Algorithmen im Musikmarkt
Warum Howard Carpendale Nachwuchskünstlern empfiehlt lieber Basketballer zu werden

| Redaktion 
| 17.02.2026

Die Musikbranche steht unter strukturellem Wandel. Streaming bestimmt die Erlösmodelle, algorithmische Empfehlungssysteme die Sichtbarkeit. Während der Markt wächst, kämpfen viele Künstler:innen um wirtschaftliche Planbarkeit. Schlagerlegende Howard Carpendale findet dafür ungewöhnlich deutliche Worte – und rät jungen Musikerinnen und Musikern sogar, lieber Basketballer zu werden. Was hinter dieser Zuspitzung steckt und wie datengetrieben das Geschäftsmodell Musik inzwischen ist.

Die Digitalisierung hat die Musikindustrie grundlegend verändert. Streamingplattformen sind heute der zentrale Vertriebskanal – mit tiefgreifenden Folgen für Erlösmodelle, Kreativprozesse und Karriereperspektiven. Im "Clasen Talk“ äußerte sich Howard Carpendale ungewöhnlich deutlich zur Lage der Branche.

Streaming prägt die Erlösstruktur

Wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet, sagte Carpendale im "Clasen Talk“: "Die Musikbranche steckt im Moment in einer schrecklichen Situation und das wird wahrscheinlich nicht besser. Die Branche ist kaputt."

Hintergrund ist die wachsende Dominanz von Streamingdiensten. Laut dem Global Music Report 2025 stammen rund 69 Prozent der weltweiten Branchenerlöse aus Streaming. Für Labels und Plattformen bedeutet das planbare, wiederkehrende Umsätze. Für viele Künstler:innen hingegen stellt sich die Erlössituation differenzierter dar.

Carpendale beziffert die Ausschüttung mit rund 4.000 Euro pro eine Million Streams für das gesamte Kreativteam eines Songs. Diese Summe verteilt sich auf Interpret:in, Komponist:in, Texter:in und weitere Beteiligte. Wirtschaftlich tragfähige Einkommen sind damit selbst bei beachtlichen Reichweiten nicht selbstverständlich.

Vor diesem Hintergrund setzen einige internationale Künstlerinnen und Künstler verstärkt auf alternative Monetarisierungsmodelle. Statt langfristiger Streaming-Tantiemen realisieren sie Einmalerlöse durch den Verkauf ihrer Musikrechte – wie zuletzt beim Verkauf des Musikkatalogs von Britney Spears an Primary Wave.

Wirtschaftlicher Druck im Zeitalter der Algorithmen

Die Dominanz von Streaming verändert nicht nur die Erlösstruktur, sondern auch die Mechanik des Erfolgs. Im Musikmarkt entscheiden heute zunehmend Algorithmen darüber, welche Songs gehört werden – und welche im digitalen Überangebot untergehen.

Empfehlungssysteme analysieren Nutzungsverhalten, Interaktionen und Abspielraten in Echtzeit. Wer häufig geskippt wird, verliert Sichtbarkeit. Wer schnell Aufmerksamkeit erzeugt, wird bevorzugt ausgespielt. Playlists, personalisierte Vorschläge und algorithmische Rankings sind damit zu zentralen Gatekeepern geworden. Sichtbarkeit entsteht nicht mehr primär durch klassische Medienpräsenz, sondern durch Datenperformance.

Für Künstlerinnen und Künstler bedeutet das eine strukturelle Verschiebung: Erfolg hängt nicht allein von Kreativität, künstlerischer Substanz oder Bühnenpräsenz ab, sondern auch davon, wie gut ein Song in Plattformlogiken funktioniert. Wer im Algorithmus nicht stattfindet, bleibt oft unsichtbar – unabhängig von Qualität oder handwerklichem Anspruch.

Howard Carpendale kritisiert in diesem Zusammenhang auch die Auswirkungen auf die Musik selbst: "Die Dienste können sich erlauben, zu sagen: "Bitte komponiere Lieder, die höchstens zwei Minuten lang sind, ohne lange Instrumentalstellen. Die Leute wollen dich singen hören‘."

Kurze Songs, schneller Einstieg, früher Refrain – all das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Titel vollständig gestreamt und nicht vorzeitig übersprungen werden. Die Plattformmechanik setzt damit ökonomische Anreize für Formatoptimierung. Parallel wächst der Wettbewerb: Weltweit erscheinen täglich zehntausende neue Songs auf Streamingplattformen.

Im Streamingzeitalter ist künstlerischer Erfolg damit nicht nur eine Frage von Talent – sondern zunehmend auch eine Frage algorithmischer Sichtbarkeit.

Global Music Report 2025

Musikmarkt in Zahlen

  • 29,6 Mrd. US-Dollar weltweiter Umsatz 2024

  • +4,8 % Marktwachstum

  • 69,0 % Umsatzanteil Streaming

  • 51,2 % davon Abo-Streaming

  • 20,4 Mrd. US-Dollar Streaming-Erlöse

  • 752 Mio. kostenpflichtige Abonnements

  • -3,1 % physische Umsätze

  • +5,9 % Performance Rights

Quelle: IFPI Global Music Report 2025

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Global Music Report 2025

Musikmarkt in Zahlen

  • 29,6 Mrd. US-Dollar weltweiter Umsatz 2024

  • +4,8 % Marktwachstum

  • 69,0 % Umsatzanteil Streaming

  • 51,2 % davon Abo-Streaming

  • 20,4 Mrd. US-Dollar Streaming-Erlöse

  • 752 Mio. kostenpflichtige Abonnements

  • -3,1 % physische Umsätze

  • +5,9 % Performance Rights

Quelle: IFPI Global Music Report 2025

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