Sonne und hohe Temperaturen galten lange als nahezu unverzichtbare Zutaten für den Sommerurlaub. Doch angesichts heißer Sommer bekommt ein anderes Versprechen Gewicht: Abkühlung.
Coolcation – eine Wortschöpfung aus "cool" und "vacation" – bezeichnet Reisen in Regionen, die im Sommer mit milderen Temperaturen locken. Dass das Interesse daran wächst, zeigen Daten mehrerer großer Reiseplattformen.
Eine Auswertung von Trip.com verglich Such- und Buchungsdaten deutscher Nutzer:innen für Reisen zwischen Juni und August 2026 mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Das Ergebnis: Bei mehreren kühleren Reisezielen steigen die Suchanfragen deutlich.
Schweiz, Norwegen und Island legen zu
Bei den Hotelsuchen führt die Schweiz mit einem Plus von 314,7 Prozent. Für Norwegen stiegen die Suchanfragen um 154,6 Prozent, für Island um 95,8 Prozent.
Auch bei den Flugsuchen zeigt sich die Entwicklung. Island kommt auf ein Plus von 119,5 Prozent, die Schweiz auf 106,7 Prozent und Norwegen auf 84,9 Prozent. Slowenien verzeichnet bei Hotelsuchen einen Zuwachs von 36,4 Prozent.
Der Trend zeichnete sich laut Trip.com bereits im Sommer 2025 ab: Weltweit stieg das Suchvolumen nach kühleren Sommerzielen zwischen Juni und August um 237 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Für viele Destinationen wird damit eine Eigenschaft wichtiger, die bisher kaum im Mittelpunkt stand: niedrigere Temperaturen. Frische Bergluft, schattige Wälder, Seen oder eine kühlere Küste können bei der Wahl des Urlaubsortes stärker ins Gewicht fallen.
Booking.com sieht Ansturm auf die Nordsee
Dass Urlauber:innen auch innerhalb Deutschlands nach Abkühlung suchen, zeigt eine weitere Auswertung. Booking.com veröffentlichte am 26. Juni Suchdaten aus der dritten Juniwoche. Demnach verzeichnete Sankt Peter-Ording unter den deutschen Reisezielen den größten Anstieg bei den Unterkunftssuchen gegenüber dem Vorjahr. Dahinter folgten ausschließlich Ziele an Nord- und Ostsee.
Auf den ersten fünf Plätzen lagen Sankt Peter-Ording, Borkum, Westerland auf Sylt, Norddeich und Travemünde. Bei Familien schafften es neben Sankt Peter-Ording, Borkum und Norddeich auch Grömitz und Timmendorfer Strand in die Top fünf. Grundlage waren Unterkunftssuchen deutscher Reisender zwischen dem 20. und 22. Juni für Aufenthalte vom 24. bis 28. Juni 2026.
Die dazugehörige Befragung zeigt, wie stark das Wetter inzwischen in die Reiseplanung einfließt. 63 Prozent der Deutschen berücksichtigen das Risiko extremer Wetterbedingungen bei der Wahl ihres Reiseziels, 64 Prozent beim Reisezeitpunkt. 29 Prozent hatten ihre Reisepläne in den vorangegangenen zwölf Monaten aufgrund von Hitze, Stürmen, Waldbränden oder Überschwemmungen geändert oder storniert.
Fast die Hälfte der Befragten – 49 Prozent – ist zudem der Ansicht, dass bestimmte Reiseziele inzwischen zu heiß geworden sind, um sie zu besuchen. 35 Prozent nennen die Vermeidung extremer Temperaturen als Grund dafür, außerhalb der Hauptreisezeiten zu verreisen.
Der Schwarzwald profitiert vom Coolcation-Trend
Besonders interessant ist die Bewegung in die andere Richtung. Während deutsche Urlauber kühlere Ziele im Norden oder in den Alpen suchen, zieht es zunehmend Gäste aus Südeuropa in den Schwarzwald. Vor allem bei Reisenden aus Spanien zeigt sich ein deutlicher langfristiger Anstieg.
2025 verzeichnete die Ferienregion 198.887 Übernachtungen spanischer Gäste. Das waren 3,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Aus Italien kamen 194.514 Übernachtungen hinzu, ein Plus von 0,8 Prozent.
Noch deutlicher wird die Entwicklung im langfristigen Vergleich: Die Zahl der Übernachtungen spanischer Gäste lag 2025 um 64 Prozent über dem Niveau von 2015. Besonders stark entwickelte sich zuletzt der Hochschwarzwald, wo bei spanischen Gästen nach der Corona-Pandemie teils deutliche jährliche Zuwächse registriert wurden.
Der Schwarzwald reagiert auf das wachsende Interesse und rückt Angebote für heiße Sommertage stärker in den Mittelpunkt. Dazu zählen unter anderem schattige Wälder, Badeseen, Flüsse, Talsperren und höher gelegene Regionen.
Damit bekommt eine Eigenschaft neuen touristischen Wert, die im klassischen Wettbewerb mit südlichen Sonnenzielen lange weniger stark im Fokus stand: vergleichsweise milde Temperaturen.
Auch an anderer Stelle entwickelt der Schwarzwald sein touristisches Angebot weiter: Mit dem "Albergo Diffuso"-Modell sollen bestehende Gebäude und lokale Betriebe stärker in den Tourismus eingebunden werden. Das Konzept sieht vor, touristische Leistungen über einen ganzen Ort zu verteilen, anstatt sie in einem klassischen Hotel zu bündeln. Bestehende Häuser dienen als Unterkünfte, während Gastronomie und weitere Dienstleistungen von Betrieben vor Ort übernommen werden.
Beide Entwicklungen zeigen, wie sich das touristische Angebot im Schwarzwald verändert. Während beim Coolcation-Trend Natur und mildere Temperaturen im Vordergrund stehen, setzt das "Albergo Diffuso"-Modell auf bestehende Strukturen und eine stärkere Einbindung lokaler Betriebe.
Kühle Reiseziele werden wirtschaftlich interessanter
Für viele Regionen verändert sich damit die Ausgangslage im Sommertourismus. Was früher kaum als Vorteil galt, kann in heißen Monaten plötzlich Nachfrage bringen: niedrigere Temperaturen, Schatten, Wasser und Höhenlagen.
Der Schwarzwald und die Nordseeküste zeigen, wie unterschiedlich dieser Effekt ausfallen kann. Im einen Fall kommen mehr Gäste aus dem heißen Süden Europas, im anderen suchen deutsche Urlauber gezielt nach Abkühlung im eigenen Land. Gleichzeitig steigen die Suchanfragen nach Zielen wie Norwegen, Island oder der Schweiz deutlich.
Coolcation dürfte deshalb vor allem eines verändern: die Vorstellung davon, was einen attraktiven Sommerurlaub ausmacht. Sonne bleibt wichtig. Doch je häufiger extreme Hitze die Reiseplanung beeinflusst, desto stärker wird auch ein anderes Versprechen – ein Urlaub, bei dem man der Hitze zumindest für ein paar Tage entkommt.
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