Mit der Veröffentlichung beginnt jedes Jahr dasselbe Schauspiel: Jugendliche diskutieren darüber, welcher Begriff gewinnen soll. Erwachsene versuchen zunächst herauszufinden, worüber überhaupt diskutiert wird.
Auch 2026 liefert Langenscheidt wieder zuverlässig Material für dieses Ritual. Die Top 10 reichen von viralen TikTok-Insidern über Begriffe aus der Gaming-Szene bis zu "Digga" – einem alten Bekannten, der offenbar beschlossen hat, die deutsche Jugendsprache niemals wieder zu verlassen.
Warum "Mehrzweckeier" nicht zur Wahl steht
Fast noch mehr Aufmerksamkeit als die zehn nominierten Begriffe erhielt in diesem Jahr ein Wort, das am Ende gar nicht auf der Liste landete.
"Mehrzweckeier“ ist kein zufälliger Nonsens-Begriff, sondern politische Satire. Der Ausdruck geht auf ein Plakat bei einer Demonstration gegen die Wehrpflicht in Berlin zurück. Darauf stand der gegen Friedrich Merz gerichtete Spruch "Merz leck Eier“. Die Polizei beschlagnahmte das Schild und leitete nach eigenen Angaben Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der üblen Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens ein. Wie das Verfahren weiterging, ist nicht bekannt.
Der Satz verbreitete sich anschließend in den sozialen Netzwerken und wurde zum Meme. Aus der ursprünglichen Form entstand schließlich die entschärfte Wortschöpfung "Mehrzweckeier“.
Schon Monate vor der offiziellen Auswahl riefen Nutzer auf Reddit dazu auf, den Begriff gezielt für das Jugendwort des Jahres 2026 einzureichen. Kurz nach Beginn der Einreichungsphase gewann die Kampagne deutlich an Dynamik. Zahlreiche Medien griffen den Hype auf, zeitweise schien ein Platz unter den Top 10 beinahe sicher.
Langenscheidt entschied dennoch, den Begriff auszuschließen. Nach Angaben des Verlags verstößt er gleich gegen zwei zentrale Kriterien: Er wurde im Rahmen einer koordinierten Kampagne eingereicht und geht zugleich auf eine persönliche Beleidigung zurück.
Die Verantwortlichen erklärten, man habe die hohe Zahl der Einsendungen lange und intensiv diskutiert. Im Sinne eines transparenten und fairen Verfahrens sei ein Ausschluss jedoch notwendig gewesen.
Die Entscheidung ist nachvollziehbar. Schließlich soll die Wahl abbilden, welche Begriffe den tatsächlichen Sprachgebrauch junger Menschen prägen – und nicht, welche Online-Community ihre Anhänger am erfolgreichsten mobilisieren kann.
Von "67" bis "Süper": Das sind die Top 10
Zu den ungewöhnlichsten Kandidaten zählt 67. Eine feste Bedeutung besitzt die Zahl nicht. Genau darin liegt offenbar ihr Reiz. Der Insider verbreitete sich über TikTok, Basketball-Memes und den Song "Doot Doot (6 7)" des US-Rappers Skirlla. Wer es versteht, versteht es. Alle anderen dürfen weiterhin freundlich nicken.
Crashout beschreibt den Moment, in dem jemand komplett die Fassung verliert. Das kann ernst gemeint sein oder ironisch verwendet werden, wenn bereits ein leerer Smartphone-Akku für den emotionalen Totalausfall sorgt.
Mit Digga steht auch ein absoluter Klassiker zur Wahl. Der Begriff kann "Bro", "Bruder" oder "Kumpel" bedeuten, dient aber ebenso als Ausruf und passt zuverlässig an den Anfang, in die Mitte oder ans Ende nahezu jedes Satzes.
"Du bist gut genug" stammt aus einem Song des Produzentenduos KitschKrieg mit Shirin David und der Band Blumengarten. Durch Memes, Remixe und Parodien verbreitete sich der Satz über TikTok und andere Plattformen. Besonders in den USA entwickelte sich der Titel als missverstandenes "Doobie Scoot Canoe" zu einem weltweiten Viral-Hit.
Gute Käse ist ein humorvoller Ausdruck für "richtig gut", "stabil" oder "feier ich". Warum ausgerechnet Käse? Darauf gibt es keine offizielle Antwort. Vermutlich ist genau das der Punkt. Jugendsprache folgt selten der Logik – und gerade deshalb funktioniert sie.
Auch Macker erlebt ein Comeback. Das Wort kann je nach Situation den Freund, einen Schwarm, einen Kumpel oder schlicht irgendeinen Typen bezeichnen. Neu ist der Begriff zwar nicht, derzeit wird er aber wieder häufiger ironisch oder liebevoll verwendet.
Wenn etwas Peak ist, handelt es sich um das Beste vom Besten. Gemeint sind maximale Qualität, der absolute Höhepunkt oder schlicht eine glatte Zehn von zehn.
Ragebait steht für Inhalte, die bewusst provozieren, um möglichst viele Kommentare, Shares und damit Reichweite einzusammeln – ein Begriff, den vermutlich auch Menschen kennen, die noch nie TikTok geöffnet haben.
Schere wiederum bedeutet so viel wie: "Sorry, mein Fehler." Der Ausdruck stammt aus der Gaming-Szene und signalisiert, dass jemand einen Fehler gemacht hat und immerhin dazu steht.
Das türkische Wort Süper bedeutet schlicht "super". Bekannt wurde es durch ein virales Video eines Ultramarathonläufers, der nach seinem Lauf auf die Frage nach seinem Befinden lediglich mit "Süper" antwortete.
TikTok ist längst das Sprachlabor der Generation Z
Die Auswahl zeigt erneut, wie stark soziale Netzwerke den Sprachgebrauch junger Menschen beeinflussen. Neue Begriffe entstehen nicht mehr ausschließlich auf dem Schulhof. Sie entwickeln sich in Videos, Livestreams, Kommentarspalten, Songs und Gaming-Communitys.
Früher brauchten neue Wörter mitunter Jahre, um sich zu verbreiten. Heute genügt manchmal ein einziges Wochenende.
Ein Video geht viral, ein Satz wird zum Meme und kurz darauf taucht derselbe Ausdruck in Chats, Klassenzimmern und Gesprächen auf. TikTok, YouTube und Instagram sind damit längst mehr als Unterhaltungsplattformen. Sie funktionieren auch als Beschleuniger für Sprache.
Für Unternehmen und Kommunikationsverantwortliche ist das durchaus relevant. Jugendsprache zeigt häufig früh, welche Themen, Plattformen und kulturellen Codes eine junge Zielgruppe beschäftigen. Wer diese Menschen erreichen möchte, sollte die Begriffe nicht zwanghaft in die eigene Unternehmenskommunikation einbauen. Verstehen sollte man sie trotzdem.
Denn nichts altert schneller als eine Marke, die versucht, besonders jugendlich zu wirken und dabei ungefähr drei Trends zu spät kommt.
Ab sofort können Jugendliche auf jugendwort.de für ihre Favoriten abstimmen. Die drei Finalisten werden am 28. August bekannt gegeben. Danach beginnt die letzte Voting-Runde.
Welcher Begriff schließlich zum Jugendwort des Jahres 2026 gekürt wird, gibt Langenscheidt am 10. Oktober während der Frankfurter Buchmesse bekannt.
Bis dahin bleibt genug Zeit, die zehn Kandidaten zu verstehen. Oder zumindest so überzeugend zu nicken, als wäre das längst der Fall.
Kommentar veröffentlichen