SportScheck Vice President Marketing im Interview
Anne von Loebbecke: "Unser Ziel ist: der modernste Sporthändler Deutschlands"

| Dagmar Zimmermann 
| 19.01.2026

SportScheck befindet sich mitten in einer umfassenden Transformation – digital, strategisch und kulturell. Eine zentrale Rolle spielt dabei Marketing- und Strategieverantwortliche Anne von Loebbecke, die internationale Erfahrung aus Unternehmen wie Nike, Sportfive und OneFootball mitbringt. Im LEADERSNET-Interview erklärt sie, wie sie SportScheck modernisiert, warum der Frauen-Sportmarkt enormes Potenzial hat und welche Bedeutung KI, Social Shopping und Creator-Marketing für die Zukunft des Unternehmens haben.

LEADERSNET: SportScheck feiert nach der Insolvenz sein Comeback – Sie verantworten Marketing und Strategie. Was sind aktuell Ihre wichtigsten Prioritäten?

Anne von Loebbecke: Aus strategischer Sicht geht es darum, dem Unternehmen wieder Struktur, Vision und klare Prozesse zu geben. Aus Marketingsicht wollen wir die Marke neu ausrichten, sichtbarer machen und wieder in die Köpfe der Konsumentinnen und Konsumenten bringen. SportScheck hat eine große Bekanntheit, aber wir müssen die Marke modernisieren und verjüngen, damit sie wieder relevant wird, gerade bei den jüngeren Konsumentinnen und Konsumenten.

LEADERSNET: SportScheck wurde zuletzt als "eingestaubt" wahrgenommen. Woran lag das?

Anne von Loebbecke: Die Marke gibt es seit über 75 Jahren. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren wurde jedoch wenig in Markenpflege, Awareness und Relevanz investiert. Stattdessen lag der Fokus stark auf kurzfristiger Performance. Gleichzeitig sind Wettbewerber wie Decathlon oder Snipes deutlich gewachsen. SportScheck hat es verpasst, sich mit der Zeit zu verändern und wurde dadurch älter und weniger modern wahrgenommen.

LEADERSNET: 2023 folgte die Insolvenz. Wie ist der Stand heute?

Anne von Loebbecke: Wir sind durch die Signa-Insolvenz mitgezogen worden. Im anschließenden M&A-Verfahren hat sich die italienische Cisalfa Group durchgesetzt – ein familiengeführtes Retail-Unternehmen mit über 70 Jahren Erfahrung. Mit der Übernahme liegt der Fokus darauf, das Business stationär und digital zu stabilisieren und wieder auszubauen. Dazu gehört, Stores wie Dortmund mit einem neuen Retail-Konzept zu modernisieren und auch erneut in weitere Kernstandorte wie München zu expandieren. Gleichzeitig verfolgt die Gruppe einen integrierten europäischen Ansatz, der Strukturen stärkt, Synergien nutzt und die Marke langfristig wieder wettbewerbsfähig positioniert.

LEADERSNET: Was fehlte den Stores in den vergangenen Jahren?

Anne von Loebbecke: Viele unserer Stores sind 10, 15 oder sogar 20 Jahre alt und wurden in der Zeit kaum modernisiert. Manche Gebäude sind noch älter. Unsere Konzepte waren nicht mehr zeitgemäß, es fehlte an klaren Strukturen, moderner Gestaltung und einer Customer Experience, die Kundinnen und Kunden heute erwarten. Während der Fusion mit Karstadt Sports wurde nicht wirklich investiert – im Grunde hingen nur neue Schilder über der Tür. Die Stores spiegelten nicht wider, wohin wir strategisch wollen. Deshalb modernisieren wir jetzt konsequent: neue Konzepte, zeitgemäße Flächen und ein Auftreten, das unsere Vision sichtbar macht.

LEADERSNET: Wie sieht diese Vision denn aus? Wohin soll sich SportScheck strategisch entwickeln?

Anne von Loebbecke: Unsere langfristige Vision ist, der modernste, inspirierendste Sporthändler in Deutschland zu sein. Kern der Vision ist eine Omnichannel-Experience, bei der eine moderne digitale Plattform im Zentrum steht. Unsere neue digitale Plattform für Österreich und die Schweiz ist live, die deutsche Plattform geht Anfang nächsten Jahres an den Start. Damit schaffen wir eine Shopping Experience, die zeitgemäß ist und das Einkaufserlebnis für Konsumentinnen und Konsumenten auf das nächste Level bringt.

