Fiskus greift nach digitalen Assets
Krypto-Steuer 2027: Bundesregierung plant das Ende der steuerfreien Haltefrist

| Redaktion 
| 05.07.2026

Die Bundesregierung bereitet im Haushaltsentwurf 2027 eine radikale Reform vor: Krypto-Gewinne aus Bitcoin und Co. sollen künftig wie Aktien der Abgeltungsteuer unterliegen – unabhängig von der Haltedauer. Was Anleger jetzt wissen müssen und wie Experten reagieren.

Die Regierung bereitet eine Reform der Besteuerung von Kryptowährungen vor. Wie aus einer Kabinettsvorlage für den Bundeshaushalt 2027 hervorgeht, die Business Insider vorliegt, sollen Gewinne aus dem Verkauf von Bitcoin, Ether und anderen Kryptowerten im Privatvermögen künftig den Einkünften aus Kapitalvermögen zugeordnet werden. Damit würde die bisherige steuerliche Sonderstellung digitaler Vermögenswerte in Deutschland weitgehend entfallen.

Das Ende der steuerfreien Einjahresfrist

Bislang profitieren private Anleger von einer äußerst attraktiven Regelung: Wer Kryptowährungen länger als zwölf Monate hält, kann Veräußerungsgewinne komplett steuerfrei vereinnahmen (§ 23 EStG). Diese Praxis, die erst 2023 vom Bundesfinanzhof (BFH) ausdrücklich bestätigt wurde, steht nun vor dem Aus.

Stattdessen plant das Bundesfinanzministerium unter Lars Klingbeil (SPD), Krypto-Assets analog zu Aktien oder Fonds zu behandeln. Gewinne würden damit einer pauschalen Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag (gesamt 26,375 Prozent) und gegebenenfalls Kirchensteuer unterliegen – und zwar völlig unabhängig davon, wie lange die Coins im Wallet lagen.

Die Milliarden-Wette und das Vorbild Österreich

In der politischen Debatte, die zuvor vor allem von den Grünen und der Linksfraktion befeuert wurde, wird mit massiven Steuereinnahmen kalkuliert. In früheren Papieren war von verpassten Einnahmen von bis zu zehn Milliarden Euro die Rede; die Grünen schätzten das Plus auf mindestens fünf Milliarden Euro.

Experten halten diese Zahlen jedoch für völlig utopisch und verweisen auf reale Erfahrungswerte aus dem Nachbarland. Der direkte Systemvergleich zeigt die Schwachstellen der Pläne:

  • Bisherige Regelung (Deutschland): Krypto-Gewinne fallen unter den persönlichen Steuersatz (bis zu 45 Prozent), sind jedoch nach einer Haltedauer von mindestens 12 Monaten komplett steuerfrei. Der fiskalische Ertrag ist entsprechend gering.
  • Geplante Reform 2027 (Deutschland): Einführung einer pauschalen Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent. Die Haltefrist fällt komplett weg – jeder Verkauf im Plus wird ab Tag eins steuerpflichtig. Die Politik erhofft sich davon bis zu fünf Milliarden Euro Mehreinnahmen.
  • Das Vergleichsmodell Österreich (seit 2022): Unser Nachbarland hat die Haltefrist bereits abgeschafft und besteuert Krypto-Gewinne pauschal mit 27,5 Prozent. Die Realität zeigt Ernüchterung: Im dortigen Krypto-Rekordjahr verbuchte der österreichische Fiskus lediglich magere 33,8 Millionen Euro an Steuereinnahmen.

Auf Deutschland hochgerechnet erwarten Fachleute durch den Systemwechsel daher allenfalls Einnahmen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich.

Ungeklärte Details: Bestandsschutz und Verlusttöpfe

Da es sich um eine Kabinettsvorlage und noch nicht um einen finalen Gesetzentwurf handelt, sind viele regulatorische Details offen. Für die schätzungsweise sieben Millionen Krypto-Nutzer in Deutschland drängen vor allem zwei Fragen:

  • Gibt es einen Bestandsschutz? Bei der Abschaffung der Haltefrist für Aktien im Jahr 2009 blieben Altbestände steuerfrei. Ob das Klingbeil-Ministerium Krypto-Investoren einen ähnlichen Schutz gewährt oder angesichts der historischen Kursgewinne von Bitcoin auch Altanleger zur Kasse bittet, ist noch unsicher. Steuerrechtler raten Langzeitanlegern bereits zu strategischen Verkäufen und sofortigen Rückkäufen (Sell & Buy Back), um Gewinne rechtzeitig steuerfrei festzuschreiben.
  • Wie läuft die Verlustverrechnung? Eigentlich müssten Krypto-Verluste künftig mit Aktiengewinnen verrechnet werden können. Experten vermuten jedoch, dass das Ministerium versuchen wird, dies durch getrennte Verrechnungstöpfe zu verhindern, um spekulatives Krypto-Trading nicht steuermindernd anzurechnen.

Das Ende des Standortvorteils Deutschland

Die angekündigte Reform dürfte die Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland verschärfen. Bislang galt die Bundesrepublik international als investorenfreundlicher Krypto-Hafen. Mit dem Wegfall der Haltefrist verliert das Land dieses Merkmal.

Gleichzeitig sorgt die seit Anfang 2026 greifende EU-Richtlinie DAC8 ohnehin für lückenlose Transparenz: Krypto-Börsen müssen Transaktionsdaten ab 2027 automatisch an die Finanzbehörden melden. Das deutsche Finanzamt weiß künftig also genau, wer welche Werte hält. Branchenbeobachter befürchten deshalb, dass die Elite der digitalen Wirtschaft Deutschland den Rücken kehren und in Länder wie Tschechien abwandern könnte, das gerade erst eine investorenfreundliche dreijährige Haltefrist eingeführt hat.

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV