LEADERSNET: Herr Gothmann, Steuern gehören nicht gerade zu den Themen, für die sich die meisten Menschen begeistern. Warum haben Sie ausgerechnet daraus ein Unternehmen gemacht?
Dr. Roger Gothmann: Eigentlich war das gar nicht mein Plan. Ich komme aus einer Familie, in der Sicherheit einen hohen Stellenwert hatte. Deshalb habe ich zunächst ein duales Studium zum Finanzbeamten absolviert. Relativ schnell habe ich aber gemerkt, dass mich die Dynamik der Wirtschaft deutlich mehr reizt als die Verwaltung. Deshalb habe ich parallel Volkswirtschaftslehre studiert und später im Bereich Bankbetriebslehre & Behavioral Finance promoviert.
LEADERSNET: Wie ging es danach weiter?
Dr. Roger Gothmann: Während meiner Promotion habe ich Steuerkanzleien beraten. Dabei fiel mir immer wieder auf, dass zwar das fachliche Know-how vorhanden war, die passenden technischen Lösungen aber fehlten. Mandanten fragten regelmäßig, wie sich steuerliche Prozesse automatisieren lassen – darauf gab es damals kaum Antworten.
Gemeinsam mit meinen Mitgründern, Doktoranden am selben Lehrstuhl, entstand daraus schließlich die Idee für Taxdoo. Unser Ziel war es von Anfang an, Daten aus unterschiedlichen Quellen intelligent aufzubereiten und steuerliche Prozesse einfacher und effizienter zu gestalten. Daran hat sich bis heute nichts geändert – nur die technologischen Möglichkeiten sind inzwischen deutlich größer geworden.
LEADERSNET: Taxdoo war mit Umsatzsteuer-Compliance sehr erfolgreich. Warum haben Sie sich trotzdem entschieden, dieses Geschäftsmodell hinter sich zu lassen?
Dr. Roger Gothmann: Unser Kerngeschäft bestand viele Jahre darin, grenzüberschreitende Umsatzsteuerprozesse für den E-Commerce abzuwickeln. Damit sind wir groß geworden und in diesem Bereich auch Marktführer. Gleichzeitig war klar, dass sich der Markt durch neue EU-Regelungen in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird. Hinzu kommt die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Wir standen deshalb vor der Entscheidung, das bestehende Geschäft noch möglichst lange weiterzuführen oder konsequent auf die Zukunft zu setzen. Wir haben uns für Letzteres entschieden.
LEADERSNET: Das klingt nach einer mutigen Entscheidung. Wie schwer fällt es, sich von einem profitablen Geschäftsmodell zu trennen?
Dr. Roger Gothmann: Natürlich fällt das schwer. Wir Menschen treffen radikale Entscheidungen oft erst dann, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Genau das wollten wir vermeiden. Wir haben viele Szenarien durchgespielt und lange versucht, beide Geschäftsmodelle parallel weiterzuentwickeln. Irgendwann wurde aber klar: Das funktioniert nicht. Deshalb haben wir den klaren Schnitt gemacht. Rückblickend war das die richtige Entscheidung. Man kann ein Unternehmen nicht gleichzeitig auf zwei Zukunftsstrategien ausrichten.
LEADERSNET: Wie kommuniziert man einem Team, dass ein bisher erfolgreiches Geschäftsmodell nicht die Zukunft ist?
Dr. Roger Gothmann: Sicher nicht mit einer einzigen Präsentation. Solche Veränderungen brauchen Zeit. Zunächst mussten wir Gründer selbst vollkommen überzeugt sein. Danach haben wir unser Führungsteam intensiv eingebunden und gemeinsam diskutiert, welche Auswirkungen die Entscheidung auf das Unternehmen haben wird. Erst als dort Klarheit herrschte, haben wir den Strategiewechsel im gesamten Unternehmen kommuniziert. Natürlich konnten und wollten nicht alle Mitarbeitenden diesen Weg mitgehen. Das muss man akzeptieren.
