Kunst-Spendenaktion
Ein Michelangelo-Unikat für 100 Euro?

| Redaktion 
| 05.11.2026

Auf dem internationalen Kunstmarkt wechseln Meisterwerke oft für aberwitzige Millionenbeträge den Besitzer – und wer nicht über ein entsprechendes Vermögen verfügt, bleibt auf die Rolle des staunenden Betrachters beschränkt. Nun wirbt eine Spendenaktion mit der Aussicht darauf, für gerade einmal 100 Euro eine päpstliche Holzfigur erstehen zu können, die vermeintlich von Michelangelo höchstpersönlich gefertigt wurde.

Im Jahre 1475 ist Michelagniolo di Lodovico di Lionardo di Buonarroto Simoni – meist als Michelangelo bezeichnet – in der Republik Florenz zur Welt gekommen. Er wurde stolze 88 Jahre alt und gilt als der mit Abstand bekannteste Künstler der Renaissance, zu dessen Werk unter anderem die atemberaubenden Bilder in der Sixtinischen Kapelle in Rom zählen.

Auch Papst Julius II. gehört zu den prominenten Figuren in Michelangelos Schaffen: Für ihn fertigte er eine monumentale Bronzestatue an, die 1508 an der Fassade der Basilika San Petronio in Bologna angebracht wurde – nur, um bereits drei Jahre später einem Aufstand zum Opfer zu fallen.

Anfang letzten Jahres sorgte deshalb die Nachricht für Aufsehen, dass eine wiederentdeckte Holzfigur als Modell für ebenjene Bronzestatue gedient haben könnte. Sie war 2023 auf einer Kunstmesse in Frankreich aufgetaucht und befindet sich seitdem im Besitz zweier privater Eigentümer im Seniorenalter.

420.000 Lose auf einen Hauptgewinn

Zumindest noch, denn nach dem Vorbild der französischen Aktion "100 Euro – 1 Picasso" haben die Eigentümer eine ungewöhnliche Variante gewählt, um sich von ihrem vermeintlichen Michelangelo-Unikat zu trennen: Für jeweils 100 Euro erhalten Interessierte die Möglichkeit, am Ende der Kampagne als neuer Besitzer der Holzfigur ausgewählt zu werden.

Weltweit ist die Teilnahme über die internationale Spendenplattform WhyDonate auf 420.000 Menschen begrenzt, sodass bei vollständiger Ausschöpfung beachtliche 42 Millionen Euro zusammenkommen würden.

Die Einnahmen sollen zur Hälfte Ärzte ohne Grenzen zugutekommen, während die andere Hälfte an den gemeinnützigen Michelangelo-Julius-II.-Figur e. V. aus Frankfurt am Main geht, der die Kampagne organisiert.

"Wir gehen davon aus, dass dies die verloren geglaubte Vorlage ist, die Michelangelo als Modell für die monumentale Bronzestatue von Julius II. schuf", bekräftigt Klaus Rössler im Namen der Noch-Besitzer. "Die Eigentümer sind hoch erfreut, der Allgemeinheit das Werk nach so langer Zeit wieder vorstellen zu können."

Die Holzfigur von Papst Julius II., die Michelangelo angefertigt haben soll (Bild: Michelangelo-Julius II.-Figur e. V.)
Die nun verloste Holzfigur von Papst Julius II., die Michelangelo zugeschrieben wird (Bild: Michelangelo-Julius II.-Figur e. V.)

Die Skulptur zeigt Julius II. in sitzender Position, frontal ausgerichtet und mit zum Segensgruß erhobener Hand; die andere soll ursprünglich den Schlüssel Petri gehalten haben. Auffällig sind die ausladenden Gewandfalten zwischen den gespreizten Beinen, der von einem gestutzten Schnurrbart und einem leicht gekräuselten Vollbart eingerahmte Kopf sowie der leicht geöffnete Mund. Ein Zingulum umgürtet das Gewand, eine Spange mit Engelskopf hält den Chormantel zusammen.

Echtheit bleibt Expertenfrage

"Es scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass die wiederentdeckte Skulptur zurückgeht auf die Statue, die in Bologna an der Basilika angebracht war", befand der Frankfurter Kunsthistoriker Dr. Robert Bock schon Anfang 2025. Seinerzeit verwies auch Klaus Rössler darauf, dass "erste dendrochronologische Analysen das verwendete Lindenholz um 1500“ datieren.

Streng genommen beweist das zunächst nur das Alter des Materials, nicht aber, wann die Figur daraus geschnitzt wurde oder wer dabei das Werkzeug führte. Die Verantwortlichen haben letztes Jahr selbst von einer "noch gespaltenen Fachwelt" gesprochen, da manche Kenner eine Nachbildung ebenso für möglich halten wie einen Schöpfer aus dem Umfeld von Michelangelo.

Auch stilistische Ähnlichkeiten mit der verlorenen Bronzestatue und deren handwerklich Qualität sind Indizien, die durchaus für einen der größten Künstler der Menschheitsgeschichte sprechen. Um einen unzweifelhaften Echtheitsnachweis handelt es sich bei der Experteneinschätzung jedoch nicht automatisch.

In jedem Fall ist der Ansturm zum Start der Aktion überschaubar: Als dieser Artikel am Mittag des 05. November entsteht, haben lediglich vier von 420.000 möglichen Teilnehmern ihr Portemonnaie gezückt. Wer sich für 100 Euro eine Chance auf das Werk sichern möchte, kann also noch auf überschaubare Konkurrenz hoffen – und sollte sich die Zuschreibung letztlich wirklich bewahrheiten, würde es sich um eines der spektakulärsten Schnäppchen der modernen Kunstgeschichte handeln.

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