Coolcation statt Sommerhitze
Sind die Highlands die neue Toskana?

| Redaktion 
| 06.09.2026

Zypressen, ein Landhaus in der Toskana, 35 Grad im Schatten und ein Glas Rosé am Pool? Oder lieber Fleecepulli, Nieselregen und 13 Grad zwischen den nebelverhangenen Bergen von Glencoe? Was lange nach einer ziemlich einfachen Entscheidung klang, ist es nicht mehr. Die schottischen Highlands erlebten im Sommer 2026 einen nie dagewesenen Zulauf. Die Urlauber kommen nicht trotz des Wetters. Sie kommen wegen des Wetters.

Während Südeuropa unter Hitze, Dürren und Waldbränden leidet, wird der raue schottische Sommer zum neuen Luxus. "Früher kamen die Leute in die Highlands und sagten: ‚Es ist wunderschön – schade um das Wetter.‘ Heute kommen sie wegen des Wetters", erzählt James MacLeod, Concierge im Glencoe House Hotel, der BBC.

Selbst Regen und die berüchtigten schottischen Stechmücken verlieren ihren Schrecken. Die Gäste seien vor allem froh, sagt MacLeod, dass es nicht zu heiß sei.

Plötzlich sind 13 Grad ein Verkaufsargument

Wie radikal sich die Wahrnehmung verändert hat, zeigt Glencoe. Schroffe Berge ragen über sattgrünen Tälern auf, Wolken hängen an den Gipfeln, auf den Straßen glänzt der Regen.

Postkartenwetter ist das nach klassischer Definition eher nicht. Doch Emily Bryce vom National Trust for Scotland berichtet von acht Prozent mehr Besuchern als im vergangenen Sommer. Urlauber erzählten ihr, wie angenehm kühl es hier im Vergleich zu Südfrankreich oder Spanien sei. Und das bei Bedingungen, über die Schottland-Urlauber früher vermutlich geschimpft hätten.

Aus dem Wetter-Makel wird ein Wettbewerbsvorteil. Besonders bemerkenswert dabei ist, wer nach Norden zieht.

Chris Greenwood vom Moffat Centre for Travel and Tourism Business Development der Glasgow Caledonian University beobachtet eine "massive Verschiebung" bei wohlhabenden britischen Familien. Eine wachsende Zahl tausche klassische Sommerziele wie die Toskana gegen die schottischen Highlands.

Schottlands Tourismuswerber haben die Zeichen erkannt. Das Land verkauft sich nicht länger nur als wild und rau. Greenwood bringt die neue Strategie auf eine einfache Formel: Schottland habe 2026 aufgehört, sich als "rugged" zu vermarkten – und begonnen, sich als "temperate", also gemäßigt, zu verkaufen.

Das klingt weniger romantisch, aber bei 40 Grad im Schatten möglicherweise ziemlich verlockend.

Die Hauptprofiteure des Hitzesommers

Wobei Schottland nur eine Ausprägung eines größeren Trends ist. Nach Zahlen der European Travel Commission legten die internationalen Ankünfte in Nordeuropa im ersten Halbjahr 2026 um rund zehn Prozent zu. Die Übernachtungen stiegen um 8,4 Prozent. Damit entwickelte sich der Norden besser als jede andere europäische Teilregion. Europa insgesamt kam bei den internationalen Ankünften auf ein Plus von fünf Prozent.

Auch Skandinavien profitiert. Reisende entdecken Finnland, Norwegen und Schweden als Sommerziele. Selbst innerhalb südlicher gelegener Länder verschiebt sich die Nachfrage in kühlere Regionen. Analysen sehen etwa wachsendes Interesse an Galicien, der Normandie und Trentino-Südtirol.

Doch dann kommen die Menschenmassen

Was für Hotels, Ferienhausvermieter und Tourismusbetriebe nach einem Geschenk klingt, hat eine Kehrseite. In Glencoe werden Parkplätze knapp. Autos drängen sich an Aussichtspunkten, Besucher springen heraus, machen das obligatorische Foto vor der Bergkulisse – und fahren zum nächsten Instagram-Spot. Die Fairy Pools auf der Isle of Skye und Edinburghs Royal Mile bezeichnet Greenwood bereits als Opfer ihrer eigenen Viralität.

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