LEADERSNET: Wie viel Unsicherheit muss ein CEO aushalten können?
Dr. Roger Gothmann: Sehr viel. Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich in den vergangenen Jahren gewonnen habe. Früher dachte ich, ich müsste immer die perfekte Entscheidung treffen. Heute weiß ich: Darauf zu warten, irgendwann genug Informationen zu haben, um diese Entscheidung 100-prozentig auf Fakten zu begründen, ist unrealistisch. Wer zu lange auf Sicherheit wartet, ist zu spät. Führung bedeutet deshalb, auch unter Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen. Das kostet viel persönliche Energie, aber genau dafür wird man als Unternehmer am Ende bezahlt.
LEADERSNET: Was kann Ihre KI-Lösung heute bereits leisten, was vor drei Jahren noch undenkbar gewesen wäre?
Dr. Roger Gothmann: Vor wenigen Jahren konnten wir Daten automatisiert auslesen und Steuerkanzleien strukturiert zur Verfügung stellen. Heute geht das deutlich weiter. Künstliche Intelligenz kann bereits große Teile der Buchhaltung übernehmen. Einfache, wiederkehrende Prozesse lassen sich vollständig automatisieren. Bei komplexeren Sachverhalten erstellt die KI fundierte Vorschläge, die ein Mensch überprüft und freigibt. Das Besondere daran ist: Mit jeder Entscheidung lernt das System dazu und wird kontinuierlich besser. Unser Ziel ist, dass Buchhaltung für den Nutzer künftig so einfach funktioniert wie eine Software-as-a-Service-Lösung.
LEADERSNET: Welche Aufgaben in der Buchhaltung werden Ihrer Einschätzung nach als Erstes verschwinden?
Dr. Roger Gothmann: Vor allem standardisierte Routinetätigkeiten. Ein klassischer Freelancer mit wenigen Ein- und Ausgangsrechnungen könnte seine Buchhaltung heute bereits weitgehend automatisieren. Tankbelege, wiederkehrende Rechnungen oder einfache Geschäftsvorfälle lassen sich heute bereits automatisch verbuchen und auswerten. Je komplexer ein Unternehmen wird, desto wichtiger bleibt allerdings die menschliche Kontrolle. KI übernimmt die Routine – die Verantwortung bleibt beim Menschen.
LEADERSNET: Welche Rolle wird der Steuerberater im Jahr 2030 noch spielen?
Dr. Roger Gothmann: Die klassische Buchhaltung wird sich grundlegend verändern. Routinetätigkeiten lassen sich zunehmend automatisieren – und das deutlich effizienter als bisher. Was aber bleibt, ist Verantwortung. Unternehmer brauchen jemanden, der die Ergebnisse einordnet, Besonderheiten erkennt und am Ende auch die Haftung übernimmt. Genau darin wird künftig die wichtigste Aufgabe von Steuerberater liegen. Sie werden sich stärker zu Berater entwickeln als zu reinen Verarbeiter von Daten.
LEADERSNET: Wo überschätzen Unternehmen aktuell die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz – und wo unterschätzen sie sie?
Dr. Roger Gothmann: Überschätzt wird KI überall dort, wo Unternehmen glauben, sie könne bereits heute vollständig autonom arbeiten. Davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Ich habe selbst versucht, mit KI eine Urlaubsreise für unsere sechsköpfige Familie komplett organisieren zu lassen – das hat nicht funktioniert. Gleichzeitig wird KI bei vielen alltäglichen Aufgaben noch immer unterschätzt. Gerade wiederkehrende Prozesse lassen sich heute schon hervorragend automatisieren und standardisieren. Dort liegen enorme Produktivitätspotenziale.
LEADERSNET: Welche Entwicklung wird die Finanz- und Steuerbranche stärker verändern – Künstliche Intelligenz, Regulierung oder Datenverfügbarkeit?
