LEADERSNET: Wir kommen beide gerade aus der Mittagspause. Haben Sie die für einen Lunch Run genutzt?
Arnaud Sauret: Nein, heute Morgen war ich schon sportlich aktiv. Das ist mir lieber, denn im Laufe des Tages wird mein Kalender meist ziemlich voll. Da bleibt nicht viel Zeit.
LEADERSNET: Während zahlreiche Händler ihre Flächen reduzieren, investiert Decathlon massiv in neue Stores und bestehende Standorte. Warum glauben Sie gerade jetzt an Wachstum im stationären Handel?
Arnaud Sauret: Weil wir überzeugt sind, dass unsere Kundinnen und Kunden beides brauchen. Wir glauben nicht an ein Entweder-oder. Digital ist für uns ein wichtiger Teil des Geschäfts. Seine ganze Stärke entfaltet es aber erst im Zusammenspiel mit unseren Stores. Viele informieren sich zunächst online, vergleichen Produkte oder lesen Bewertungen.
Gerade bei technischen Produkten wie Fahrrädern kommt irgendwann der Moment, an dem sie das Produkt erleben, ausprobieren und sich beraten lassen möchten. Genau deshalb gehören für uns Online und stationärer Handel untrennbar zusammen.
LEADERSNET: Ein Großteil der Handelsunternehmen argumentiert genau umgekehrt und reduziert seine Flächen. Was sehen Sie, das andere möglicherweise übersehen?
Arnaud Sauret: Wir glauben fest an die Zukunft von Decathlon in Deutschland. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Wir wachsen Schritt für Schritt – oder wir investieren konsequent. Wir haben uns bewusst für den zweiten Weg entschieden. Natürlich ist Deutschland der größte Sportmarkt Europas. Aber das allein ist nicht der Grund. Wir haben hier erst rund fünf Prozent Marktanteil. Vor allem sind wir überzeugt, dass Decathlon die Bedürfnisse der Deutschen bedient.
LEADERSNET: Viele Menschen müssen Ihre Bedürfnisse derzeit aufgrund der wirtschaftlichen Lage hinten anstellen und achten derzeit sehr genau darauf, wofür sie ihr Geld ausgeben…
Arnaud Sauret: Die wirtschaftliche Situation sehen wir natürlich auch. Für uns steht jedoch fest: Sport darf in Krisenzeiten kein Luxusgut werden. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Bewegung für Menschen erschwinglich bleibt. Genau darin sehen wir unsere Verantwortung. Wir wollen Produkte mit einem starken Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten und möglichst vielen den Zugang ermöglichen. Bewegung gehört hierzulande zum Alltag. Deshalb glauben wir, dass unser Modell gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten funktioniert.
LEADERSNET: Sie sprechen vom Store als Erlebnisort und nicht mehr nur als Verkaufsfläche. Was meinen Sie damit?
Arnaud Sauret: Ein Store ist viel mehr als ein Ort zum Einkaufen. Familien kommen zu uns, Kinder probieren Produkte aus, Kundinnen und Kunden entdecken Neues oder lassen ihr Fahrrad reparieren. Vor Kurzem war ich in unserem Store in Saarlouis. Ein Kunde sagte dort zu unserem Filialleiter: Hier habe ich als Kind Fahrradfahren gelernt.
Das hat mich sehr berührt. Denn wahrscheinlich wird dieser Kunde irgendwann auch mit seinen eigenen Kindern wieder zu uns kommen. Genau darum geht es: Ein Store verkauft nicht nur Produkte, sondern schafft Erinnerungen und baut Beziehungen über Generationen auf.
LEADERSNET: Welche Bereiche entwickeln sich derzeit besonders dynamisch?
Arnaud Sauret: Running, Mobility und der Fahrradbereich wachsen besonders stark. Das sind keine kurzfristigen Trends. Die Menschen möchten sich bewegen, gesünder leben und nachhaltiger unterwegs sein.
LEADERSNET: Branchen-Beobachter sind davon ausgegangen, dass der Fahrradmarkt nach dem Boom während der Corona-Pandemie inzwischen gesättigt ist. Warum sehen Sie das anders?
Arnaud Sauret: Diese Frage haben wir uns natürlich auch gestellt. Aber die Bedeutung des Fahrrads hat sich verändert. Es geht längst nicht mehr nur um Freizeit oder Sport. Das Fahrrad gehört zum Alltag. Ich fahre selbst häufig mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wir haben zu Hause nur ein Auto. Für Familien übernehmen Fahrräder heute einen wichtigen Teil ihrer Mobilität.
LEADERSNET: Sie sind Franzose, leben in Deutschland. Sie kennen beide Länder also nicht nur beruflich, sondern auch privat. Wo unterscheiden sich die beiden Länder aus Ihrer Sicht am stärksten?
Arnaud Sauret: Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich kenne Frankreich, ich kenne Deutschland – und natürlich kenne ich auch Decathlon sehr gut. Der größte Unterschied zeigt sich vielleicht am Fahrrad. In Frankreich war es lange stärker ein Freizeitprodukt. In Deutschland ist es für viele Menschen ein Verkehrsmittel. Das verändert auch die Erwartungen an unsere Produkte. Deutsche Kundinnen und Kunden achten sehr stark auf Funktionalität, Sicherheit und Alltagstauglichkeit.
LEADERSNET: Hat dieser deutsche Blick auf Funktionalität Decathlon verändert?
Arnaud Sauret: Ja, absolut. Vor 30 Jahren wurden Produkte vor allem für Frankreich oder Südeuropa entwickelt. Heute ist Deutschland in vielen Bereichen ein Innovationsmotor. Gerade beim Fahrrad sieht man das sehr gut. Wie eben schon erwähnt, ist das Fahrrad hier vor allem ein Verkehrsmittel und nicht nur ein Freizeitprodukt. In Frankreich war das Fahrrad lange vor allem ein Freizeitprodukt.
In Deutschland ist es ein Verkehrsmittel. Deshalb erwarten Kundinnen und Kunden hier Dinge wie eine Lichtanlage, Schutzbleche, Gepäckträger oder einen Ständer. Diese Anforderungen haben unsere Produktentwicklung verändert. Heute spielt Deutschland gerade in der Fahrradentwicklung eine zentrale Rolle. Unsere Fahrräder und Cargo-Bikes entstehen gemeinsam mit unseren deutschen Teams. Kaum ein Fahrrad kommt noch auf den Markt, ohne dass Deutschland grünes Licht gegeben hat.
LEADERSNET: Wenn der deutsche Markt für Decathlon so wichtig geworden ist: Wonach entscheiden Sie heute, ob Sie in einer Stadt investieren?
Arnaud Sauret: Uns geht es nicht nur um die Fläche. Wir suchen Städte, die Bewegung als Teil ihrer Entwicklung verstehen. Früher wurden wir manchmal als großes französisches Unternehmen wahrgenommen, das den Wettbewerb verändert. Heute erleben wir häufig, dass Bürgermeister oder Wirtschaftsförderungen sagen: Decathlon bringt Menschen in die Innenstadt, schafft Arbeitsplätze und macht Bewegung zugänglicher.
Deutschland ist für den stationären Handel ein anspruchsvoller Markt. Quadratmeterkosten, Energiekosten und Personalkosten sind hoch. Deshalb braucht es Mut, hier zu investieren. Aber wenn eine Stadt diesen Weg mitgeht, entsteht daraus ein starkes gemeinsames Projekt.

Arnaud Sauret mit Stefan Genth und Dr. Alexander von Preen vom Handelsverband Deutschland (HDE), dem Decathlon zu Jahresbeginn beigetreten ist (Bild: Decathlon)
LEADERSNET: Bis 2030 sollen alle Stores modernisiert werden. Warum war dieser Umbau notwendig?
Arnaud Sauret: Wir haben in den vergangenen Jahren sehr stark in digitale Lösungen investiert. Das war notwendig und richtig. Stationär haben wir dagegen zu wenig investiert. Jetzt bringen wir beides wieder ins Gleichgewicht. Unsere Stores sollen moderner werden. Kundinnen und Kunden sollen Produkte erleben und testen können. Gleichzeitig schaffen wir bessere Arbeitsbedingungen für unsere Teams.
LEADERSNET: Sie selbst haben Ihre Karriere als Verkäufer bei Decathlon begonnen und führen heute das Deutschlandgeschäft. Wie hat dieser Weg Ihr Verständnis von Führung geprägt?
Arnaud Sauret: Die Zeit auf der Verkaufsfläche prägt einen für immer. Dort lernt man, worauf es wirklich ankommt: auf die Kundinnen und Kunden und auf die Menschen im Team. Ich bin überzeugt, dass die besten Entscheidungen dort getroffen werden, wo der direkte Kontakt zur Kundin oder zum Kunden stattfindet.
Deshalb vertraue ich unseren Filialleiterinnen und Filialleitern sehr. Sie kennen ihre Standorte besser als ich. Meine Mitarbeitenden sind in ihren Fachgebieten besser als ich. Meine Aufgabe als CEO ist nicht, überall der Beste zu sein. Meine Aufgabe ist es, die richtigen Mitarbeitenden zusammenzubringen, ihnen Gestaltungsspielraum zu geben und gute Entscheidungen zu ermöglichen.
LEADERSNET: Worauf achten Sie bei Führungskräften?
Arnaud Sauret: Auf Werte. Natürlich brauchen wir Kompetenz. Aber noch wichtiger sind Authentizität, Mut und Verantwortungsbewusstsein. Wir suchen keine perfekten Lebensläufe. Wir suchen Kolleginnen und Kollegen mit Potenzial. Viele wachsen erst durch Verantwortung.
LEADERSNET: Sie arbeiten täglich mit jungen Mitarbeitenden zusammen. Wie erleben Sie die Generation, die heute bei Decathlon einsteigt?
Arnaud Sauret: Ich sehe junge Kolleginnen und Kollegen, die mich an mich selbst erinnern. Auch ich habe vor rund 30 Jahren bei Decathlon angefangen und wollte Verantwortung übernehmen. Deshalb kann ich die pauschale Kritik an der jungen Generation nicht nachvollziehen. Ich erlebe motivierte Mitarbeitende, die etwas bewegen wollen. Sie haben andere Erwartungen als früher – sie wünschen sich Sinn, Entwicklungsmöglichkeiten, Flexibilität und Verantwortung. Aber sie wollen genauso Leistung bringen.
LEADERSNET: Wie schaffen Sie es, dass junge Menschen diese Verantwortung auch annehmen?
Arnaud Sauret: Wir schenken Ihnen früh Vertrauen und übertragen Ihnen auch Führungspositionen. Und noch etwas ist uns wichtig: Bei Decathlon arbeitet man nicht nur für das Unternehmen. Sie sind teilweise auch Anteilseigner. Weltweit gehören rund 15 Prozent des Unternehmens den Mitarbeitenden. Allein in Deutschland haben inzwischen mehr als 2.000 Kolleginnen und Kollegen Anteile an Decathlon. Das verändert die Beziehung zum Unternehmen. Man arbeitet nicht nur für Decathlon, sondern ist Teil des Projekts.
LEADERSNET: Wo musste Decathlon in den vergangenen Jahren selbst am meisten dazulernen?
Arnaud Sauret: Ein großer Teil unserer Kundschaft sind Frauen – häufig Mütter. Deshalb reicht es nicht aus, Produkte einfach für Frauen anzubieten. Wir müssen sie gemeinsam mit Frauen entwickeln. Ein gutes Beispiel ist Fußball. Der Fuß einer Frau ist anders. Deshalb braucht es auch andere Fußballschuhe. Solche Produkte kann man nicht entwickeln, ohne Frauen von Anfang an einzubeziehen. In einigen Sportarten sind wir schon sehr weit. In anderen haben wir noch Nachholbedarf.
LEADERSNET: Ein weiteres Thema, das Sie stark vorantreiben, ist die Kreislaufwirtschaft. Mit Reparaturen, Buy-back und Second Life entwickelt sich Decathlon zunehmend vom klassischen Händler zum Dienstleister. Warum ist dieser Bereich für Sie so wichtig?
Arnaud Sauret: Nachhaltigkeit bedeutet für uns vor allem, Produkte möglichst lange im Einsatz zu halten. Deshalb investieren wir stark in Reparaturen, Ersatzteile und den Wiederverkauf gebrauchter Produkte. Davon profitieren alle Seiten: Unsere Kundinnen und Kunden sparen Geld, Ressourcen werden geschont und wir bauen langfristige Beziehungen auf. Kreislaufwirtschaft ist deshalb nicht nur ein ökologisches Thema, sondern auch Teil unseres Geschäftsmodells.
LEADERSNET: Welche Sportart wird den deutschen Markt in den kommenden Jahren am stärksten verändern?
Arnaud Sauret: Für mich ist das ganz klar Padel. Deutschland ist bei vielen Sportarten einer der größten Märkte Europas. Bei Padel stehen wir dagegen noch am Anfang. Der wichtigste Grund ist die Infrastruktur. Es gibt noch zu wenige Plätze und Möglichkeiten, den Sport überhaupt auszuprobieren.
Das unterscheidet Deutschland von Ländern wie Spanien oder Frankreich. Wenn diese Infrastruktur wächst, wird auch der Sport wachsen. Das sehen wir in anderen europäischen Ländern bereits sehr deutlich. Deshalb bin ich überzeugt, dass Padel in den kommenden Jahren eine deutlich größere Rolle spielen wird.
LEADERSNET: 2026 feiert Decathlon weltweit sein 50-jähriges Bestehen. Welche Vision haben Sie für die kommenden Jahre?
Arnaud Sauret: Meine Ambition ist eine menschliche Ambition. Ich möchte mehr Arbeitsplätze schaffen, mehr junge Menschen ausbilden, mehr dual Studierende integrieren und mehr Mitarbeitende zu Anteilseignern machen. Wir wachsen stark, obwohl die wirtschaftliche Lage kompliziert ist. Gerade deshalb haben wir eine Aufgabe: Bewegung für alle zugänglich zu machen, die Gesellschaft zu inspirieren und ihr etwas zurückzugeben.
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