Tourismus nach Algorithmus
Warum ganz Italien im Sommer über einen Riesenkrapfen und eine Berghütte sprach

| Natalie Oberhollenzer 
| 26.08.2026

Hunderte Menschen stehen auf 2.300 Metern für einen Krapfen Schlange, Videos davon erreichen Millionen. Der Hype um eine simple Süßspeise auf einer Dolomiten-Hütte zeigt einmal mehr, wie TikTok und Instagram Besucherströme befeuern und Social Media zum Beschleuniger des Overtourism wird. Am Ende wurde die Krapfen-Causa nicht nur in Italien, sondern in zahlreichen europäischen Medien besprochen.

Die Aussicht wäre eigentlich Grund genug. Vor der Friedrich-August-Hütte im Fassatal ragen Langkofel und Plattkofel in den Himmel. Doch in den Sommermorgen 2026 interessiert sich der Hauptteil der Besucher zunächst für etwas anderes: einen mit Vanillecreme gefüllten Krapfen.

Dafür bilden sich vor der Hütte auf rund 2.300 Metern lange Schlangen. Italienische Medien berichteten von Hunderten Menschen, die teilweise früh am Morgen aufbrechen, um einen der begehrten "bomboloni" zu ergattern.

Gegen 7:30 Uhr beginnt der Verkauf, wenige Stunden später ist bereits alles weg. Dabei sind die Krapfen alles andere als eine neue Erfindung.

Der bombolone, die Megaattraktion

Seit Jahrzehnten wird das Gebäck auf der Friedrich-August-Hütte angeboten. Neu ist nur die Reichweite. Videos und Fotos des Krapfens vor der Dolomitenkulisse verbreiteten sich über Instagram und TikTok. Rai Trentino berichtete von zig Millionen Aufrufen.

So wurde aus einer Hüttenspezialität ein Reiseziel.

Bald interessierten sich nicht mehr nur TikTok und Instagram für den Krapfen. Corriere del Trentino, Rai, La Repubblica – sämtliche italienischen Medien mit Rang und Namen griffen das Phänomen auf. Selbst die Memes über die Warteschlangen wurden zum Thema. Wenig später berichteten internationale Medien wie der britische Guardian und Euronews. Der Riesenkrapfen war endgültig zum Sommergespräch geworden.

Wenn der Algorithmus das Reiseziel auswählt

Hinter der kuriosen Geschichte steckt ein ernstes Problem. Social Media verändert die Mechanik des Tourismus. Früher machten Reiseführer, Reiseveranstalter oder Zeitungen ein Reiseziel über Jahre bekannt. TikTok und Instagram können denselben Prozess auf wenige Tage verkürzen.

Der Algorithmus zeigt Millionen Nutzern dieselben Bilder. Einige fahren hin und produzieren dort wiederum neue Bilder. Diese werden erneut ausgespielt. So entsteht eine Rückkopplung: Ein Ort wird populär, weil er populär ist.

Der Corriere del Trentino spricht im Zusammenhang mit dem Phänomen bereits von "turismo da algoritmo" – Tourismus nach Algorithmus. Dabei geht es nicht zwangsläufig darum, dass insgesamt mehr Menschen reisen. Das Problem entsteht, wenn sehr viele Menschen zur gleichen Zeit dasselbe Ziel ansteuern. Ausgerechnet die Dolomiten liefern dafür inzwischen zahlreiche Beispiele.

Die Dolomiten kämpfen mit ihren Instagram-Hotspots

Am Pragser Wildsee, bei den Drei Zinnen, am Sorapis-See oder rund um die berühmten Geislerspitzen treffen längst nicht mehr nur Wanderer aufeinander. Manche Orte sind zu international bekannten Fotokulissen geworden.

Der Präsident des Alpenvereins CAI Veneto, Francesco Abbruscato, beklagte gegenüber italienischen Medien, dass es diese Konzentration auf einzelne Punkte vor wenigen Jahren in diesem Ausmaß noch nicht gegeben habe. Heute gebe es ikonische Orte, an denen sich Besucher vor allem für Fotos und Selfies drängten.

Wie weit der Konflikt gehen kann, zeigte 2025 das Villnößtal. Bauern installierten am Zugang zu einem beliebten Aussichtspunkt auf die Geislergruppe ein Drehkreuz und verlangten zeitweise Eintritt. Sie wollten damit gegen den Besucheransturm und Schäden auf ihren Grundstücken protestieren.

Auch andere Gemeinden wie jene, zu der der Pragser Wildsee gehört, versuchen, Verkehrs- und Besucherströme stärker zu kontrollieren. Das Problem ist dabei nicht nur die Zahl der Urlauber. Es ist ihre Verteilung.

Tourismuswerbung, die keine Werbung mehr braucht

Besonders bemerkenswert ist deshalb die Reaktion im Fassatal selbst. Nach Angaben von Rai Trentino arbeitet die örtliche Tourismusorganisation seit rund zwei Jahren nicht mehr gezielt mit Influencern und Foodbloggern zusammen. Der Grund ist ungewöhnlich für eine Tourismusregion: zusätzliche Reichweite ist nicht unbedingt erwünscht.

Genau darin zeigt sich, wie sehr sich Tourismusmarketing verändert hat. Jahrzehntelang investierten Destinationen viel Geld, um möglichst viele Menschen auf ihre Landschaften, Hotels und Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen. In Zeiten von TikTok und Instagram kann plötzlich das Gegenteil zur Herausforderung werden: Wie verhindert man, dass ein einzelner Ort zu viel Aufmerksamkeit bekommt?

Der Krapfen ist nicht das Problem

Die Krapfen-Causa zeigt deshalb ziemlich genau, was Social-Media-Overtourism von klassischem Massentourismus unterscheidet.

Es braucht kein weltberühmtes Museum, keinen Kreuzfahrthafen und keine Millionenstadt mehr. Ein Bergsee kann reichen, eine kleine Kirche, ein Aussichtspunkt. Oder ein Krapfen mit Vanillecreme vor einer spektakulären Bergkulisse.

Wenn das Motiv dem Algorithmus gefällt, können plötzlich Tausende Menschen wissen, wo es aufgenommen wurde – und einige wollen anschließend exakt dasselbe Foto.

Der Krapfen auf der Friedrich-August-Hütte wird irgendwann wieder aus den Feeds verschwinden. Der Mechanismus dahinter dürfte bleiben. Der Algorithmus entdeckt gewiss bald den nächsten Ort.

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