Dr. Roger Gothmann: Ich glaube, am Ende wird alles zusammenwirken. KI ist der sichtbare Teil. Der eigentliche Rohstoff sind aber Daten. Früher stand die steuerliche Fachfrage im Mittelpunkt. Heute geht es immer häufiger darum, welche Daten überhaupt benötigt werden, wo sie liegen und wie sie intelligent zusammengeführt werden können. Genau darin wird künftig der entscheidende Wettbewerbsvorteil liegen.
LEADERSNET: Sie kennen sowohl die Perspektive des Staates als auch die der Wirtschaft. Warum tun sich Staat und Wirtschaft aus Ihrer Sicht bis heute so schwer miteinander?
Dr. Roger Gothmann: Beide Welten folgen unterschiedlichen Denkweisen. Unternehmer treffen täglich Entscheidungen unter Unsicherheit. Fehler gehören dazu. In der Verwaltung dagegen geht es vor allem darum, Fehler zu vermeiden und möglichst gerecht zu handeln. Daraus entstehen zwangsläufig unterschiedliche Perspektiven. Viele Unternehmer empfinden Regulierung als Belastung. Der Staat wiederum versucht, möglichst jeden Einzelfall gerecht abzubilden. Diese unterschiedlichen Kulturen prallen häufig aufeinander.
LEADERSNET: Hat Ihre Zeit als Finanzbeamter Ihren Blick auf Unternehmertum geprägt?
Dr. Roger Gothmann: Definitiv. Ich habe damals gelernt, wie wichtig Transparenz ist. Als Betriebsprüfer beginnt man immer damit, Fragen zu stellen. Und je transparenter Prozesse dokumentiert sind, desto leichter lassen sich diese Fragen beantworten. Dieses Prinzip prägt unser Unternehmen bis heute. Wir wollen jede Transaktion nachvollziehbar machen. Transparenz schafft Vertrauen – sowohl gegenüber Unternehmen als auch gegenüber Behörden.
LEADERSNET: Deutschland möchte digitaler werden. Warum gelingt die Umsetzung so oft nicht?
Dr. Roger Gothmann: Weil Digitalisierung Chefsache sein muss. Wer eine grundlegende Transformation erreichen möchte, kann sie nicht einfach delegieren. Außerdem arbeiten wir noch immer mit zu vielen voneinander getrennten Datensilos. Wenn Behörden ihre Daten besser miteinander vernetzen würden, ließen sich viele Prozesse deutlich einfacher und effizienter gestalten.
LEADERSNET: Ist Deutschland heute noch ein attraktiver Standort für Tech-Unternehmen?
Dr. Roger Gothmann: Für Gründer ist Deutschland deutlich besser, als viele glauben. Programme wie das EXIST-Stipendium oder das Umfeld vieler Universitäten bieten hervorragende Voraussetzungen für den Start. Schwieriger wird es, wenn Unternehmen wachsen wollen. Gerade beim Thema Risikokapital erleben wir in Deutschland oft eine deutlich größere Vorsicht als beispielsweise in den USA oder Großbritannien. Dort gehört Scheitern zum Unternehmertum dazu. Hierzulande wird häufig zuerst gefragt, wann sich ein Geschäftsmodell rechnet. Das bremst Innovationen.
LEADERSNET: Zum Schluss ein Gedankenexperiment: Wenn Sie morgen Finanzminister wären – welche Reform würden Sie als Erstes anstoßen?
Dr. Roger Gothmann: Ich würde als Erstes die Datensilos zwischen Behörden aufbrechen. Wir diskutieren seit Jahren darüber, wie sich Steuerbetrug besser bekämpfen lässt, und reagieren häufig mit immer neuen Gesetzen. Ich glaube, der größere Hebel liegt darin, vorhandene Daten intelligent miteinander zu verknüpfen. Wenn Bund, Länder und Behörden effizienter zusammenarbeiten würden, ließen sich Prozesse vereinfachen und gleichzeitig erhebliche Mehreinnahmen erzielen. Digitalisierung ist aus meiner Sicht der wirksamere Weg als immer neue Regulierung.
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