Als wir die gläserne Beautyness Manufaktur von Dr. Grandel in Augsburg betreten, wirkt vieles eher wie ein modernes Designhotel als wie ein klassischer Kosmetikhersteller. Warme Lichtstimmungen treffen auf geschwungene Formen. Die Wände erinnern an Creme-Basen, die Lampen an Luftbläschen in einer Emulsion. Der Wunsch ihres Vaters sei es gewesen, erzählt Ariane Grandel später, ein Gebäude zu schaffen, das sich anfühlt, als würde man "in einen Kosmetiktiegel hineinschreiten".
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LEADERSNET: Frau Grandel, Hand aufs Herz: Was ist Ihre Beauty-Routine?
Ariane Grandel: Tatsächlich starte ich immer mit einem Feuchtigkeitsgel, danach kommt eine Ampulle, dann ein Konzentrat, Augenpflege, Abschlusspflege und Sonnenschutz. "Viel hilft viel" (lacht).
LEADERSNET: Ihr Großvater nutzte Weizenkleie und Weizenkeime als natürliche Basis für seine Gesundheits- und Kosmetikprodukte. Wenn er das Unternehmen heute sehen könnte: Glauben Sie, er würde seine ursprüngliche Idee noch darin wiedererkennen?
Ariane Grandel: Absolut. Sicher würde ihn manches überraschen – die Größe, die Internationalität oder moderne Themen wie KI und Social Media. Aber der Grundgedanke ist derselbe geblieben. Mein Großvater war immer von Wissenschaft, Gesundheit und Innovation getrieben. Diese Verbindung aus Schönheit und Gesundheit von innen und außen ist noch immer die DNA unseres Hauses.
LEADERSNET: Ihre Unternehmensgeschichte begann mit einer alten Mühle...
Ariane Grandel: Ja, mein Großvater hat die alte Pfladermühle damals als Geschenk von seiner Mutter bekommen und erst einmal gar nicht gewusst, was er damit anfangen soll. Er war Chemiker und Landwirt, aber kein Müller. Dann hat er angefangen, die Abfallprodukte, die beim Mehlmahlen anfallen, zu untersuchen – also Weizenkeime und Kleie.
Heute würde man wahrscheinlich "Upcycling" dazu sagen. Er hat festgestellt, wie reichhaltig und nahrhaft dieser "Abfall" ist und dann ein Verfahren entwickelt, um die wertvollen Nährstoffe und Vitamine zu erhalten und zeitgleich die Keime länger haltbar zu machen. Daraus sind später unsere ersten Kosmetikprodukte entstanden.
LEADERSNET: Heute sind Begriffe wie Upcycling, Prävention und Longevity in der Tat in aller Munde.
Ariane Grandel: Für uns ist das nichts Neues. Mein Großvater hat sich schon damals mit Ernährung, Prävention und Gesundheit beschäftigt – lange bevor diese Begriffe modern wurden. Damals hieß die Firma ja sogar noch Keimdiät GmbH.
LEADERSNET: Ein Visionär also?
Ariane Grandel: Mein Großvater war ein unglaublicher Tüftler. Wir haben heute noch handgeschriebene Bücher von ihm. Er hat Pflanzen gekreuzt, um neue Gattungen zu erschaffen, experimentiert und sich mit Dingen beschäftigt, die heute plötzlich wieder aktuell sind.
LEADERSNET: Man spürt bei Ihnen sehr diese Verbindung aus Wissenschaft, Familiengeschichte und Unternehmenskultur – auch hier im Werk 2, in dem wir uns befinden.
Ariane Grandel: Mein Vater wollte hier ein Gebäude schaffen, das sich anfühlt, als würde man in einen Kosmetiktiegel hineinschreiten. Deshalb gibt es überall kleine Details – die Wände, die Lampen, die Formen. Und dann gibt es unsere "Cisa" im Eingangsbereich.
Diese Statue steht dafür, dass wir respektvoll und auf Augenhöhe miteinander umgehen wollen – intern genauso wie mit Kunden oder Partnern. Unternehmenskultur zeigt sich oft in den kleinen Dingen. Wir sind manchmal auch ein bisschen zu leise mit dem, was hier alles dahintersteckt.
LEADERSNET: Sie sprechen davon, jeden Tag "Love Brands" kreieren zu wollen. Reicht Qualität heute allein überhaupt noch aus – oder muss eine Marke emotional aufgeladen sein?
Ariane Grandel: Qualität allein reicht heute nicht mehr. Nicht nur die Produktqualität ist ausschlaggebend, sondern auch die Marketingqualität. Bis man beim Kunden ankommt, braucht es viele Touchpoints. Wenn Kunden unsere Produkte einmal kennen, ist die Chance auf Wiederkauf relativ hoch. Natürlich investieren wir mittlerweile stärker in Sichtbarkeit, Kampagnen und Media. Aber eine Marke muss trotzdem authentisch bleiben. Menschen merken sehr schnell, ob wirklich Haltung dahintersteckt.
LEADERSNET: Sie führen Kunden und Partner regelmäßig persönlich durchs Unternehmen. Warum liegt Ihnen dieser direkte Einblick so am Herzen?
Ariane Grandel: Viele sehen hier zum ersten Mal, wie viel Detail, Liebe und Expertise hinter den Produkten steckt. Deshalb machen wir unsere Beauty-Walks. Kunden wollen heute verstehen, wie Dinge entstehen und wer dahintersteht.
LEADERSNET: Ihr Vater hat immer großen Wert darauf gelegt, in der Region zu bleiben. Wie wichtig ist diese Verwurzelung für Sie heute noch?
Ariane Grandel: Sehr wichtig. Heute produzieren viele Unternehmen nicht mehr selbst oder gehen ins Ausland. Wir entwickeln und produzieren immer noch hier in Augsburg und darauf sind wir stolz. Mein Vater hat immer gesagt: Nicht nur "Made in Germany", sondern ganz bewusst "Made in Augsburg". Diese Verwurzelung spürt man auch im Unternehmen. Viele Mitarbeitende sind sehr lange da und wir haben hier eine große Verbindung zur Region.

Ariane Grandel und ihr Cousin Dr. Gabriel Duttler führen das Unternehmen gemeinsam an (Bild: Dr. Grandel)
LEADERSNET: Wie sehr haben Social Media und digitale Kanäle die Beauty-Branche verändert?
Ariane Grandel: Früher hat eher ein gutes Produkt gereicht. Heute braucht es viel mehr. Man bekommt direkt Feedback und die Kunden schauen genauer hin. Gleichzeitig finde ich aber auch schön, dass Marken dadurch persönlicher werden können.
LEADERSNET: Welche Märkte sind für Sie aktuell besonders spannend?
Ariane Grandel: In Asien werden Themen wie Prävention, Gesundheit und Beauty oft schon viel länger zusammengedacht als bei uns. Korea ist extrem spannend. China ist für uns ein Riesenmarkt, die USA sind es auch. Und dann gibt es überraschende Märkte. In Slowenien kennt zum Beispiel jeder die Nahrungsergänzung von Dr. Grandel. Wir liefern in über 50 Länder dieser Erde und am Ende funktioniert jeder Markt anders.
LEADERSNET: Nachhaltigkeit gehört heute fast selbstverständlich dazu. Gleichzeitig stehen Unternehmen wirtschaftlich massiv unter Druck. Wie schwierig ist dieser Spagat?
Ariane Grandel: Wir wollen noch nachhaltiger werden und verbessern uns an vielen Stellen. Aber man muss auch ehrlich sagen: Nachhaltigkeit kostet Geld. Rezyklate sind teuer, FSC-zertifizierte Verpackungen ebenfalls und nicht jede Lösung funktioniert sofort perfekt.
Wir produzieren seit Anfang der 1990er-Jahre unseren eigenen Strom in der Pfladermühle durch ein eigenes Wasserkraftwerk, haben unter anderem Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach, Verpackungen umgestellt und beschäftigen uns mit Refill-Systemen. Aber am Ende muss es trotzdem wirtschaftlich bleiben.
LEADERSNET: Die Arbeitswelt verändert sich gerade massiv – durch KI, neue Arbeitsmodelle und andere Erwartungen jüngerer Generationen. Wie erleben Sie das?
