Corporate Health
Krank im Büro: Warum Präsentismus Unternehmen teuer zu stehen kommt

| Redaktion 
| 06.05.2026

Wer trotz Fieber im Videocall sitzt, gilt oft als loyaler Leistungsträger. Doch die Realität ist ernüchternd: Kranke Mitarbeiter sind ein ökonomisches Sicherheitsrisiko. Präsentismus kostet Unternehmen heute mehr als klassische Fehlzeiten – durch Fehlerquoten, Produktivitätsverlust und verschleppte Infekte. Es ist Zeit für eine radikale Abkehr vom Heldenmythos im Büro.

Fieber, Husten, Erschöpfung – und trotzdem im Meeting. Was viele als Einsatz oder Pflichtbewusstsein sehen, hat einen Namen: Präsentismus. Und genau der entwickelt sich zunehmend zum stillen Kostenfaktor in der Arbeitswelt.

Denn wer krank arbeitet, ist zwar physisch anwesend, aber oft weit entfernt von voller Leistungsfähigkeit. Studien zeigen sogar: Präsentismus verursacht in vielen Unternehmen höhere Kosten als klassische Krankenstände. Der Grund? Fehler, sinkende Produktivität und verschleppte Erkrankungen summieren sich – meist unsichtbar, aber spürbar.

"Ich kann doch jetzt nicht fehlen"

Die Ursachen sind vielfältig, aber eines zieht sich durch viele Organisationen: Druck. Mitarbeitende wollen ihr Team nicht im Stich lassen, fürchten um ihre Karriere oder orientieren sich an Vorgesetzten, die selbst krank zur Arbeit erscheinen. Motto: Augen zu und durch.

Mit dem Homeoffice hat sich das Problem sogar verschärft. Wer von zu Hause arbeitet, meldet sich seltener krank – und loggt sich stattdessen „ein bisschen angeschlagen“ ein. Ausruhen? Fehlanzeige.

Leistung auf Sparflamme

Das Problem: Präsentismus ist kein Heldentum, sondern ein Risiko. Wer krank arbeitet, arbeitet langsamer, macht mehr Fehler und braucht länger zur Regeneration, wie von der Plattform Gesunde Arbeit zitierte Studien belegen. Im schlimmsten Fall wird aus einer harmlosen Erkältung eine ernsthafte Erkrankung – mit deutlich längerer Ausfallzeit.

Unternehmen zahlen also doppelt: zuerst mit verminderter Leistung, später mit echten Ausfällen.

Ein Geschäftsführer spricht Klartext: "Wer krank ist, bleibt zuhause!"

So sieht es auch ein Geschäftsführer eines mittelgroßen Unternehmens (78 Angestellte), der anonym bleiben möchte, aus dem bayerischen Rosenheim: 

"Die alte Vorstellung, man zeige besonderen Einsatz, wenn man sich krank ins Büro schleppt, ist aus Unternehmenssicht überholt. Wer krank arbeitet, riskiert nicht nur die eigene Genesung, sondern steckt im Zweifel Kolleginnen und Kollegen an und schwächt damit am Ende den Betrieb. Verantwortungsvolles Arbeiten heißt daher auch: Wer arbeitsunfähig krank ist, bleibt zu Hause und kuriert sich aus."

Er sieht bei dem Thema jedoch auch die Unternehmen in der Pflicht:

"Wenn jemand sagt: ‚Meine Arbeit kann sonst niemand machen‘, ist das kein Beweis für besonderen Einsatz, sondern ein Hinweis auf ein Organisationsproblem. Unternehmen brauchen Vertretungsregeln, Back-ups und Prozesse, die nicht an einzelnen Personen hängen."

Gleichzeitig ist ihm wichtig festzuhalten, dass Gesundheit keine Einbahnstraße ist: "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten verantwortungsvoll mit sich umgehen – auch in der Freizeit. Wer am Wochenende bereits angeschlagen ist, sollte sich gut überlegen, ob eine lange Partynacht wirklich klug ist, und vor der Saison auch prüfen, ob etwa eine Grippeimpfung sinnvoll sein kann."

Umgekehrt stünden Arbeitgeber in der Pflicht, die gesetzlichen Rahmenbedingungen einzuhalten und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Beschäftigte körperlich und mental nicht dauerhaft überlasten: "Am Ende geht es nicht um Misstrauen oder Kontrolle, sondern um gemeinsame Verantwortung. Wer krank ist, soll sich auskurieren können – und Betriebe müssen so organisiert sein, dass sie dadurch nicht ins Wanken geraten."

Kulturfrage statt Einzelfall

So ist Präsentismus in einem Unternehmen auch selten ein Zufall. Vielmehr ist er ein Spiegel der Unternehmenskultur. Wo ständige Erreichbarkeit erwartet wird und Führungskräfte selbst keine Pause machen, fällt es Mitarbeitenden schwer, Grenzen zu setzen.

Umgekehrt gilt: Wer offen kommuniziert, dass Gesundheit Vorrang hat, reduziert Präsentismus nachhaltig. Entscheidend ist dabei das Verhalten der Führungsebene – nicht das Leitbild auf Papier.

Gesund arbeiten heißt auch: nicht arbeiten

Die wichtigste Erkenntnis ist simpel – und wird doch oft ignoriert: Wer krank ist, gehört nicht an den Arbeitsplatz, auch nicht ins virtuelle Büro.

Unternehmen, die das verstehen, profitieren langfristig von gesünderen, motivierteren und leistungsfähigeren Teams. Oder anders gesagt: Manchmal ist Nicht-Arbeiten die produktivste Entscheidung.

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