Sunehara
"Beinhaar-Belästigung" im Büro? Tokios Sommer-Dresscode sorgt für Diskussionen

| Natalie Oberhollenzer 
| 22.07.2026

Eigentlich soll die Maßnahme das Arbeiten während der immer extremeren Hitzewellen erleichtern. Doch seit die Stadt Tokio Männern empfiehlt, im Büro Shorts zu tragen, wird nicht nur über den Dresscode diskutiert. Im Netz hat ein kurioses Phänomen bereits einen eigenen Namen: "Sunehara" – zu Deutsch etwa "Beinhaar-Belästigung"

Wenn die Temperaturen auf 40 Grad zusteuern, geraten selbst jahrzehntelang gepflegte Kleiderregeln ins Wanken. Genau deshalb hat die Stadtverwaltung von Tokio ihre Sommerinitiative "Tokyo Cool Biz" ausgeweitet: Statt Anzug, Krawatte und langer Hose sollen Beschäftigte in den heißen Monaten verstärkt zu luftiger Kleidung greifen. Erlaubt – und ausdrücklich erwünscht – sind nun auch Shorts.

Was als pragmatische Antwort auf die zunehmenden Hitzewellen gedacht war, entwickelt sich allerdings zu einem gesellschaftlichen Diskussionsthema. Denn während viele Arbeitnehmer die neue Freiheit begrüßen, fühlen sich andere von den unbekleideten Männerbeinen ihrer Kollegen regelrecht gestört.

Ein neues Wort für ein neues Phänomen

Im Internet machte deshalb binnen kurzer Zeit der Begriff "Sunehara" die Runde – eine Wortschöpfung aus dem japanischen Begriff für Schienbein und dem Wort "Harassment". Gemeint ist das Unbehagen einiger Frauen, die den Anblick behaarter Männerbeine im Büro als unangenehm empfinden.

Die Debatte wirft zugleich Fragen nach unterschiedlichen Erwartungen an Männer und Frauen auf. Zwar existiert keine offizielle Kleiderordnung, in vielen traditionellen japanischen Unternehmen gilt jedoch nach wie vor die unausgesprochene Regel, dass Frauen beim Tragen von Röcken oder Kleidern Strumpfhosen anziehen sollten. Kritikerinnen sehen deshalb einen Widerspruch: Männer dürfen plötzlich mehr Haut zeigen, während für Frauen weiterhin strengere gesellschaftliche Erwartungen gelten.

"Wir möchten den Menschen angesichts der extremen Hitze mehr Möglichkeiten bieten und ihnen keine Kleidung vorschreiben. Solange die Kleidung niemanden beleidigt, sollte jeder das tragen können, worin er sich wohlfühlt", erklärt Noboru Watanabe von der Umweltbehörde der Stadt Tokio gegenüber der BBC.

Die Hitze verändert auch die Etikette

Wie kontrovers das Thema gesehen wird, zeigt eine aktuelle Umfrage der Gorilla Clinic: 53,5 Prozent der Befragten lehnen Shorts im Büro ab, 46,5 Prozent sprechen sich dafür aus. Als häufigste Einwände nannten Männer und Frauen gleichermaßen Körperbehaarung und Figur. Auffällig ist allerdings, dass sich deutlich mehr Frauen an der Erhebung beteiligten und viele von ihnen Vorbehalte gegenüber nackten Männerbeinen äußerten.

Die Diskussion bleibt nicht ohne Folgen. Nach Angaben von Akifumi Funatsu, Direktor der Gorilla Clinic, entscheiden sich immer mehr Männer für eine Laser-Haarentfernung an den Beinen – nicht aus rein ästhetischen Gründen, sondern weil sie den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen möchten. Wer Shorts trägt, wolle schließlich nicht negativ auffallen oder Kolleg irritieren.

Eine Kampagne mit langer Geschichte

Dabei verfolgt Cool Biz ursprünglich ein ganz anderes Ziel. Bereits 2005 rief Tokios heutige Gouverneurin Yuriko Koike als damalige Umweltministerin die Kampagne ins Leben. Damals wurden Beschäftigte dazu aufgefordert, auf Krawatte und Sakko zu verzichten, damit Büros weniger stark klimatisiert werden müssen. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima wurde das Konzept unter dem Namen „Super Cool Biz“ nochmals ausgeweitet, um zusätzlich Energie zu sparen.

Heute steht die Initiative vor allem im Zeichen des Klimawandels. Japan erlebt seit Wochen außergewöhnliche Hitze, die Wetterbehörde warnt regelmäßig vor sogenannten "Kokusho-bi" – brutal heißen Tagen, an denen die Temperaturen die 40-Grad-Marke überschreiten. Allein innerhalb einer Woche mussten mehr als 4.500 Menschen wegen eines Hitzschlags im Krankenhaus behandelt werden, sieben Personen starben an den Folgen der extremen Temperaturen.

Dass ausgerechnet eine Maßnahme zur Anpassung an die Hitze nun eine Debatte über Beinhaare auslöst, zeigt, wie eng Klimawandel, gesellschaftliche Konventionen und Schönheitsideale inzwischen miteinander verwoben sind. Was als Empfehlung für mehr Komfort im Büro begann, entwickelt sich in Japan gerade zu einer Diskussion darüber, was im Berufsalltag als angemessen – oder eben als störend – empfunden wird.

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