Körperwelten-Gründer verstorben
So will Gunther von Hagens selbst zum Plastinat werden

| Redaktion 
| 27.07.2026

Wie am Montag bekannt wurde, ist Gunther von Hagens bereits am vergangenen Freitag im Alter von 81 Jahren verstorben. Der Mann hinter "Körperwelten" und dem dazugehörigen Verfahren der Plastination hat mit seiner Arbeit stets polarisiert – doch parallel hinterließ er schon Jahre vor seinem Tod eine detaillierte Anordnung, wie genau er selbst zu einem einzigartigen Ausstellungsstück gemacht werden soll. Seine Familie hat bestätigt, den unüblichen Wunsch respektieren zu wollen.

Für die einen war Gunther von Hagens ein Pionier, der "die anatomische Ausbildung revolutionierte und Gesundheitsaufklärung einem breiten Laienpublikum zugänglich machte". Andere wiederum sahen in seiner Arbeit weniger vertrauenswürdige Wissenschaft und vielmehr verletzte Menschenwürde; eine ethisch fragwürdige Ausprägung des Schaugeschäfts.

Wahr ist in jedem Fall: Der 1945 geborene Mediziner und Unternehmer gilt als Erfinder der Plastination – ein Verfahren, das menschliche und tierische Körper dauerhaft konserviert, indem Wasser und Fett im Gewebe schrittweise durch spezielle Kunststoffe ersetzt werden. Das Ergebnis sind geruchsfreie, trockene und äußerst langlebige Präparate, bei denen Muskeln, Nerven, Blutgefäße und Organe in bemerkenswerter Detailtreue erhalten bleiben.

Entwickelt hatte von Hagens die Methode Ende der 1970er-Jahre an der Universität Heidelberg; ursprünglich sollte sie vor allem Medizin-Studierenden eine realitätsnahe anatomische Ausbildung ermöglichen. Später fand das Verfahren jedoch weit über Hörsäle und Forschungseinrichtungen hinaus Beachtung und lieferte letztlich die Grundlage eines weltweiten Ausstellungsphänomens.

"Körperwelten" faszinierten selbst James Bond

Besagtes Phänomen trägt den Namen "Körperwelten" und zeigte sich der Welt erstmals 1995 in Tokio. Die Ausstellung verfolgt seit jeher das erklärte Ziel, Anatomie und Gesundheitsthemen für ein breites Publikum aufzubereiten.

Dabei setzte Gunther von Hagens statt klassischer Lehrmodelle oder Zeichnungen auf echte, plastinierte menschliche Körper in alltäglichen oder sportlichen Posen; vom Schachspieler bis zum Reiter.

Turner als "Körperwelten"-Plastinat in Hannover (Bild: Leadersnet)
Turner als "Körperwelten"-Plastinat in Hannover (Bild: Leadersnet)

Das Konzept sorgte gleichermaßen für Faszination wie für heftige Kontroversen, erwies sich aber als außergewöhnlich erfolgreich: In den vergangenen drei Jahrzehnten lockten die verschiedenen "Körperwelten", die auch hierzulande zu den beliebtesten Wanderschauen überhaupt zählen, weltweit über 58 Millionen Gäste an.

Popkultureller Ritterschlag: In "Casino Royale" dient eine Ausstellung als Schauplatz einer gewohnt brenzligen Situation für James Bond, der seinerzeit erstmals von Daniel Craig dargestellt wurde.

Familie würdigt "unerschütterliche Überzeugung, dass Aufklärung den Menschen dient"

"Gunther wollte den Menschen den Blick unter die Haut ermöglichen - nicht aus Sensationslust, sondern aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Wissen über den eigenen Körper zu einem bewussteren, gesünderen und verantwortungsvolleren Leben beitragen kann", erinnert sich seine Ehefrau Dr. Angelina Whalley, die gleichzeitig "Körperwelten"-Kuratorin ist, im Zuge einer Presseaussendung zum Tod des Plastinations-Pioniers.

Auf Instagram ehrt der bekannte Kriminologe Mark Benecke von Hagens als "interessentesten Mensch, den ich je kennenlernen durfte" und als denjenigen, "der für mich am nächsten an ein Vorbild heran reicht."

Sohn Rurik von Hagens sagt: "Mein Vater war ein Mensch, der nie akzeptierte, dass Grenzen unverrückbar sind. Er hat Anatomie aus dem geschlossenen Raum der Fachwelt in die Mitte der Gesellschaft gebracht. Sein Mut, seine Beharrlichkeit und seine unerschütterliche Überzeugung, dass Aufklärung den Menschen dient, werden uns weiterhin leiten."

Gunther von Hagens sei den Menschen, die ihre Körper der Plastination zur Verfügung stellen, sehr dankbar für ihren "außergewöhnlichen Beitrag zu Bildung, Wissenschaft und öffentlicher Aufklärung" gewesen. Diesen Beitrag nach seinem Tod selbst zu leisten, sei sein Wunsch gewesen – und seine Familie sagt zu, ihn "respektieren und ausführen" zu wollen.

Gunther von Hagens hatte konkrete Vorstellung vom eigenen Plastinat

Dass Gunther von Hagens seinen eigenen Körper der Plastination zur Verfügung stellen wollte, war gewiss keine kurzfristige Entscheidung. Der Mediziner machte schon 2008 eine Parkinson-Erkrankung bekannt, durch die er sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückzog.

In diesem Zuge setzte er sich früh intensiv mit seinem eigenen Tod auseinander – und hielt schon lange vor seinem Ableben detailliert fest, wie mit seinem Körper nach seinem Tod verfahren werden sollte.

Ein in einem Welt-Beitrag von 2013 zitierter Kommentar zeigt, wie klar von Hagens Vorstellungen für sein Dasein nach dem Ableben war:

  • "Nach meinem Tod möchte ich in Begrüßungspose (rechter Arm zum Handschlag dem betrachtenden Besucher entgegengestreckt) als stehendes Ganzkörperplastinat unter einer Glashaube am Anfang der Dauerausstellung in Guben stehen.

    Der Text auf dem Sockel bzw. an oder in der Vitrine sollte wie folgt lauten: 'Gunther von Hagens, 10. 01. 1945–xxxxxxxx, Erfinder der Plastination': 'Ich war was Du bist (lebendig), Du wirst sein was ich bin (tot) und Du kannst werden was ich bin (ein Plastinat).‘"

Dass Gunther von Hagens ausgerechnet das Plastinarium im brandenburgischen Guben als letzten Ausstellungsort für seinen eigenen Körper auserkoren hat, ist kein Zufall: Das 2006 eröffnete Haus gilt als Herzstück seines Lebenswerks und vereint eine Dauerausstellung mit der weltweit größten gläsernen Plastinationswerkstatt.

Besucher können vor Ort also nicht nur fertige Präparate betrachten, sondern auch Einblicke in Herstellung, Präparation und wissenschaftliche Arbeit erhalten.

Zudem ist das Institut für Plastination samt wesentlicher Teile der Produktion und Forschung des Unternehmens in Guben ansässig. Für von Hagens war das Plastinarium damit weit mehr als ein Museum: Hier wurde seine Erfindung dauerhaft erklärt, weiterentwickelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – und nicht nur im Geiste wird der Gründer dahinter offenbar weiter über seine Schöpfung wachen.

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV