LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Klauser, die Welt verändert sich rasant – täglich hören wir Meldungen über geopolitische und wirtschaftliche Umbrüche, über Flexibilität und den Verlust gewohnter Strukturen. Wie reagiert Ihr Unternehmen auf diese Entwicklungen?
Andreas Klauser: Sie greifen einen zentralen Punkt auf: Unsere Welt hat sich in den letzten Jahren rasant und tiefgreifend verändert – von der Geo- und Wirtschaftspolitik bis hin zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das heißt, wir sind mit einem hohen Maß an Unsicherheit, Volatilität und Ambiguität konfrontiert.
Mit unserer Strategie 2030+ antizipiert Palfinger kommende Veränderungen. Wir nehmen ihre Auswirkungen proaktiv vorweg. Was andere als Umbruch erleben, wird damit für uns zur logischen Weiterentwicklung unseres Kurses. Dazu bauen wir auf unseren Stärken auf, festigen unsere Position und werden resilienter.
LEADERSNET: Wie positioniert sich Palfinger mit der Strategie 2030+ "Reach Higher" für die Zukunft und welche zentralen Ziele sollen damit bis zum Ende des Jahrzehnts erreicht werden?
Klauser: Unser Selbstverständnis ist es, unseren Kunden Produktlösungen anzubieten, die sie jeden Tag dabei unterstützen, erfolgreich zu sein. Das nennen wir Lifetime Excellence. Jede unserer Lösungen ist darauf ausgelegt, mehr zu leisten, intelligenter zu arbeiten und höher zu heben. So entwickeln wir uns weiter. Wir wollen langfristig ausgewogen wachsen. Dieses Ziel spiegelt sich in den finanziellen Kennzahlen: 2030 planen wir über drei Milliarden Euro jährlichen Umsatz, eine EBIT-Marge von zwölf Prozent und ein ROCE von 15 Prozent.
Um das zu erreichen, baut die Strategie 2030+ auf drei zentralen Ausrichtungen auf: Lifting Customer Value, Balanced Profitable Growth und Execution Excellence. Sie stehen für maximalen Kundenfokus, gezielte Investition sowie optimierte Prozesse für noch bessere Resultate. Unser Vorhaben geht also über reine Unternehmensperformance hinaus. Sie schafft nachhaltigen Mehrwert für unsere Kunden, Mitarbeitenden und Shareholder. Denn Fortschritt entsteht nur dort, wo Industrie, Innovation und regionale Entwicklung ineinandergreifen und sich gegenseitig fördern.
LEADERSNET: Welche Projekte und Programme sind in den kommenden Jahren entscheidend, um diese Ziele umzusetzen?
Klauser: Wir haben ein klares Zielbild mit 18 strategischen Programmen definiert. Entscheidend sind unsere fünf Must-Wins: Das erste Must-Win Action Field ist eine kundenorientierte Technologie- und Marktführerschaft. Wir wollen die Zukunft unserer Branche weiterhin aktiv gestalten, mit Lösungen, die genau auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzahlen und deren Produktivität messbar steigern.
Ein weiterer Must-Win ist etwa der Ausbau des Service- und Ersatzteilgeschäfts: Bis 2030 wollen wir den Umsatz in diesem Bereich verdoppeln. Auch die Hubarbeitsbühnen sind eine zentrale Säule. Durch Elektrifizierung, Digitalisierung und innovative Konstruktion sehen wir hier besonders große Marktchancen. Zwei weitere Programme zielen auf Execution Excellence. Wir harmonisieren Prozesse, Systeme und Daten, schaffen damit Transparenz und Effizienz und legen die Basis für den Einsatz von KI. Und wir optimieren unsere globale Supply Chain – sie soll widerstandsfähig, flexibel und nah am Kunden sein.
LEADERSNET: Sie haben bereits die strategische Bedeutung der Hubarbeitsbühnen angesprochen. Gibt es noch weitere Produktgruppen, die im Rahmen der "Reach Higher"-Strategie im Fokus stehen?
