Jede dritte Führungskraft in Deutschland hat bereits darüber nachgedacht, ihre Führungsposition aufzugeben. Das geht aus dem "HanseMerkur Longevity Leadership Report“ hervor, für den das Marktforschungsinstitut Ipsos 500 hauptberufliche Führungskräfte befragt hat. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Widerspruch: Während Vorgesetzte für ihre Teams Verantwortung übernehmen, vernachlässigen sie häufig ihre eigene Gesundheit.
67 Prozent der Befragten fällt es leichter, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter:innen zu achten als auf die eigene. Gleichzeitig haben 58 Prozent Schwierigkeiten, ihre eigenen Gesundheitsempfehlungen im Alltag umzusetzen. Die Folgen zeigen sich im Arbeitsverhalten: 53 Prozent arbeiten regelmäßig, obwohl sie sich gesundheitlich nicht fit fühlen. Sechs von zehn Führungskräften haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich krankmelden.
Wenn die Karriere auf Kosten der Gesundheit geht
Für 48 Prozent der Befragten hatte die berufliche Karriere bereits gesundheitliche Nachteile. Dass jede dritte Führungskraft über einen Rückzug aus ihrer Position nachgedacht hat, verleiht diesen Angaben zusätzliches Gewicht. Ob die gesundheitlichen Belastungen unmittelbar der Grund für solche Überlegungen sind, geht aus der Untersuchung allerdings nicht hervor.
Als größte Belastung nennen 42 Prozent den Personalmangel. Dahinter folgen die ständige Erreichbarkeit mit 33 Prozent und die hohe Arbeitsbelastung mit 30 Prozent. Die Ergebnisse machen deutlich, dass der Druck auf Führungskräfte nicht ausschließlich aus persönlichen Ansprüchen entsteht. Auch die Arbeitsbedingungen spielen eine wichtige Rolle.
Besonders die Erwartung, ständig erreichbar zu sein, kann die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verwischen. Wer auch nach Feierabend auf Nachrichten und Anfragen reagiert, findet möglicherweise weniger Zeit, sich von den Anforderungen des Arbeitstags zu erholen.
Die Befragung zeigt, welche Lebensbereiche Führungskräfte besonders häufig zurückstellen. 49 Prozent vernachlässigen ihren Schlaf, 42 Prozent ihre Erholung. Bei 37 Prozent kommen Freundschaften zu kurz, bei 33 Prozent die Familie.
Schlafmangel trifft jüngere Führungskräfte stärker
Vor allem jüngere Führungskräfte berichten von Einschränkungen beim Schlaf. Unter den Befragten unter 50 Jahren geben 52 Prozent an, ihren Schlaf zu vernachlässigen. Bei den 50- bis 74-Jährigen liegt der Anteil bei 37 Prozent.
Damit gehört ausreichender Schlaf zu den Bereichen, in denen sich die Belastung des Führungsalltags besonders deutlich zeigt. Auch bewusste Erholung und das Abschalten nach der Arbeit gewinnen vor diesem Hintergrund an Bedeutung.
Die Ergebnisse werfen zugleich die Frage auf, wie viel Verantwortung Führungskräfte selbst für ihre Gesundheit tragen können und wo Unternehmen ansetzen müssen. Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung und dauerhafte Verfügbarkeit sind schließlich nicht allein durch einen gesünderen Lebensstil zu lösen.
Auch die psychische Belastung im Beruf hängt mit den Bedingungen zusammen, unter denen Menschen arbeiten. Überlastung, widersprüchliche Erwartungen und unklare Zuständigkeiten können den Druck zusätzlich erhöhen.
Gesunde Führung beginnt bei der eigenen Gesundheit
Die HanseMerkur-Untersuchung zeigt außerdem einen Zusammenhang zwischen der gesundheitlichen Verfassung von Führungskräften und ihrer Einschätzung des eigenen Führungsverhaltens.
Von den Befragten, die sich selbst als gesund einstufen, glauben 71 Prozent, durch ihre Führung zu einer gesünderen Belegschaft beizutragen. Unter den gesundheitlich belasteten Führungskräften sind es lediglich 43 Prozent.
Die Werte beruhen auf Selbsteinschätzungen. Ob gesündere Führungskräfte tatsächlich die Gesundheit ihrer Mitarbeiter verbessern, lässt sich daraus nicht ableiten. Der Unterschied zeigt jedoch, wie eng die Befragten ihre eigene Verfassung mit ihrer Rolle als Vorgesetzte verbinden.
Der wissenschaftliche Leiter der Untersuchung, Gerd Wirtz, sieht darin ein grundlegendes Problem: "Deutschlands Chefetagen haben kein Wissensproblem, sondern ein Vorbildproblem.“
Auch HanseMerkur-Vorstandschef Eberhard Sautter betont die wirtschaftliche Bedeutung: "Gesundheit prägt nicht nur die persönliche Lebensqualität, sie ist auch ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und Wirtschaft.“
Wie lange Führungskräfte ihre derzeitige Arbeitsbelastung durchhalten können, ist ein weiterer Schwerpunkt der Studie. 72 Prozent glauben, dass sie ihr aktuelles Arbeitspensum noch mindestens fünf Jahre bewältigen können. Gleichzeitig erwarten die Befragten im Durchschnitt, nur bis zum Alter von 60 Jahren arbeiten zu können.
Dabei unterscheiden sich die Altersgruppen deutlich. Führungskräfte unter 50 Jahren rechnen im Mittel mit einer beruflichen Belastbarkeit bis zum 59. Lebensjahr. Bei den 50- bis 74-Jährigen liegt dieser Wert bei 65 Jahren. Ein Fünftel der jüngeren Befragten geht sogar davon aus, höchstens bis zum 50. Lebensjahr arbeiten zu können.
Die Frage nach gesunder Führung betrifft damit nicht nur das Wohlbefinden einzelner Vorgesetzter. Sie berührt auch die langfristige Besetzung von Führungspositionen – gerade in Unternehmen, die bereits unter Personalmangel leiden.
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