Der Geschäftsführer von Noble Elements im Interview
Andreas Kroll: "Kritische Metalle sind heute nicht mehr nur Handelsgüter, sondern strategische Waffen"

Sie stecken in Smartphones, Windrädern, Elektroautos und KI-Chips, doch ihre Verfügbarkeit wird zunehmend zur geopolitischen Machtfrage: Seltene Erden. Andreas Kroll, Geschäftsführer von Noble Elements, spricht im Interview mit LEADERSNET über Europas gefährliche Rohstoffabhängigkeit, den langen Weg zu resilienten Lieferketten und warum die entscheidende Frage künftig nicht mehr lautet, was ein Rohstoff kostet, sondern "ob ich ihn überhaupt bekomme“. Dabei zeigt er auf, welche Strategien Unternehmen schon heute verfolgen sollten, um für die Industrie von morgen gerüstet zu sein.

LEADERSNET: Seltene Erden sind das "Öl des 21. Jahrhunderts" – unersetzlich für Smartphones, E-Autos und Windturbinen. China kontrolliert aktuell über 60 % der globalen Förderung und fast 90 % der Verarbeitung. Wie positioniert sich Noble Elements in diesem oligopolistischen Markt – und welche Strategien verfolgen Sie, um Abhängigkeiten zu reduzieren?

Andreas Kroll: Unser Ansatz bei Noble Elements besteht ausdrücklich nicht darin, gegen China zu arbeiten, sondern Alternativen aufzubauen. China hat über Jahrzehnte konsequent investiert und sich dadurch eine marktbeherrschende Stellung aufgebaut. Das verdient Respekt. Auch wir können die Realität westlicher Rohstoffabhängigkeit leider nicht kurzfristig verändern. Wichtig ist aber die Art und Weise, wie Europa mit der Situation umgeht.

Kurz gesagt: Die EU und damit auch Deutschland braucht einen Plan! Wir von der Noble Group diversifizieren unsere Lieferketten, arbeiten mit Partnern außerhalb Chinas zusammen, sichern physische Bestände und schaffen Transparenz über die Herkunft unserer kritischen Rohstoffe. Gleichzeitig unterstützen wir Unternehmen und Investor:innen dabei, sich frühzeitig strategische Vorräte aufzubauen, bevor Engpässe entstehen.

Als integriertes Rohstoffunternehmen können wir gezielt international als Produzent auftreten. Versorgungssicherheit beginnt nicht erst, wenn die Fabrik stillsteht, sondern bereits Jahre vorher mit der richtigen Beschaffungsstrategie. Durch unsere enge Verbindung zur Finanzindustrie können wir langfristige Abnahmeverträge mit Minen und Raffinerien abschließen und helfen, diese Projekte gemeinsam mit Banken zu finanzieren.

LEADERSNET: Die EU hatte nicht den Weitblick von China und hat Seltene Erden offiziell relativ spät zur "kritischen Rohstoffgruppe" erklärt und plant, 10 % des Bedarfs bis 2030 selbst zu decken. Noble Elements setzt auf Recycling und alternative Bezugsquellen. Wie realistisch ist es, dass Europa in diesem Jahrzehnt eine nennenswerte Unabhängigkeit von China erreicht – und welche Rolle spielt Ihr Unternehmen dabei?

Andreas Kroll: Eine vollständige Unabhängigkeit halte ich bis 2030 für unrealistisch. Selbst wenn heute neue Minen erschlossen werden, vergehen oft zehn bis fünfzehn Jahre bis zur Produktion. Noch schwieriger ist der Aufbau von Raffinerien für die Weiterverarbeitung – denn dort liegt die eigentliche Stärke Chinas.

Damit Europa seine Abhängigkeit verringern kann, sollte es sich auf drei Dinge konzentrieren: mehr Recycling, mehr Diversifizierung der Importe und den Aufbau eigener strategischer Reserven.

Genau darin sieht Noble Elements seine primäre Aufgabe: Unser Konzept verbindet internationale Beschaffung mit physischer Lagerhaltung und digitaler Transparenz. So schaffen wir bereits heute Zugang zu Rohstoffen, die morgen möglicherweise nur noch schwer verfügbar sind.

LEADERSNET: Ein Sprichwort der Rohstoffbranche lautet: "Wer die Seltenen Erden kontrolliert, kontrolliert die Zukunft." Doch die Förderung ist oft mit Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen verbunden. Wie reagieren Sie auf Vorwürfe, dass der Handel mit diesen Rohstoffen ethisch nicht vertretbar sei – und wie stellen Sie Nachhaltigkeit in Ihrer Lieferkette sicher?

Andreas Kroll: Das sind bekannte Probleme, die man keinesfalls ignorieren darf. Wer sich jedoch aus dem Markt zurückzieht, kann auch nichts zu ihrer Lösung beitragen. Mit der Transparenz der Finomet (Anm.: digitale Plattform mit Sicherheitsstandard) versuchen wir genau das. Dieser Vorwurf gehört im Übrigen zunehmend der Vergangenheit an – auch in China wird die Einhaltung von Umweltstandards heute ernster genommen.

Ich bin überzeugt, dass Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Die transparenteste Lieferkette wird langfristig auch die wirtschaftlich erfolgreichste sein.

LEADERSNET: Andere wichtige Themen sind Energiewende, Elektromobilität und künstliche Intelligenz. Diese gelten als die großen Zukunftstreiber der kommenden Jahrzehnte. Welche Rohstoffe werden Ihrer Einschätzung nach von diesen Entwicklungen besonders profitieren, und welche werden heute noch unterschätzt?

