KI-Kritik
KI-Expertin Spiekermann: Wir reden über die falsche Apokalypse

Alle fürchten die Super-KI – Sarah Spiekermann spricht über die Gefahren, die längst da sind. Die Wirtschaftsinformatikerin warnt vor manipulierten Bevölkerungen, politikabhängigen Plattformen und Kindern, die das Denken verlernen. Ihre Botschaft: Nicht die Maschine der Zukunft ist das größte Problem, sondern unser Umgang mit der Technik von heute.

Während Politik und Tech-Branche über eine künstliche Intelligenz spekulieren, die irgendwann die Kontrolle übernehmen könnte, sagt Sarah Spiekermann im ORF-"Gespräch" mit Susanne Schnabl, was in der Debatte ihrer Meinung nach verdrängt wird.

"Jetzt können wir hier über den Weltuntergang sprechen, der hypothetisch irgendwann kommen wird", sagt die Professorin der Wirtschaftsuniversität Wien. Die reale Gefahr arbeite jedoch längst auf unseren Smartphones.

„Ganze Bevölkerungen werden mobilisiert“

Künstliche Intelligenz entscheidet in sozialen Netzwerken, welche Nachrichten Menschen sehen. "Worüber wir sprechen müssen, ist die Steuerung von Social Media durch künstliche Intelligenzen, die ganze Bevölkerungen zu den idiotischsten Aktionen mobilisieren."

Wenn KI-Systeme dazu beitrügen, "60.000 Menschen ins Meer zu treiben", müsse man sich fragen, warum die Politik nicht längst einschreite. Doch genau dort liege das nächste Problem: Politiker organisierten eben selbst ihre Wahlkämpfe über jene Plattformen, die sie kontrollieren sollten.

Das Problem mit dem "Gehirnschwund"

Noch drastischer wird Spiekermann beim Thema Bildung. Während Schulen über ChatGPT bei Hausübungen diskutieren, beginne das eigentliche Problem viel früher: bei Kindern, die bereits im Kinderwagen auf Displays schauen.

"Wenn Sie sich eine wirkliche Apokalypse der Menschheit anschauen wollen, dann ist es die, dass Kinder schon im Kinderwagen mit Displays bombardiert werden", sagte sie. Ihre Warnung: Spätestens mit 16 sei deren Gehirn "eine Matsche." Dann habe man überhaupt keine Innovationsfähigkeit mehr. Nicht in Europa und nicht in den USA.

Europa muss nicht Amerika kopieren

Trotzdem sieht Spiekermann Europa nicht als Verlierer des KI-Wettbewerbs. Entscheidend sei nicht, welches Sprachmodell noch größer und leistungsfähiger werde, sondern welches Produkt sich am Markt durchsetze.

Europas Chance liege in "guter Technologie", die in "wertegeleitete Architekturen" eingebettet werde. Damit könne langfristig eine höhere Qualität entstehen als beim amerikanischen Prinzip: schnell veröffentlichen – und dann schauen, was passiert.

KI-Experte René Mayrhofer schlägt indes vor, dass Europa nicht blind einem Vorsprung hinterherlaufen solle, der mit gewaltigen Rechenzentren, enormem Energieverbrauch und immer mehr Chips erkauft werde. Stattdessen müsse der Kontinent seine bewährte Ingenieurskultur nutzen und in bessere, kleinere und effizientere Modelle investieren.

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