Generationenwechsel
Alles auf Anfang in Braunschweig: Jonas Gnauck erfindet New Yorker neu

Totgesagte leben länger – und Patriarchen hinterlassen lange Schatten. Als Friedrich Knapp im November 2024 starb, verlor die Modekette New Yorker ihren Gründer, Lenker und Alleinherrscher. Viele hielten das Unternehmen für unregierbar ohne ihn. Heute führt ein 33-Jähriger das Imperium. Und stellt alles auf den Kopf.

Jonas Gnauck kam mit 19 zu New Yorker. Dualer Student. Hochbegabt, ehrgeizig, loyal. Bald war er die rechte Hand von Gründer Friedrich Knapp – für manche mehr Ziehsohn als Assistent. Er reiste mit ihm um die Welt, bereitete Entscheidungen vor, traf sie teilweise selbst.

Dann ging alles schnell. Während Knapp schwer erkrankte, tobte im Hintergrund ein Machtkampf. Finanzvorstand Florian Kall galt als natürlicher Nachfolger. Doch am Ende setzte sich der Jüngste durch. Heute ist Gnauck Alleinvorstand. Die Botschaft zeichnet das manager magazin in einem wohltuend profunden Beitrag nach: Hier regiert nur noch einer.

Eine Gelddruckmaschine mit 21 Prozent Marge

Wirtschaftlich steht New Yorker glänzend da.
2024 erwirtschaftete der Konzern 3,15 Milliarden Euro Umsatz – plus sieben Prozent. Der Vorsteuergewinn lag bei 769 Millionen Euro. Eine Rendite von 21,4 Prozent. Kaum Schulden. Rund 1,5 Milliarden Euro Eigenkapital.

Damit spielt New Yorker in einer Liga, in der selbst Branchengrößen wie Inditex genau hinschauen dürften. Das Erfolgsrezept ist so simpel wie effektiv: Große Filialen in Toplagen. Trendware zu Discountpreisen. Schnelle Kopie internationaler Styles. Kein Onlineshop. Kein Schnickschnack.

Minirock 9,99 Euro. Jacke 19,99 Euro.

Der Patriarch und sein System

Knapp führte sein Unternehmen wie ein Uhrwerk. Veraltete IT, aber effizient. Zentralismus statt Delegation. Keine Mitbestimmung. Russland-Filialen trotz politischer Spannungen weiter geöffnet. Kritik von Umweltverbänden? Abperlen lassen.

Alles war auf ihn zugeschnitten. Sein Gespür für Jugendtrends war legendär. "Dark Romance" oder "Fantasy" – was andere verschliefen, hing bei New Yorker längst auf der Stange.

Der Umbau beginnt

Gnauck greift aktuell tief ins System:

  • 180 neue oder modernisierte Filialen in einem Jahr
  • Expansion nach Griechenland, Malta und Irland
  • Indien und China auf der Watchlist
  • Sportmode als neues Segment
  • Ausbau des Zentrallagers in Braunschweig
  • Aufbau eines Transformation Office
  • Drei neue Rechenzentren
  • Fokus auf KI und Robotik

Für ein Unternehmen, das jahrzehntelang auf Bewahren setzte, ist das ein Paradigmenwechsel.

Hochseilakt zwischen Bewahren und Erneuern

Gnaucks größte Herausforderung ist das Gleichgewicht. Zu viel Modernisierung – und das einfache Erfolgsmodell bricht auseinander. Zu wenig – und die Branche überholt ihn technologisch.

Hinzu kommt ein Steuerstreit mit dem Fiskus über interne Verrechnungspreise in Asien. Im Raum stehen Forderungen von rund 300 Millionen Euro. Rückstellungen wurden gebildet. Das Thema ist nicht vom Tisch. Und dann ist da noch die Eigentümerfrage.

Die Familie als Unbekannte

Friedrich Knapps Vermögen wird auf rund 2,6 Milliarden Euro geschätzt. Wer am Ende wie viel Einfluss erhält, ist noch nicht abschließend geklärt. Seine älteste Tochter Sophie sitzt im Aufsichtsrat und verfügt über weitreichende Kontrollrechte.

Offiziell genießt Gnauck Vertrauen. Inoffiziell gilt: Solange die Zahlen stimmen, bleibt der Rückhalt. In Familienunternehmen kann das schnell kippen.

One-Man-Show mit Risiko

Aktuell führt Gnauck das Unternehmen faktisch allein. Einkauf, Logistik, IT, Marketing, Personal – vieles läuft über seinen Tisch. Das Führungsteam ist erfahren, aber nahe am Rentenalter. Die Strukturen sind noch immer stark zentralisiert. New Yorker ist wirtschaftlich stärker denn je. Doch der wahre Stresstest beginnt jetzt.

Gnauck versucht, das Imperium in ein technologiegetriebenes Zukunftsunternehmen zu transformieren ohne das Erfolgsmodell zu beschädigen. Gelingt ihm das, könnte aus dem Assistenten einer der spannendsten CEO-Fälle des deutschen Handels werden. Scheitert er, wäre es ein Lehrstück darüber, wie schwer es ist, aus dem Schatten eines Gründers zu treten.

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