"Wir sind der Überzeugung, dass KI eine der folgenreichsten Technologien in der Geschichte der Menschheit ist. Bei richtiger Handhabung könnte sie wissenschaftliche Innovationen rasant vorantreiben, das Wirtschaftswachstum erheblich steigern, Heilungsmöglichkeiten für schwere Krankheiten in greifbare Nähe rücken und Probleme lösen, an denen sich die Menschheit seit Generationen vergeblich versucht hat", heißt es im Börsenprospekt, den Anthropic am Montag bei der US-amerikanischen Börsenaufsicht SEC eingereicht hat.
Bei solch einem Prospekt handelt es sich um ein gesetzlich vorgeschriebenes Informationsdokument, das potenziellen Anlegern vor dem Börsengang eines Unternehmens ein möglichst umfassendes Bild der Geschäftstätigkeit vermittelt. Das umfasst Angaben zum Geschäftsmodell, zu Umsätzen, Gewinnen und Verlusten oder zur Unternehmensstrategie genauso wie zu den wesentlichen Risiken einer Investition.
Gigantischer Verlust im ersten Halbjahr
Das nun vorgelegte Dokument zeigt zum Beispiel auf, in welcher finanziellen Größenordnung das erst fünf Jahre alte Unternehmen hinter dem bekannten KI-Modell Claude inzwischen operiert. So konnte Anthropic im abgelaufenen Halbjahr einen Umsatz von 16,3 Milliarden US-Dollar erzielen – im gesamten Jahr 2025 waren es "nur" 4,3 Milliarden US-Dollar.
Gleichzeitig wachsen allerdings auch die finanziellen Aufwendungen rasant mit: Statt der 2,3 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum wurden zwischen Januar und Ende Juni dieses Jahres schon fast neun Milliarden US-Dollar in Rechenkapazität und Infrastruktur investiert. In den nächsten Jahren werden in diesem Bereich Ausgaben von über einer halben Billion US-Dollar angepeilt.
Für die ersten sechs Monate von 2026 muss Anthropic trotz beinahe vervierfachtem Umsatz insgesamt einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar verbuchen, wobei ein Großteil davon laut Reuters in einem "Anstieg des beizulegenden Zeitwerts von Anleihen, die in Aktien des Unternehmens umgewandelt werden können" begründet liegt.
Abhängigkeiten, die Milliarden kosten könnten
Bei der Einschätzung der denkbaren Bedeutung von Künstlicher Intelligenz in unserer Zukunft stapelt Anthropic keinesfalls tief. "Wir glauben, dass die Fülle an KI die einzelnen Sektoren der Weltwirtschaft rasch verändern wird – und zwar in einem Ausmaß, das die Auswirkungen der Industrialisierung, der Elektrizität, der Halbleiter und des Internets übertrifft", steht im Prospekt geschrieben.
Ob aus der Aussicht tatsächlich ein dauerhaft profitables Geschäft wird, hängt für Anthropic auch von Partnern ab, die zugleich Konkurrenten sind: Amazon und Google haben Milliarden in das Unternehmen investiert, stellen ihm Cloud-Infrastruktur zur Verfügung und entwickeln parallel eigene KI-Angebote.
Was einerseits Zugang zu Kapital und Rechenleistung verschafft, sorgt andererseits für elementare Abhängigkeiten – sollten die Technologiekonzerne ihre Konditionen ändern oder ihre eigenen Modelle an Boden gewinnen, könnte das riesige Stolpersteine für Anthropic bedeuten.
Im Prospekt weist das Unternehmen mögliche Investoren zudem auf das konzentrierte Kundengeschäft hin; inklusive der Angabe, dass 2025 zwölf Prozent des Umsatzes auf zwei einzelne Abnehmer entfallen sind.
Risiken, die uns die gesamte Menschheit kosten könnten
Anthropic führt im Börsenprospekt nicht nur wirtschaftliche Risiken auf: Das Unternehmen ist in der nicht alltäglichen Situation, vor den weltverändernden Folgen der Technologie zu warnen, mit der es sein Geld verdient.
Fortgeschrittene KI-Systeme könnten laut Dokument Verhaltensweisen entwickeln, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen, woraus sich im ungünstigsten Fall existenzielle Bedrohungen für die gesamte Menschheit entwickeln.
Konkret verweist Anthropic etwa auf Tests, in denen KI-Modelle unter bestimmten Bedingungen Verhaltensweisen zeigten, die Sabotage, Betrug oder Erpressung ähnelten und beschreibt darüber hinaus selbsterhaltende Aktivitäten: Systeme könnten versuchen, eine Abschaltung zu verhindern, Informationen vor Menschen zu verbergen oder sie gezielt zu manipulieren.
Während entsprechende Hinweise nicht automatisch bedeuten, dass die Modelle im normalen Einsatz zwangsläufig entsprechend handeln, verdeutlichen sie teils drastisch, welche Risiken leistungsfähigste Systeme mit sich bringen – insbesondere dann, wenn sie mehr Handlungsspielraum erhalten oder in komplexe, überlebensrelevante Arbeitsabläufe eingebunden werden.
Anthropic vs. OpenAI: Demnächst auch an der Börse
In jedem Fall: An der Nasdaq sollen die Aktien von Anthropic künftig unter dem Kürzel ANT gehandelt werden. Nach Informationen von Reuters könnte die Platzierung bereits Mitte November erfolgen, ein verbindlicher Termin steht allerdings noch aus.
Genauso offen ist, wie hoch Anthropic an der Börse letztlich bewertet wird. In Gesprächen mit Investoren war zuletzt eine Größenordnung von rund 1,5 Billionen US-Dollar im Spiel. Eine Woche zuvor lagen die Erwartungen laut Reuters teilweise noch bei knapp zwei Billionen Dollar. Auch bei einem der aussichtsreichsten KI-Unternehmen überhaupt ist die Bewertung also keineswegs von der allgemeinen Marktstimmung unabhängig.
Nicht zu vergessen, dass Anthropic nicht allein vor dem Sprung aufs Börsenparkett steht: OpenAI, der Entwickler von ChatGPT, hat einen IPO für 2026 zwar ausgeschlossen, wird voraussichtlich Anfang 2027 allerdings ebenfalls sein Börsendebüt geben.
Zwei der prominentesten Rivalen im Rennen um die leistungsfähigsten KI-Systeme dürfen sich also schon bald auch am Kapitalmarkt direkt miteinander messen – stets in bester Hoffnung, dass die größtmöglichen Konsequenzen des technischen Wettrennens ausbleiben.
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