LEADERSNET: "Beauty is not a luxury.” Diesen Satz vertreten Sie seit Jahren mit Nachdruck. Gleichzeitig scheint unsere Welt vielerorts funktionaler und effizienter zu werden, aber nicht unbedingt schöner. Ist Schönheit heute ein unterschätzter Wirtschaftsfaktor oder vielmehr ein gesellschaftliches Grundbedürfnis?
Stefan Sagmeister: Beides, aber das Grundbedürfnis ist der interessantere Teil. Wenn man den Wirtschaftsfaktor betonen will: Die Wiener U-Bahn-Stationen von Otto Wagner werden seit über hundert Jahren gepflegt, geliebt und kaum beschmiert, während funktionale Stationen aus den Achtzigerjahren ständig renoviert werden müssen. Schönheit ist die billigste Form von Nachhaltigkeit, die wir kennen. Was schön ist, wird erhalten.
Aber der eigentliche Punkt liegt tiefer. Das zwanzigste Jahrhundert hat uns eingeredet, Schönheit sei Dekoration, also verzichtbar, also verdächtig. Das war ein Denkfehler mit Folgen, die man in jeder Vorstadt besichtigen kann. Menschen in schönen Umgebungen verhalten sich nachweislich besser, sie fühlen sich wohler, sie bleiben länger. Eine Umgebung, die nur funktioniert, funktioniert eben nicht gut. Das ist keine Geschmacksfrage, das ist inzwischen gut belegt.
LEADERSNET: Schönheit kann auch in der Ruhe liegen. Sie nehmen seit vielen Jahren regelmäßig ein einjähriges Sabbatical. In einer Arbeitswelt, in der häufig Geschwindigkeit mit Erfolg gleichgesetzt wird, wirkt dieses Modell fast revolutionär. Rückblickend: Welche Erkenntnis aus Ihren Auszeiten hat Ihr Leben oder Ihre Arbeit am stärksten verändert und welche würden Sie jedem Unternehmen gerne ins Pflichtenheft schreiben?
Stefan Sagmeister: Die wichtigste Erkenntnis war banal und deshalb so schwer zu akzeptieren: Das Meiste, was in unserem Studio in den Jahren nach einem Sabbatical entstanden ist, alles was gut war, hatte seinen Ursprung in diesem Jahr. Die Auszeit war nie eine Pause von der Arbeit, sie war die Quelle der Arbeit. Ich habe das erste Sabbatical genommen, weil ich merkte, dass wir anfingen, uns selbst zu wiederholen. Design, das sich wiederholt, ist Verwaltung.
Ins Pflichtenheft würde ich schreiben: Rechnen Sie die Zeit anders. Ich verschiebe einfach fünf Jahre meiner Pension nach vorne, in ein Alter, in dem ich noch wandern kann. Das ist keine revolutionäre Idee, das ist Arithmetik. Und ein Unternehmen, das Angst hat, ein Mitarbeiter könnte nach einem Jahr Abwesenheit überflüssig geworden sein, sollte sich fragen, was dieser Mitarbeiter vorher eigentlich getan hat.
LEADERSNET: In Ihrem Buch und Ihrer Ausstellung "The Happy Show“ haben Sie sich intensiv mit dem Thema Glück beschäftigt. Die Forschung zeigt, dass das Einkommen das persönliche Glück nur bis zu einem gewissen Punkt steigert. Warum investieren wir Ihrer Meinung nach dennoch so viel mehr Energie in Produktivität als in Lebensqualität?
Stefan Sagmeister: Weil Produktivität messbar ist und Lebensqualität nicht, und wir eine Kultur gebaut haben, die nur ernst nimmt, was sie messen kann. Das Bruttoinlandsprodukt steht in jeder Zeitung, das Wohlbefinden in wenigen.
Dazu kommt etwas Psychologisches: Geld verspricht Sicherheit für die Zukunft, Lebensqualität findet in der Gegenwart statt, und unser Gehirn nimmt die Zukunft immer ernster als den Moment. Das war evolutionär vermutlich sinnvoll und ist heute meistens Unsinn.
Ich habe in der Arbeit an The Happy Show gelernt, dass Glück weniger ein Zustand ist als ein Handwerk: Beziehungen, sinnvolle Arbeit, Gewohnheiten. Alles Dinge, die Zeit brauchen, also genau die Ressource, die wir der Produktivität opfern. Wir sparen an der Währung, in der das Glück bezahlt wird.
LEADERSNET: Sie sagen, dass Optimismus keine naive Haltung, sondern eine bewusste Entscheidung sein kann. Gleichzeitig erleben wir Kriege, Klimakrise und gesellschaftliche Polarisierung. Woraus schöpfen Sie persönlich Ihren Optimismus und wie verhindert man, dass Optimismus zur Realitätsverweigerung wird?