Ariane Grandel: KI ist ein großes Thema. Das reicht bei uns von kleinen Umstellungen bis hin zur Strategie. Mein Cousin beschäftigt sich damit sehr intensiv. Aber man muss KI auch fair einsetzen.
Ich kann zum Beispiel nicht von heute auf morgen Agenturen das Budget streichen, nur weil ich plötzlich die Bildbearbeitung in Social Media selbst übernehmen kann. Auch wir müssen wirtschaftlich denken und sparen, wo es sinnvoll ist. Aber Feingefühl gehört für mich trotzdem dazu.
LEADERSNET: Ist das für Sie ein Werte-Thema?
Ariane Grandel: Auf jeden Fall. Ich finde, wie man mit Menschen umgeht, sagt viel über ein Unternehmen aus. Ein Beispiel: Wenn wir Agenturen pitchen lassen, dann bezahlen wir das auch – selbst wenn wir sie am Ende nicht nehmen. Das scheint nicht überall selbstverständlich zu sein. Wirtschaftlichkeit ist bei uns an oberster Stelle, aber man sollte Entscheidungen mit Augenmaß treffen.
LEADERSNET: Auch die Erwartungen vieler Mitarbeitender haben sich verändert.
Ariane Grandel: Wir haben seit langem Mitarbeiterumfragen eingeführt und regelmäßige Meet & Talks (im Sinne von Betriebsversammlungen / Townhall Meetings) gestartet. Das war ein sehr kluger Weg, um die Kollegen im Wandel mitzunehmen.
Man muss aber auch aushalten können, was dabei zurückkommt. Nicht alles lässt sich umsetzen – manche Dinge gehen finanziell oder strukturell nicht. Aber die Mitarbeitenden wollen ernst genommen werden und das verstehe ich.
LEADERSNET: Was bedeutet moderne Führung für Sie persönlich?
Ariane Grandel: Respekt ist für mich wesentlich. Ich mag niemanden im Haus haben, der andere von oben herab behandelt – vom Azubi bis zum Geschäftsführer soll ein Miteinander auf Augenhöhe stattfinden. Und ich glaube, die Leader, die sich Top-Leute einstellen, ohne Angst zu haben, dass "an ihrem Stuhl gesägt wird", machen am Ende den besseren Job, weil sie starke Teams haben.
LEADERSNET: Viele Unternehmen diskutieren aktuell über Homeoffice, Generation Z und neue Arbeitsmodelle. Wie sehen Sie das?
Ariane Grandel: Vertrauen spielt eine zentrale Rolle. Ich glaube, Führung über Kontrolle funktioniert heute immer schlechter. Oft haben gerade Unternehmen mit einem großen Kontrollbedürfnis auch die höchste Fluktuation. Am Ende zählt doch, ob die Arbeit gut gemacht ist. Als mein Cousin und ich in die Geschäftsführung eingestiegen sind, haben wir versucht, so weit wie möglich alle mitzunehmen bei den Themen mobiles Arbeiten und modernen Arbeitszeitmodellen.
LEADERSNET: Sie sprechen es an: Ihr Vater ist plötzlich verstorben – und plötzlich lag sehr viel Verantwortung bei Ihnen und Ihrem Cousin. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Ariane Grandel: Wir haben funktioniert – und wir haben gemerkt, wie entscheidend gute Mitarbeiter und ein starkes Team sind. Es war geplant, dass die Familien-Nachfolge Schritt für Schritt vonstattengeht, aber dann kam alles sehr viel früher.
LEADERSNET: Was wünschen Sie sich für die Marke in den kommenden Jahren?
Ariane Grandel: Im Schnitt sind unsere Kundinnen eher 45 plus; auf sie legen wir weiterhin großen Wert. Aber ich wünsche mir auch jüngere Kundinnen, was nicht leicht ist. Momentan ist der Markt extrem preissensibel. Die günstigen Produkte funktionieren und die ganz teuren Luxusprodukte auch – aber gerade die Mitte, in der wir uns bewegen, hat es zurzeit schwer. Ich glaube, dass sich die Zeiten auch wieder beruhigen werden; das war immer so. Und Gesundheit, Prävention und Wellbeing werden eher noch wichtiger werden.
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