LEADERSNET: Wie soll diese digitale Experience künftig aussehen?

Anne von Loebbecke: Unsere bisherige digitale Lösung war nicht responsiv, nicht intuitiv, langsam und für viele einfach sperrig. Die neue Plattform ist ein wichtiger Schritt, um Konsument:innen ein modernes, seamless Einkaufserlebnis über alle Touchpoints bieten zu können. Gleichzeitig sehen wir, dass gerade junge Menschen weiterhin gerne in den Store kommen, um Produkte anzufassen und anzuprobieren. Social Media ist für viele der erste Touchpoint – dort beginnt heute die Inspiration. Deshalb denken wir die gesamte Customer Journey weiter: von Instagram bis in den Store und wieder zurück. Die richtigen Social Shopping-Formate spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie Inspiration und Einkauf direkt miteinander verbinden.

LEADERSNET: Welche Rolle spielt das im Zusammenspiel mit dem Store-Erlebnis?

Anne von Loebbecke: Sie informieren sich online, erleben den Sport offline – und kaufen dann oft wieder digital. Diese Reise wollen wir vollständig abbilden: Social Media als Inspiration, reibungslose Navigation digital, und ein Store-Erlebnis, das sich modern und einladend anfühlt.

LEADERSNET: Arbeiten Sie mit Content-Creatorinnen zusammen?

Anne von Loebbecke: Ja, wir arbeiten mit Creator:innen zusammen – aber nur mit solchen, die wirklich authentisch sind. Uns geht es um echte Momente und Menschen, die Sport so zeigen, wie er sich anfühlt.

LEADERSNET: Stichwort Modernisierung: Wie verändert KI Ihr Marketing?

Anne von Loebbecke: Wir nutzen unterschiedliche Tools im täglichen Doing und testen gemeinsam mit unserer Muttergesellschaft erste AI-basierte Content-Kreationen. Dabei sieht man sehr gut: Es gibt großartige und weniger gelungene Beispiele. Coca-Cola ist da sehr offen vorangegangen – der Weihnachtsspot im letzten Jahr hat viel Kritik ausgelöst, weil er stark mit AI weiterentwickelt wurde. Der aktuelle Spot zeigt hingegen, wie gut AI sein kann und wie der Aufschrei weniger wird. Viele Menschen könnten AI-generierten Content heute wahrscheinlich gar nicht mehr von real produziertem unterscheiden.

LEADERSNET: Und dann ist doch noch die rechtliche Seite…

Anne von Loebbecke: Man wird sehen müssen, inwieweit Deutschland sich rechtlich öffnet, gerade was Urheberrechte angeht. Andere Länder sind da oft pragmatischer und weniger bürokratisch.

LEADERSNET: Und der Mensch?

Anne von Loebbecke: KI ersetzt keine Kreativität, aber sie erweitert sie. Wer KI ignoriert, wird langfristig Probleme bekommen – dafür entwickelt sich Content viel skalierbarer, schneller und deutlich datengetriebener. Ich bin mir sicher, dass sich die gesamte Content Creation in den nächsten Jahren massiv verändern wird. Gleichzeitig bleiben menschliche Perspektiven entscheidend: KI nimmt uns repetitive Tasks ab, aber der kreative Kern, die Markenführung und das finale Gespür für Storytelling liegen weiterhin bei uns. Prozesse werden dadurch schlanker, effizienter und auch kollaborativer, weil Teams sich stärker auf strategische und kreative Entscheidungen konzentrieren können.

LEADERSNET: Wenn wir über Einkaufserlebnis sprechen: Sport ist für viele Menschen ein emotionales Gemeinschaftsthema. Welche Rolle spielt Community für SportScheck?

Anne von Loebbecke: Eine sehr große. Der SportScheck Run ist ein gutes Beispiel. Seit über 25 Jahren bringen wir Menschen zwischen 16 und über 80 zusammen. Running boomt, und bei uns geht es nicht nur um Bestzeiten, sondern um das gemeinsame Erleben. Diese Energie wollen wir in unsere Kommunikation und in unsere Konzepte übertragen: Sport soll bei uns inspirieren – unabhängig vom Level.

LEADERSNET: Apropos Energie: Wie stark sieht man Ihre Handschrift in der neuen Strategie? Sie waren unter anderem in amerikanischen Unternehmen tätig.

