Magazin plant letzte Ausgabe
Alice Schwarzer: "Da hat es für Emma nie Zweifel gegeben"

| Redaktion 
| 21.10.2026

Das "weltweit letzte und einzige professionelle Publikumsmagazin am Kiosk in Feministinnenhand" verschwindet aus den Regalen: Mit der Dezemberausgabe wird Emma nicht nur ihren 50. Geburtstag, sondern auch ihren Abschied als Magazin zelebrieren. Die Redaktion zeigt sich erschöpft, aber stolz, "allen Moden widerstanden und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen" zu haben.

"Es war die Frauenfeindlichkeit der von uns Feministinnen so genannten 'Männermedien', die mich zu dem Schluss kommen ließ, dass wir Journalistinnen ein eigenes Medium, eine eigene Stimme haben müssten", erinnert sich Alice Schwarzer an den Grundstein einer Karriere, die sie eigener Aussage nach so nie beabsichtigt hatte – nämlich "lebenslang Verlegerin und Blattmacherin" zu sein.

Entsprechend motiviert und zusätzlich ermutigt durch das Magazin Ms., das Gloria Steinem in New York veröffentlichte, brachte Schwarzer samt ihrer Redaktion im Januar 1977 zunächst einmal jedoch die erste Ausgabe von Emma auf den deutschen Markt.  

Empfangen wurde das feministische Blatt nicht unbedingt mit offenen Armen: "Die Häme und auch der Neid der KollegInnen (mit Binnen-I) waren groß", so Schwarzer, die zugibt, dass sie "das Chefin-Sein selbst erst einmal lernen" musste. "Es wurde prophezeit, dass maximal zwei Ausgaben von Emma erscheinen würden. Es wurden dann 390 Ausgaben."

Emma geht nicht aus wirtschaftlichen Gründen

Allerdings wird die Leserschaft nur noch zweimal neue Editionen aus dem Kioskregal ziehen können: Am Mittwoch haben Alice Schwarzer und die Redaktion von Emma bekanntgegeben, dass das Magazin mehr oder minder pünktlich zum 50. Geburtstag eingestellt wird.

In einer Mitteilung zur Sache wird betont, dass Emma stets "nicht profit-, sondern politikorientiert" war und dabei "unabhängig von Konzernen, Werbung und Parteien" geblieben ist, wodurch der Redaktion die größtmögliche redaktionelle Freiheit eingeräumt wurde. Dennoch verabschiede sich das Blatt nun nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

"Sicher, auch unsere Auflage sinkt", ordnet das Statement ein. "Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben. Und ein finanzielles Polster schützt uns. Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!"

"Emma hat über drei Feministinnen-Generationen die Stellung gehalten, hat allen Moden widerstanden und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen. Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet."

Probleme bei der Nachwuchsrekrutierung

Schon jetzt blickt die Redaktion stolz auf Themen zurück, die von Emma aktiv ins öffentliche Bewusstsein gezogen wurden – in den Anfangstagen beispielsweise Gewalt in Beziehungen, Kindesmissbrauch und der Aufstieg des politischen Islam; in jüngerer Vergangenheit etwa die "gefährliche Transideologie, nach der sich jeder Mann qua Sprechakt zur Frau erklären kann".

"Wir, die Emma-Macherinnen, sind ganz einfach erschöpft", heißt es seitens des Teams. "Jede von uns macht die Emma jetzt seit neun bis 50 Jahren."

Erschwerend hinzu kommt offenbar der Mangel an geeignetem Nachwuchs: "Wir haben immer wieder versucht, weitere Kolleginnen in unserem Geiste zu finden, immer wieder auch eine potenzielle Chefredakteurin. Es gibt sie", versichert die Redaktion.

Allerdings seien diese denkbaren Kolleginnen in der Regel letztlich "doch lieber in die etablierten Medien gegangen", wo "der Wind von außen nicht ganz so rau" wehe. "Denn ernsthaft feministisch engagiert sein – und nicht nur modisch queerfeministisch plaudern –, das wird frau bis heute nicht gedankt."

Letzte Emma erscheint im Dezember

Ab Dienstag, 27. Oktober ist die vorletzte Emma-Ausgabe an den gewohnten Verkaufsstellen zu haben, ehe der finale Vorhang am Dienstag, 08. Dezember fällt: Mit einer doppelt so umfangreichen Ausgabe wie üblich wird dann sowohl der 50. Geburtstag als auch der Abschied des "weltweit letzten und einzig professionellem Publikumsmagazin am Kiosk in Feministinnenhand" gefeiert.

Die bisherigen 36.584 Magazinseiten sollen derweil nicht verloren gehen: Das Emma-Archiv soll in vollem Umfang in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach übergehen, wo es ab 2029 für Medien, Forschung und anderweitig Interessierte zur Verfügung steht.

Online sind die Ausgaben im hauseigenen Lesesaal einsehbar; darüber hinaus ist für die Zeit nach dem Printmagazin zumindest ein Newsletter geplant, für den man ab sofort Interesse anmelden kann.

"Als ab den Nuller Jahren der Feminismus anfing, sich im Queerfeminismus aufzulösen, und zuguterletzt noch nicht einmal mehr klar ist, was in dieser patriarchalen Welt noch eine Frau ist und was ein Mann und wofür beziehungsweise wogegen wir uns warum engagieren – da hat es für Emma nie Zweifel gegeben", unterstreicht Alice Schwarzer.

"Unser Fundament ist der Gleichheits-Feminismus, der Feminismus einer Olympe de Gouges, Hedwig Dohm, Virginia Woolf oder Simone de Beauvoir und der autonomen Feministinnen der 1970er Jahre: Die Hälfte der Welt für die Frauen und die Hälfte des Hauses für die Männer! Sowie gleiche Chancen, Rechte und Pflichten für alle", fasst die 83-jährige Vordenkerin zusammen, die auf ein einzigartiges publizistisches Vermächtnis zurückblicken darf und sich nun mit weniger Redaktionsstress ihren Büchern widmen möchte.

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