Train Street in Hanoi
Selfies auf den Gleisen: Der Boom um Vietnams umstrittenste Touristenattraktion

| Redaktion 
| 03.08.2026

Die berühmte Train Street in Hanoi lockt täglich Hunderte Besucher an. Sie kommen für spektakuläre Fotos, Adrenalinkicks und den perfekten Instagram-Moment – obwohl die Attraktion immer wieder für Schlagzeilen sorgt und von den Behörden regelmäßig gesperrt wird.

Nur wenige Zentimeter trennen die Besucher vom heranrasenden Zug. Während Touristen in kleinen Cafés direkt an den Gleisen ihren vietnamesischen Kaffee trinken oder für Selfies posieren, rast mehrmals täglich ein Zug durch die schmale Gasse im Herzen Hanois. Die sogenannte Train Street hat sich in den vergangenen Jahren von einer unscheinbaren Wohnstraße zu einer der bekanntesten – und wohl umstrittensten – Touristenattraktionen Vietnams entwickelt.

Wie die Straße zum Social Media Hotspot wurde

Ursprünglich war die rund 400 Meter lange Bahnstrecke Teil der 1902 erbauten Nord-Süd-Eisenbahn. Jahrzehntelang lebten Anwohner entlang der Gleise ihren Alltag zwischen vorbeifahrenden Zügen, bis Bilder und Videos der außergewöhnlichen Straße ab 2017 in den sozialen Medien viral gingen. Innerhalb kürzester Zeit entstanden Cafés, Bars und Fotospots, die Besucher aus aller Welt anlocken.

Und die zücken alle ihr Smartphone, sobald der Zug durch die schmale Gasse fährt:

Der Boom blieb jedoch nicht ohne Folgen. Immer wieder kommt es zu gefährlichen Situationen, wenn Touristen die Gleise für Fotos betreten oder sich den vorbeifahrenden Zügen zu weit nähern.

Nach mehreren Zwischenfällen – zuletzt entging eine Besucherin nur knapp einem schweren Unfall – verschärften die vietnamesischen Behörden ihre Maßnahmen. Seit 2019 wurde der Zugang mehrfach gesperrt, Cafébetreiber und Reiseveranstalter wurden verwarnt und während der Zugdurchfahrten errichten Polizeikräfte regelmäßig Absperrungen.

Den Erfolg der Train Street konnten die Maßnahmen bislang jedoch kaum bremsen. Auf Instagram finden sich mittlerweile weit über 100.000 Beiträge mit dem Ort als Schlagwort. Für viele Reisende gehört ein Besuch inzwischen ebenso selbstverständlich zum Vietnam-Programm wie die Ha-Long-Bucht oder die Cu-Chi-Tunnel.

FOMO als Motor des Massentourismus

Genau darin sehen Experten den entscheidenden Faktor. Soziale Medien hätten aus einer gewöhnlichen Wohnstraße ein weltweites Reiseziel gemacht. Der Wunsch, denselben spektakulären Moment wie unzählige Influencer zu erleben, überlagere bei vielen Besuchern die offensichtlichen Sicherheitsrisiken – ein klassisches Beispiel für das Phänomen des Fear of Missing Out (FOMO).

Auch unter den Einheimischen gehen die Meinungen auseinander. Während einige vom Tourismus profitieren und die Cafés entlang der Strecke betreiben, beklagen andere die Menschenmassen und den Verlust des ursprünglichen Charakters des Viertels. Viele wünschen sich zudem mehr Rücksicht von Besuchern, denn was für Touristen ein außergewöhnliches Fotomotiv ist, ist für die Anwohner nach wie vor ihr ganz normaler Alltag.

Ob die Train Street langfristig bestehen bleibt, ist ungewiss. Die Regierung diskutiert immer wieder strengere Einschränkungen oder eine endgültige Schließung. Dennoch zieht der schmale Gleisabschnitt in Hanoi täglich weiterhin Neugierige an – und bleibt damit eine der außergewöhnlichsten, aber auch kontroversesten Sehenswürdigkeiten Südostasiens.

Artikelbild: Takeshi Aida nach CC BY-SA 2.0

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