Stefan Sagmeister: Aus den Daten. Das ist die kurze Antwort, und sie ist ernst gemeint. Wenn man die Entwicklung der Menschheit nicht in Wochen, sondern in Jahrzehnten und Jahrhunderten betrachtet, ist der Befund eindeutig: Extreme Armut, Kindersterblichkeit, Analphabetismus, Gewalt, all das ist langfristig dramatisch zurückgegangen. Vor zweihundert Jahren lebten neun von zehn Menschen in extremer Armut, heute ist es weniger als einer von zehn. Das ist keine Meinung, das ist Buchhaltung.
Realitätsverweigerung wäre es, die Kriege und die Klimakrise zu leugnen. Das tue ich nicht, im Gegenteil, die Klimakrise ist genau der Bereich, in dem die Kurven noch in die falsche Richtung zeigen. Aber Zynismus ist die bequemste aller Haltungen: Wer glaubt, dass ohnehin alles den Bach hinuntergeht, muss nichts mehr tun. Optimismus verpflichtet. Man kann nur an einer Zukunft arbeiten, an die man ein Stück weit glaubt.
LEADERSNET: Studien gehen davon aus, dass Menschen heute täglich mit mehreren Tausend Werbebotschaften konfrontiert werden. Aufmerksamkeit ist zur knappsten Ressource geworden. Was muss Gestaltung heute leisten, um nicht nur gesehen, sondern auch erinnert zu werden?
Stefan Sagmeister: Sie muss den Betrachter ernst nehmen, und das tut fast niemand. Die meisten der tausenden Werbebotschaften, die uns täglich erreichen, sind höflich, austauschbar und tot. Sie werden nicht erinnert, weil sie nichts riskieren.
Meine Formel ist seit Jahren dieselbe: Schönheit entsteht aus Form, Funktion und Überraschung. Die Überraschung ist der Teil, der über das Erinnern entscheidet. Das Gehirn speichert, was es nicht erwartet hat. Und dann gibt es noch etwas, das in der digitalen Flut fast verschwunden ist: Die Anmutung, dass sich jemand Mühe gegeben hat. Ein handgemachtes Detail, eine Idee, in der sichtbar Zeit steckt, wird anders wahrgenommen als etwas, das in drei Sekunden generiert wurde. Aufwand ist eine Botschaft. Sie sagt dem Betrachter: Du bist mir etwas wert.
LEADERSNET: Künstliche Intelligenz kann inzwischen Logos entwickeln, Layouts gestalten und Bilder erzeugen. Viele sehen darin eine Revolution für die Kreativbranche. Was wird KI Designerinnen und Designern tatsächlich abnehmen und welche Fähigkeiten werden dadurch erst recht an Bedeutung gewinnen?
Stefan Sagmeister: Sie wird das Mittelmaß übernehmen, und ehrlich gesagt: Das Mittelmaß darf sie gerne haben. Ein durchschnittliches Logo für einen durchschnittlichen Anlass, das konnte man vorher schon billig kaufen, jetzt kann man es gratis generieren. Für Designer, deren Geschäftsmodell das Durchschnittliche war, ist das eine schlechte Nachricht.
Wichtiger werden zwei Dinge. Erstens das Urteil: Die KI produziert hundert Varianten, aber sie weiß nicht, welche gut ist. Geschmack, im ernsthaften Sinn des Wortes, lässt sich nicht abkürzen, den erwirbt man über Jahrzehnte des Schauens. Zweitens die Haltung: Eine Maschine kann keinen Standpunkt haben, sie kann nur den Durchschnitt aller Standpunkte wiedergeben, die man ihr gefüttert hat. Ich arbeite selbst mit diesen Werkzeugen und finde sie nützlich, - wie der Computer in den Neunzigern nützlich wurde. Er hat das Design nicht abgeschafft.
LEADERSNET: KI und andere gesellschaftliche Entwicklungen verunsichern. Wenn Sie heute dem 25-jährigen Stefan Sagmeister einen einzigen Rat geben dürften, wäre es ein gestalterischer, ein wirtschaftlicher oder ein ganz persönlicher? Und würden Sie auf diesen Rat damals überhaupt gehört haben?
Stefan Sagmeister: Ein persönlicher, weil die anderen daraus folgen. Ich würde ihm sagen: Du wirst nicht durch die großen Momente glücklich, sondern durch die Struktur deiner Tage. Kümmere dich um die Freundschaften mit derselben Ernsthaftigkeit wie um die Projekte.
Und nein, natürlich hätte ich es nicht gehört. Der 25-Jährige Stefan war viel zu beschäftigt damit, nach New York zu wollen und Design zu gestalten. Vermutlich ist das in Ordnung so. Manche Ratschläge sind keine Information, sondern eine Erfahrung, die man nur in der falschen Reihenfolge machen kann: zuerst der Fehler, dann die Einsicht. Der Rat wäre also weniger für ihn gewesen als für mich, zur Kontrolle, ob ich ihn inzwischen selbst befolge...
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