Bitkom-Studie
Geheimdienste spähen immer mehr deutsche Unternehmen aus

Ausländische Nachrichtendienste nehmen deutsche Firmen verstärkt ins Visier. Laut einer neuen Bitkom-Studie konnten 37 Prozent der betroffenen Unternehmen mindestens einen Angriff einem fremden Geheimdienst zuordnen. 2023 waren es erst sieben Prozent. Besonders häufig führen die Spuren nach China und Russland. Gleichzeitig wächst das Dunkelfeld.

Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage gehören für deutsche Unternehmen inzwischen fast zum Alltag. 96 Prozent der vom Digitalverband Bitkom befragten Firmen waren in den vergangenen zwölf Monaten nach eigenen Angaben sicher oder vermutlich von entsprechenden Angriffen betroffen.

Besonders auffällig ist, wer dahintersteckt. 37 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. Vor einem Jahr waren es 28 Prozent, 2023 lediglich sieben Prozent. Der Anteil hat sich damit innerhalb von drei Jahren mehr als verfünffacht.

Nur die organisierte Kriminalität spielt als Tätergruppe noch eine größere Rolle. Sie wurde von 62 Prozent der betroffenen Unternehmen genannt.

Die meisten Spuren führen nach China und Russland

China steht bei der Herkunft der Angriffe an erster Stelle. 52 Prozent der sicher betroffenen Unternehmen konnten mindestens eine Attacke dorthin zurückverfolgen. Russland folgt mit 49 Prozent. 2025 lagen beide Länder noch bei jeweils 46 Prozent.

Mit deutlichem Abstand folgen osteuropäische Staaten außerhalb der EU mit 34 Prozent, die USA mit 27 Prozent und andere EU-Staaten mit 26 Prozent.

Neu auf dem Radar ist vor allem der Iran. Neun Prozent der Unternehmen identifizierten Angriffe mit einer Spur dorthin. Im Vorjahr waren es vier Prozent. Bitkom spricht deshalb von einem neuen relevanten Akteur bei Angriffen auf die deutsche Wirtschaft.

Das Dunkelfeld wird größer

Gleichzeitig wird es für Unternehmen offenbar schwieriger festzustellen, ob sie überhaupt angegriffen wurden. Nur noch 67 Prozent konnten einen Angriff sicher nachweisen. Ein Jahr zuvor waren es 87 Prozent.

Dagegen stieg der Anteil der Firmen, die einen Angriff vermuten, ihn aber nicht eindeutig belegen können, von zehn auf 29 Prozent. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst führt das unter anderem darauf zurück, dass Nachrichtendienste professioneller und verdeckter vorgehen. Auch Künstliche Intelligenz verschiebe die Angriffsmuster.

Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen sieht die Ergebnisse als Bestätigung der hohen Bedrohungslage. Der Wirtschaftsstandort Deutschland stehe im Fokus staatlicher und nichtstaatlicher Cyberoperationen. Ausländische Nachrichtendienste hätten ihre hybriden Aktivitäten intensiviert. Besonders attraktiv sei die deutsche Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.

Bis zu 270 Milliarden Euro Schaden

Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Bitkom beziffert den Schaden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage für die vergangenen zwölf Monate auf 211 bis 270,8 Milliarden Euro. Erstmals weist der Verband wegen des gewachsenen Dunkelfelds eine Bandbreite aus.

Darin stecken unter anderem Kosten für Produktions- und Betriebsausfälle, Ermittlungen, Ersatzmaßnahmen, Erpressungen und Rechtsstreitigkeiten sowie Umsatzeinbußen durch gestohlenes Know-how oder Plagiate. 76 Prozent der Schäden gehen inzwischen auf Cyberattacken zurück. Das entspricht 160,4 bis 205,8 Milliarden Euro.

Viele Firmen erkennen Angriffe zu spät

Dabei liegt das Problem nicht ausschließlich bei immer raffinierteren Angreifern. 58 Prozent der Unternehmen erlitten im vergangenen Jahr einen konkreten Schaden durch Cyberattacken. Von diesen nennen 59 Prozent die unzureichende Erkennung von Sicherheitsvorfällen als Grund dafür, dass der Angriff Schaden anrichten konnte.

Fehlkonfigurationen von IT-Systemen folgen mit 57 Prozent, Defizite beim Identitäts- und Zugriffsmanagement mit 55 Prozent. Technische Schwachstellen nennen 50 Prozent.

Für Unternehmen wird Cybersicherheit damit zunehmend zu einer strategischen Frage. Denn während 63 Prozent bereits eine Zunahme der Cyberangriffe beobachten, erwarten 69 Prozent für die kommenden zwölf Monate eine weitere Verschärfung. Kein einziges der befragten Unternehmen rechnet mit einem Rückgang.

Für die repräsentative Studie befragte Bitkom Research 1.003 Unternehmen in Deutschland mit mindestens zehn Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mindestens einer Million Euro. Die Erhebung fand zwischen April und Juni 2026 statt.

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV