"Freiester Mitarbeiter" statt Herausgeber
Axel Springer will mehr Ulf Poschardt – deshalb räumt er seinen Posten

| Redaktion 
| 14.05.2026

Der Chefposten galt lange als Zenit publizistischer Karrieren. Doch im Zeitalter von Podcasts, Social Media und Creator-Marken kann er limitieren: Sichtbarkeit entsteht weniger in Konferenzen als vor der Kamera, dem Mikrofon und in der Timeline. Daraus zieht Ulf Poschardt nun Konsequenzen und gibt seinen Herausgeberposten bei Axel Springer auf – um für das Medienhaus künftig noch präsenter zu werden.

Wer an die Spitze eines Medienhauses aufsteigt, gewinnt Einfluss – und verliert oft genau das, was ihn einst dorthin gebracht hat. Aus Texten werden Termine, aus Zuspitzung wird Abstimmung, aus publizistischer Energie ein Kalender voller Gremien, Calls und Freigaben. Statt selbst Debatten zu prägen, verwaltet man Strukturen, Budgets und Prozesse.

Gerade in einer Zeit, in der einzelne Autoren, Hosts und Creator zu Marken mit unmittelbarer Reichweite werden, wirkt das klassische Spitzenamt fast paradox: Je höher die Position, desto geringer die Freiheit, spontan, persönlich und pointiert zu arbeiten. Maximale Verantwortung bedeutet letztlich minimale publizistische Beweglichkeit.

Poschardt gibt Herausgeber-Posten ab

Ganz ähnliche Gedanken scheint sich Ulf Poschardt gemacht zu haben: Nach gerade einmal anderthalb Jahren wird er seine Position als Herausgeber der Axel-Springer-"Premium-Gruppe" aus Welt, Politico Deutschland und Business Insider Deutschland zum Mittwoch, 01. Juli räumen.

"Ich war mit Leidenschaft erst Chefredakteur, dann Herausgeber der Welt und der Premium-Gruppe", kommentiert Ulf Poschardt und bestätigt: "Im Laufe des vergangenen Jahres habe ich festgestellt, dass ich für meine publizistische Arbeit mehr Freiheit brauche, die sich mit einer formalen Funktion nicht immer vereinbaren lässt. Ich bin daher auf Mathias Döpfner zugegangen und wir haben eine perfekte neue Rolle gefunden."

Besagte neue Rolle macht Poschardt zum "freiesten Mitarbeiter von Axel Springer", der künftig für alle deutschen und internationalen Medienmarken des Hauses als Autor, Podcaster und Creator in Erscheinung treten soll. Ausgestattet ist er dabei mit "maximaler journalistischer Freiheit" und dem Auftrag, "ganz auf ihn zugeschnittene Formate" zu entwickeln.

"Wir wollen mehr Ulf Poschardt"

"Es gibt wenige Autoren, deren Beiträge so leidenschaftlich diskutiert werden wie die von Ulf Poschardt", stellt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, fest.

"Quer über alle Plattformen, vom Leitartikel in der Welt bis zum Posting auf Social Media, erreicht er ein Millionenpublikum. Für diese Tätigkeit wollen wir ihm nun im Rahmen unserer Creator-Strategie den Raum geben, den er braucht, um seine Reichweite und Wirkung auszubauen. Kurz: Wir wollen mehr Ulf Poschardt", bekräftigt Döpfner.

In seiner kommenden Funktion soll Ulf Poschardt "zentraler Baustein in der Creator-Strategie von Axel Springer" werden. Zu diesem Zweck eingeplant sind unter anderem "tägliche Drei-Fragen-Drei-Antworten-Clips für alle Social Media-Plattformen", eine Talkshow mit einem einzigen Gast für Welt TV oder auch Kolumnen und Videoformate für Bild. Vorher veröffentlicht Poschardt im Juni sein neues Buch namens "Bückbürgertum".

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