Andreas Kroll: Um all diese Entwicklungen wie geplant voranzutreiben, wird die Welt enorme Mengen an Rohstoffen brauchen. Immer noch unterschätzt werden Technologiemetalle und vor allem schwere Seltene Erden. Peking hat längst erkannt, dass diese Rohstoffe Macht bedeuten. Exportkontrollen und Lieferbeschränkungen zeigen: Kritische Metalle sind heute nicht mehr nur Handelsgüter, sondern strategische Waffen. Was vielen noch immer nicht klar zu sein scheint: Lieferausfälle würden direkt ins Herz der europäischen Industrie treffen.

Gallium und Germanium sind essenziell für Halbleiter, Hochfrequenztechnik und Photonik. Hafnium spielt eine Schlüsselrolle bei modernen Chips und Hochtemperaturanwendungen. Rhenium ist für Luft- und Raumfahrt unverzichtbar. Bei den Seltenen Erden sind neben Neodymoxid vor allem Dysprosiumoxid und Terbiumoxid entscheidend, weil sie Hochleistungsmagnete temperaturbeständig machen.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob wir diese Rohstoffe brauchen – sondern wer sie künftig liefern kann.

LEADERSNET: In diesem Zusammenhang ist Grönland geopolitisch in aller Munde – nicht zuletzt wegen der dort vermuteten riesigen Vorkommen an Seltenen Erden und Trumps öffentlich geäußertem Interesse an der Insel. Wie realistisch ist Grönland als Gegenpol zur chinesischen Dominanz – und von welchem Zeithorizont sprechen wir, bis westliche Alternativen tatsächlich lieferfähig sind?

Andreas Kroll: Die Gehalte an Seltenen Erden fallen je nach Lagerstätte unterschiedlich aus und liegen teils unter denen anderer bedeutender Vorkommen. Das Projekt wäre meiner Meinung nach kaum wirtschaftlich – und der Abbau für die Umwelt mit erheblichen Risiken verbunden.

Zudem bedeutet ein Rohstoffvorkommen noch lange keine funktionierende Lieferkette. Das größte Hindernis für die Erschließung grönländischer Vorkommen ist die begrenzte Infrastruktur. Viele Lagerstätten liegen in abgelegenen Regionen, in denen Straßen, Häfen, Energieversorgung und Logistik erst aufgebaut oder erheblich erweitert werden müssten. Bis Infrastruktur, Genehmigungen, Umweltauflagen, Finanzierung und vor allem die Verarbeitung stehen, würden sicherlich mehr als zehn Jahre vergehen. Für die Herausforderungen der nächsten Jahre wird Grönland keine Entlastung bringen. Deshalb müssen wir bereits heute vorhandene Alternativen nutzen und über andere Länder wie Australien, Brasilien, Südafrika oder Kanada strategische Reserven aufbauen.

LEADERSNET: Europa spricht viel über strategische Autonomie und Resilienz. Gleichzeitig fehlen vielerorts eigene Förderkapazitäten und Verarbeitungsanlagen. Welche politischen oder wirtschaftlichen Weichenstellungen wären notwendig, damit Europa bei kritischen Rohstoffen unabhängiger wird?

Andreas Kroll: Wir brauchen einen Mentalitätswechsel. Jahrzehntelang war die günstigste Beschaffung das oberste Ziel. Doch der Preis tritt heute zugunsten von Versorgungssicherheit und Resilienz immer weiter in den Hintergrund. Die Frage, was ein Rohstoff kostet, wird abgelöst durch die Frage, ob ich ihn überhaupt bekomme.

Dafür braucht Europa schnellere Genehmigungsverfahren, Investitionen in Raffinerien und Recyclinganlagen, langfristige Abnahmegarantien sowie strategische Rohstoffreserven nach dem Vorbild staatlicher Ölreserven.

LEADERSNET: Recycling von Seltenen Erden steckt noch in den Kinderschuhen: Aktuell werden nur etwa 1 % der weltweit genutzten Seltenen Erden zurückgewonnen. Noble Elements setzt hier auf innovative Verfahren. Welche technologischen Durchbrüche braucht es, um das Recycling wirtschaftlich und im großen Maßstab möglich zu machen?

Andreas Kroll: Wir beobachten die Szene sehr genau – und wenn wir recyceltes Material in guter Qualität beziehen können, sind wir die Ersten, die als Käufer bereitstehen.

Wir wissen von einigen Projekten, die das Recycling-Problem besonders innovativ lösen wollen. Hier muss man abwarten, ob diese tatsächlich skalierbar sind oder auf dem Niveau des Labormaßstabs verbleiben. Gefragt sind effizientere Verfahren zur Rückgewinnung aus Permanentmagneten, Elektroschrott und Industrieabfällen, automatisierte Sortiersysteme sowie chemische Prozesse mit geringerem Energie- und Chemikalieneinsatz. Noch wichtiger ist jedoch die Verfügbarkeit geeigneter Stoffströme: Man kann nur recyceln, was am Ende auch zurückkommt.

Ich glaube daher nicht an eine Entweder-oder-Lösung. Die Zukunft wird aus einem intelligenten Mix bestehen: verantwortungsvoll geförderte Primärrohstoffe, konsequentes Recycling und strategische Lagerhaltung. Nur diese Kombination kann den enorm steiggenden Bedarf der kommenden Jahrzehnte zuverlässig decken.

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