Klauser: "Reach Higher" steht für gezielte Investitionen in wachstumsstarke Märkte und smarte, integrierte Lösungen. Wir treiben Innovation in unserem gesamten Portfolio voran und setzen zudem Schwerpunkte in Bereichen mit hohem Potenzial – wie den Hubarbeitsbühnen. Mit dem Produktionsstandort in Löbau haben wir eine europäische Drehscheibe geschaffen, um diese Chancen gezielt zu nutzen. Unsere neue TEC-Reihe bietet einen entscheidenden Vorteil durch mehr Leistung sowie vereinfachten Service und Wartung.
Mitnahmestapler erweitern unser Produktangebot um eine flexible, mobile Lösung entlang der gesamten Lieferkette. Damit bedienen wir nicht nur klassische Logistik- und Bauanwendungen, sondern zunehmend auch neue Einsatzfelder.
LEADERSNET: In welchen Bereichen – etwa in der Defense-Branche – sehen Sie derzeit das größte Wachstumspotenzial für Palfinger?
Klauser: Für uns ist der Defense-Sektor einer der am schnellsten wachsenden Geschäftsbereiche. Aufgrund der geopolitischen Lage und den daraus resultierenden massiv erhöhten Budgets für die Ausrüstung von Streitkräften ist Defense ein Geschäftsfeld, das wir nachhaltig und langfristig ausbauen wollen.
Wir sehen hier enormes Potenzial und wollen in dieses Wachstumsfeld investieren, um den neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen langfristig und effektiv begegnen zu können. Dabei helfen uns hervorragende Partnerschaften mit OEMs, Systemhäusern sowie Schiffsarchitekten und Werften.
LEADERSNET: Welche Bedeutung hat die Industrie als strategischer Wertschöpfungsfaktor für Europa, und welche politischen sowie wirtschaftlichen Voraussetzungen sind notwendig, um Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft von Unternehmen wie Palfinger langfristig zu sichern?
Klauser: Die Industrie steht für Wertschöpfung, Beschäftigung und technologische Unabhängigkeit. Nur mit einer starken industriellen Basis kann Europa seine Zukunft selbst gestalten.
Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen: Eine innovationsfreundliche Regulierung, wettbewerbsfähige Energiekosten und gezielte Förderungen. Auch der Zugang zu Fachkräften wird ausschlaggebend sein: Bildung, Ausbildung und Zuwanderung müssen verbunden und gut durchdacht werden.
LEADERSNET: Inwiefern beeinträchtigen Bürokratie und Überregulierung derzeit die industrielle Entwicklung, auch bei Palfinger, und welche Maßnahmen oder politische Änderungen halten Sie für notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern?
Klauser: Bürokratie und Überregulierung bremsen derzeit viele industrielle Entwicklungen. Genehmigungsprozesse dauern zu lange, Vorschriften sind komplex und in den einzelnen EU-Staaten unterschiedlich ausgelegt. Das kostet Zeit, Ressourcen und letztlich Innovationskraft.
Wir brauchen eine Politik, die Industrie als Partner versteht: Mit pragmatischen, schnellen Entscheidungen und einer konsequenten Vereinfachung von Verfahren. Europa muss wieder agiler werden. Wenn wir globale Wettbewerbsfähigkeit wollen, dürfen wir nicht länger die innovativsten Ideen in der Verwaltungsschleife verstauben lassen.
LEADERSNET: Welche Rolle spielt Innovation für den langfristigen Erfolg von Palfinger, und welche grundlegenden Faktoren sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit Unternehmen in einem von Krisen und Wandel geprägten Umfeld erfolgreich bleiben?
Klauser: Innovation ist die Grundlage unseres Erfolgs. Sie ist kein Selbstzweck, sondern entsteht bei Palfinger aus einem konkreten Kundenbedarf. Wir entwickeln Lösungen, die im täglichen Einsatz echten Mehrwert schaffen. Das geht von digitaler Unterstützung und Automatisierung bis zu nachhaltigen Antrieben.
Gerade in Zeiten des Wandels zählt die Fähigkeit, sich schnell anzupassen, ohne die eigene Identität zu verlieren. Entscheidend sind drei Dinge: ein klares Zielbild, eine Kultur des Mitgestaltens und der Mut, Entscheidungen zu treffen. Wenn diese Faktoren zusammenkommen, bleibt ein Unternehmen auch in herausfordernden Zeiten erfolgreich.
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