Kognitionsforschung
Aphantasie stellt Theorie zum abstrakten Denken infrage

Aphantasie beschreibt das Phänomen, dass Menschen keine bewussten inneren Bilder erzeugen können. Neue Forschungsergebnisse der Universität Tartu legen nun nahe, dass dies komplexes oder abstraktes Denken keineswegs einschränken muss. Die Erkenntnisse könnten nicht nur philosophische Grundannahmen verändern, sondern auch neue Impulse für die Neurowissenschaft sowie die Erforschung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen liefern.

Menschen mit Aphantasie verfügen über keine bewusste visuelle Vorstellungskraft. Dennoch können sie abstrakte Zusammenhänge ebenso erfassen wie Menschen mit einem ausgeprägten "inneren Auge". Wie die Pharmazeutische Zeitung unter Berufung auf eine im Fachjournal Neuropsychologia veröffentlichte Analyse berichtet, kommen Forschende der Universität Tartu zu dem Schluss, dass Menschen mit Aphantasie auch ohne mentale Bilder abstrakt denken können.

Die Ergebnisse stellen eine seit Jahrhunderten diskutierte philosophische Annahme infrage. Der schottische Philosoph David Hume vertrat im 18. Jahrhundert die Auffassung, dass abstraktes Denken auf zuvor erzeugten konkreten mentalen Bildern basiert. Nach Ansicht der estnischen Wissenschaftler lässt sich diese Theorie jedoch nicht mit den Eigenschaften von Menschen vereinbaren, die an Aphantasie leiden.

Aphantasie widerspricht klassischer Philosophie

Die Autoren untersuchten mehrere mögliche Erklärungen dafür, wie sich Humes Theorie dennoch aufrechterhalten ließe. Dabei prüften sie unter anderem, ob Betroffene stattdessen auditive oder taktile Vorstellungen nutzen. Diese Annahme erwies sich jedoch als unzureichend, da multimodale Aphantasiker:innen auch keine bewussten inneren Klänge oder andere Sinneseindrücke erzeugen können.

Auch die Vermutung, spontane statt bewusst erzeugter Bilder könnten den Denkprozess unterstützen, ließ sich nach Auffassung der Forschenden nicht mit Humes Theorie vereinbaren. Ebenso wenig überzeugte die Annahme, dass räumliche oder sprachliche Vorstellungen allein die fehlenden visuellen Bilder ersetzen könnten.

Die Wissenschaftler kommen deshalb zu dem Schluss, dass Aphantasie eine grundlegende Herausforderung für Humes Theorie des abstrakten Denkens darstellt. Aus ihrer Sicht sollte sich die Forschung künftig weniger auf die bloße Existenz mentaler Bilder konzentrieren als vielmehr darauf, wie Menschen unterschiedliche Denkstrategien tatsächlich nutzen.

Genetische Hinweise und medizinische Bedeutung

Nach Angaben des Neurologen Adam Zeman von der Universität Exeter betrifft Aphantasie schätzungsweise rund vier Prozent der Weltbevölkerung. Trotz der fehlenden bewussten Visualisierung seien im Alltag meist nur geringe Einschränkungen zu beobachten. Kreativität werde dadurch nicht ausgeschlossen, könne sich jedoch anders äußern.

Zeman verweist außerdem darauf, dass Menschen mit Aphantasie Erinnerungen häufig weniger bildhaft beschreiben. Gleichzeitig berichten manche Betroffene davon, in Bildern zu träumen. Aus seiner Sicht handelt es sich daher weniger um eine Störung als um eine natürliche Variation menschlicher Vorstellungskraft.

Hinweise aus der Forschung sprechen zudem für eine genetische Komponente. Demnach steigt die Wahrscheinlichkeit einer Aphantasie deutlich, wenn Geschwister ebenfalls nur über ein schwach ausgeprägtes oder fehlendes "inneres Auge" verfügen. Darüber hinaus deuten Untersuchungen darauf hin, dass die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnregionen bei Betroffenen verändert sein könnte.

Relevanz für Neurowissenschaft und Medizin

Die Forschung zu Aphantasie könnte künftig weit über philosophische Fragestellungen hinaus Bedeutung gewinnen. Nach Einschätzung des Neurologen Adam Zeman interessieren sich Wissenschaftler insbesondere für Zusammenhänge zwischen mentalen Bildern, Halluzinationen und verschiedenen neurologischen Erkrankungen. Die Gehirnforschung liefert derzeit immer wieder neue Erkenntnisse über die Organisation des Denkorgans – etwa durch die Entdeckung eines bislang unbekannten Netzwerks aus Astrozyten, das verschiedene Hirnregionen verbindet.

Darüber hinaus könnten die Erkenntnisse auch für die Alzheimer-Forschung relevant werden. Da unterschiedliche Formen des Gedächtnisses offenbar unabhängig voneinander arbeiten und bei neurodegenerativen Erkrankungen unterschiedlich schnell nachlassen, könnten neue Erkenntnisse über mentale Vorstellungskraft künftig zum besseren Verständnis entsprechender Krankheitsverläufe beitragen.

Die aktuelle Forschung verdeutlicht damit, dass menschliches Denken offenbar vielfältiger funktioniert als lange angenommen. Für Philosophie, Kognitionswissenschaft und Neurowissenschaft eröffnet Aphantasie damit neue Perspektiven auf die grundlegende Frage, wie der Mensch Informationen verarbeitet und abstrakte Zusammenhänge versteht.

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