über allem. Sie ist die Basis für unsere Wiesn. Ohne Tradition kein Oktoberfest. Blasmusik, Wiesnhendl, Bierkultur, Tracht, Schützenzug, Fahrgeschäfte, Schießbuden – das alles ist und wird immer erhalten bleiben. Alles andere darf sich weiterentwickeln, aber das ist die Grundlage.
LEADERSNET: Die Erwartungen der Gäste haben sich verändert. Wie hat sich Ihr Speisenangebot in den vergangenen Jahren entwickelt?
Peter Reichert: Das Wiesnhendl ist nach wie vor und unangefochten das gefragteste Gericht. Auch hier zeigt sich, dass die Gäste am Altbewährten auch auf der Speisekarte festhalten. Über die Jahre hat sich allerdings ein sehr umfangreiches Speisenangebot auf der Wiesn entwickelt. Bemerkenswert wie abwechslungsreich und in welch‘ ausgezeichneter Qualität man auf dem Oktoberfest essen kann. Das ist unter anderem auch wieder der Technik geschuldet, die heute ganz andere Möglichkeiten bietet als früher. Auch vegetarische und vegane Gerichte sind längst auf der Wiesn angekommen. Wir bieten mittlerweile mehrere Varianten und überlegen uns jedes Jahr etwas Neues, zuletzt zum Beispiel Gemüseschnitzel aus Sellerie mit veganer Remoulade. Uns liegt es am Herzen, dass auch Veganer eine richtige Grundlage bekommen und nicht nur einen Salat bestellen.
LEADERSNET: Warum wird ausgerechnet der Bierpreis jedes Jahr so intensiv diskutiert?
Franziska Reichert: Der Bierpreis ist auf der Wiesn jedes Jahr ein Thema. In einem Jahresbetrieb wie unserem Wirtshaus, dem Donisl in der Münchner Innenstadt, lassen sich Preissteigerungen schrittweise über das Jahr weitergeben. Auf der Wiesn gibt es dagegen nur diesen einen Stichtag, an dem der neue Preis öffentlich wird – und das sorgt dann jedes Jahr für Diskussionen.
Peter Reichert: Zudem muss man bedenken, dass in einer Maß Wiesnbier weit mehr drinsteckt als ein Liter Bier. Nämlich Aufbau, Sicherheit, Mitarbeiter, Einlagerung des Festzeltes, Musik, Technik usw. Das alles wird in diesem Maßkrug kompensiert. Und wenn man das bedenkt, relativiert sich der Bierpreis erheblich.
LEADERSNET: Spüren Sie die wirtschaftliche Unsicherheit derzeit überhaupt?
Franziska Reichert: Insgesamt ist die Nachfrage ungebrochen, tendenziell sogar steigend. Manche Firmen, die bisher 80 Plätze hatten, buchen dieses Jahr nur 60. Andere, die 60 Plätze hatten, wollen plötzlich 120. Wir glauben, viele Menschen suchen gerade jetzt eine Auszeit vom Alltag, von Krisen und Nachrichten – und genau die bekommen sie bei uns.
LEADERSNET: Ist das vielleicht die eigentliche Stärke der Wiesn – dass sie für viele Menschen ein Stück Normalität und Auszeit bedeutet?
Peter Reichert: Ja, das glauben wir schon. Die Menschen kommen hier zusammen, feiern miteinander und lassen den Alltag für ein paar Stunden hinter sich. Genau das macht das Oktoberfest seit jeher aus.
LEADERSNET: Damit diese Auszeit für die Gäste gelingt, muss hinter den Kulissen jeder wissen, was zu tun ist. Wie haben Sie die Aufgaben zwischen sich aufgeteilt?
Franziska Reichert: Alles, was mit Gästen, Reservierungen, Kommunikation und Außenwirkung zu tun hat, läuft über mich. Peter kümmert sich um Küche, Aufbau und die gastronomischen und organisatorischen Abläufe. Dazu kommt unsere feste Zeltleitung Paulina Piesch, die uns das ganze Jahr begleitet. Viele Themen werden gemeinsam als Team besprochen und entschieden.
LEADERSNET: Und wie führt man ein Team von 500 Menschen, wenn in 16 Tagen praktisch jeder Handgriff sitzen muss?
Peter Reichert: Mit klaren Kommunikationswegen, Strukturen und Systemvorgaben. Wir haben zwar eine flache Hierarchie, aber jeder Bereich hat seine Verantwortlichen. Wir besprechen täglich mit allen Abteilungsleitern, was gut läuft und was wir optimieren können. So sind wir und unsere Mitarbeiter immer auf dem neuesten Stand und lösen Probleme, bevor sie entstehen.
LEADERSNET: Bei so vielen Beteiligten stellt sich die Frage: Woran erkennen Sie am Ende, dass die Wiesn erfolgreich war?
Franziska Reichert: Eine Wiesn war erfolgreich, wenn am Ende vor allem unsere Gäste, aber auch alle Beteiligten wie Mitarbeiter, Lieferanten, wir als Betreiber, natürlich auch unsere Brauerei und die Stadt München zufrieden sind.
LEADERSNET: Der Rosa Sonntag gilt seit Jahrzehnten als fester Wiesn-Treffpunkt der queeren Community. Warum erweitern Sie das Angebot jetzt sogar um einen weiteren Tag?
Franziska Reichert: Den Rosa Sonntag gibt es seit über 40 Jahren in der Bräurosl. Er ist längst eine Institution. Die Nachfrage war zuletzt so groß, dass viele Gäste aus dem Ausland angereist sind und trotzdem keinen Platz mehr bekommen haben. Deshalb erweitern wir das Angebot jetzt auf den Montagmittag. Wir stehen für Toleranz und Vielfalt. Bei uns ist jeder willkommen, der friedlich feiern möchte.
LEADERSNET: Nach all den organisatorischen Themen: Welcher Moment der Wiesn bedeutet Ihnen persönlich am meisten?
Franziska Reichert: Für uns beide ist es der Einzug der Wiesnwirte am ersten Tag. Die Aufregung, die Vorfreude, dieses Kribbeln in der Stadt ist einfach einmalig. Und dann der Moment im Festzelt, wenn alles läuft: Die Küche dampft, die Gäste lächeln und man kurz innehält und merkt: Es funktioniert. Für mich ist auch das Finale jedes Jahr ein sehr emotionaler Moment.
Peter Reichert: Wenn das ganze Zelt im Lichtermeer der Sternwerfer (Wunderkerzen, d. Red.) steht und ich mit meiner Trompete auf der Bühne das Il Silenzio anstimme und die Kellnerinnen und Kellner auf die Bühne kommen, liegen wir uns alle in den Armen. Dann fließen Tränen – aus Erleichterung, dass wir es geschafft haben, und aus Wehmut, weil die Wiesn schon wieder vorbei ist.
LEADERSNET: Kaum ist der letzte Gast gegangen, beginnt für Sie schon die nächste Etappe. Was passiert nach dem letzten Wiesntag?
Peter Reichert: Der Abbau beginnt sofort, direkt nachdem der letzte Gast das Zelt verlassen hat, und dauert rund zwei Monate. Wir sind bis in den Spätherbst mit den Nachbereitungen der Wiesn beschäftigt und beginnen nahtlos mit den Planungen für das nächste Wiesnjahr.
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