Anne von Loebbecke: Ich bringe viel Erfahrung aus Unternehmen wie Nike mit. Mir geht es trotzdem nicht darum, etwas zu kopieren. SportScheck hat eine eigene DNA. Wichtig ist mir, Sport authentisch zu zeigen – emotionale, echte Momente statt stylischer Studiofotografie. Wir haben uns fokussiert und auch unsere CI wieder einen roten Faden gegeben: Farben reduziert, Bildwelt modernisiert und Pattern aus dem Logo heraus definiert, um immer wieder den Rückschluss zur Marke zu haben. "Made for More" ist unser neues Versprechen, welches wir künftig als "Signature" zur Wiedererkennung nutzen möchten und mit welchem wir zeigen möchten, wofür SportScheck steht und was Konsument:innen erwartet. Und unsere TV-Kampagne, die erste seit fast acht Jahren, ist ein wichtiger Schritt, um die neue Ausrichtung von SportScheck zu zeigen und die Marke auch wieder bekannter zu machen.

LEADERSNET: Marketing ist das eine – aber es muss auch angenommen werden. Wie wirkt sich die wirtschaftliche Lage aktuell auf das Kaufverhalten aus?

Anne von Loebbecke: Sehr deutlich. Kundinnen und Kunden drehen den Euro zweimal um. Auch unsere Clubkund:innen, die sonst mehr in Sport investiert haben, kaufen aktuell bewusster. Die Einkaufshäufigkeit sinkt, obwohl die Warenkörbe stabil bleiben, sogar zum Teil steigen. Das betrifft alle – Sport und Fashion gleichermaßen. Menschen priorisieren Grundbedürfnisse, und der dritte Sportschuh ist nicht mehr selbstverständlich. Parallel dazu integrieren große Anbieter aus dem Fast-Fashion-Segment Sportbekleidung inzwischen sehr geschickt in ihr Sortiment – insbesondere im Frauenbereich. Sie machen es Kundinnen und Kunden sehr leicht: modische Sportartikel, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, ständige Verfügbarkeit. Das beeinflusst den Markt – und zeigt zugleich, wie groß die Nachfrage ist.

LEADERSNET: Sie sprechen vom Frauen-Sportmarkt als einem der größten Wachstumsmärkte. Wie groß ist dieses Potenzial konkret?

Anne von Loebbecke: Der Frauen-Sportmarkt ist ein globaler Markt von fast 4 Milliarden Dollar – und bei weitem nicht ausgeschöpft. Viele Frauen finden bis heute keinen authentischen Ort, der ihre Bedürfnisse versteht: Passformen, Beratung, Sicherheit, Inspiration. SportScheck kann genau dort ansetzen. Frauen im Sport haben enormes Potenzial – und wir möchten das konsequent stärken. In Dortmund haben wir dies auch bereits umgesetzt und sehen wie stark diese Ausrichtung von Konsumentinnen angenommen wird. Die ersten Zahlen sind vielversprechend und zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

LEADERSNET: Einerseits ist der Geldbeutel enger, andererseits steigen Erwartungen an Nachhaltigkeit. Wie nehmen Sie das Thema wahr?

Anne von Loebbecke: Der Wunsch nach Nachhaltigkeit ist da, aber viele können die höheren Preise aktuell nicht zahlen. Deshalb ist Nachhaltigkeit im Kaufverhalten etwas zurückgerückt. Gleichzeitig ist Nachhaltigkeit mehr als Materialien – es geht auch um soziale Themen, Gleichberechtigung. Uns sind diese Themen wichtig, wir gehen diese mit Bedacht an und schauen immer nach neuen Möglichkeiten, diese langfristig und nachhaltig voranzutreiben.

LEADERSNET: Fördern Sie selbst Frauen aktiv im Unternehmen?

Anne von Loebbecke: Marketing ist traditionell weiblich geprägt, und ich unterstütze viele Kolleginnen aktiv – durch Mentoring, Empowerment und klare Verantwortlichkeiten. Mir geht es nicht um Quoten, sondern um Kompetenz. Unterschiedliche Perspektiven, weiblich wie männlich, machen Teams besser, kreativer und langfristig erfolgreicher.

LEADERSNET: Was wünschen Sie sich für SportScheck – und was für sich persönlich?

Anne von Loebbecke: Für SportScheck wünsche ich mir, dass wir in ein paar Jahren lesen: "SportScheck ist der innovativste Sporthändler Deutschlands." Für mich persönlich kann ich mir vorstellen, irgendwann Menschen in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung zu begleiten – Coaching, Potenzialentfaltung, Mentoring. Das ist ein Thema, das mich schon lange interessiert.

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