LEADERSNET: Frau Röser, Sie haben Ende Oktober mit einer Unternehmerdelegation Indien besucht und dabei öffentlich kritisiert, dass Familienunternehmer:innen bei offiziellen Regierungsreisen oft fehlen. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Sarna Röser: Weil es sinnbildlich für ein strukturelles Problem ist. In politischen Reden wird der Mittelstand permanent als Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Wenn es aber konkret wird – etwa bei wirtschaftspolitischen Auslandsreisen –, dann sitzen im Regierungsflieger fast ausschließlich DAX-CEOs, Vertreter großer Banken oder angestellte Topmanager. Familienunternehmer:innen, die mit eigenem Kapital, persönlicher Haftung und langfristiger Verantwortung agieren, fehlen häufig. Das passt für mich einfach nicht zusammen.
LEADERSNET: Wann ist Ihnen diese Diskrepanz erstmals bewusst geworden?
Sarna Röser: Vor etwa drei Jahren. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre stark im Austausch mit Politik, Verbänden und Unternehmer:innen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland zunehmend zuspitzt: Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, Bürokratie, Fachkräftemangel – all das kam zusammen. Viele Unternehmer haben begonnen, sich international umzusehen. Nicht unbedingt, um Deutschland zu verlassen, sondern um sich breiter aufzustellen. Und gleichzeitig habe ich gesehen: Politisch wird genau diese Realität nicht ausreichend abgebildet.
LEADERSNET: Und daraus entstand die Idee der eigenen Delegationsreisen?
Sarna Röser: Genau. Ich hatte über die Jahre gute Kontakte zu Botschaften und Regierungen aufgebaut und habe gesagt: Wenn der Mittelstand nicht von der Bundesregierung eingeladen wird, dann organisieren wir eben unsere eigenen Formate. Es geht darum, reale wirtschaftliche Akteure an relevante Tische zu bringen. Die Reise nach Indien war inzwischen die zehnte Unternehmerdelegationsreise, die wir organisiert haben – meist mit rund 20 Eigentümerunternehmer:innen und jungen Unternehmer:innen aus dem deutschen Mittelstand. In der Spitze waren es sogar auch schon mal über 55 Unternehmerinnen und Unternehmer.
LEADERSNET: Warum war Indien ein besonders wichtiger Stopp?
Sarna Röser: Indien ist einer der dynamischsten Wachstumsmärkte weltweit. Die demografische Entwicklung, die massive Digitalisierung, die Investitionen in Infrastruktur – das ist wirtschaftlich hochspannend. Wir wurden vom Außenministerium eingeladen und hatten zusätzlich hochrangige Unternehmerkontakte, unter anderem über das Umfeld der Ambani-Familie. Ein Highlight war das persönliche Treffen mit Mukesh Ambani – auch das Premierminister Office von Modi hat uns empfangen. Das zeigt sehr deutlich, welchen Stellenwert der deutsche Mittelstand international hat.
LEADERSNET: Wie erleben Sie die Wahrnehmung des deutschen Mittelstands im Ausland?
Sarna Röser: Im Ausland werden deutsche Familienunternehmen extrem geschätzt – für Qualität, Verlässlichkeit, langfristiges Denken. Uns wird dort oft der rote Teppich ausgerollt. In Deutschland dagegen erleben viele Unternehmer eher Misstrauen, Regulierungsdruck und eine öffentliche Debatte, die Unternehmertum kritisch bis negativ einordnet. Dieser Kontrast ist frappierend.
LEADERSNET: Welche Länder haben Sie bisher bereist?
Sarna Röser: Angefangen haben wir im Westbalkan (Kosovo und Albanien), später waren wir u.a. in Vietnam, Israel, Saudi-Arabien, Katar, Kolumbien und den Emiraten. Uns ist immer wichtig, sowohl politische Entscheidungsträger auf Ministerebene als auch relevante Unternehmerfamilien zu treffen. Es geht nicht um Symbolpolitik, sondern um wirtschaftliche Realität: Wo entstehen Märkte? Wo gibt es Kooperationspotenziale? Wo entstehen neue Wertschöpfungsketten?
LEADERSNET: Die teilnehmenden Unternehmer:innen nehmen aus diesen Reisen viel mit. Können Sie dafür Beispiele nennen?
Sarna Röser: Natürlich. Zum einen ein sehr klares Bild davon, wie andere Länder wirtschaftlich denken und handeln. Zum anderen entstehen reale Kontakte: Partnerschaften, gemeinsame Projekte, manchmal auch neue Standorte oder Produktideen. Und fast alle kommen mit einem anderen Mindset zurück; mit dem Gefühl: Es geht auch anders, schneller, mutiger.
LEADERSNET: Lassen Sie uns den Blick auf Deutschland lenken: Wo sehen Sie aktuell die größten wirtschaftlichen Probleme?
Sarna Röser: Die bekannten Punkte sind Bürokratie, Fachkräftemangel, zu hohe Steuern und Abgaben. Was mich aber am meisten umtreibt, ist die fehlende wirtschaftliche Gesamtstrategie. Unternehmer haben das Gefühl, dass es keinen klaren Zukunftsplan gibt: Welche Rolle soll Deutschland im globalen Wettbewerb spielen? Welche Industrien wollen wir stärken? Wie sichern wir Innovation, Kapital und Talente? Diese Planlosigkeit ist extrem lähmend.
LEADERSNET: Was bedeutet das konkret für Investitionen?
Sarna Röser: Viele investieren zögerlicher oder verschieben Entscheidungen. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil Planungssicherheit fehlt. Unternehmer brauchen stabile Rahmenbedingungen, um langfristig zu denken. Wenn sich Gesetze, Steuern und Förderlogiken ständig ändern, ist das Gift für Investitionen – gerade im Mittelstand.
LEADERSNET: Sie sprechen häufig von einem Mindset-Problem in Deutschland.
Sarna Röser: Ja, wir haben uns in den letzten Jahren ein Klima geschaffen, in dem Leistung eher problematisiert als anerkannt wird. Leistungsträger – egal ob Unternehmer:innen oder Führungskräfte – fühlen sich häufig eher bestraft als wertgeschätzt. Wenn vom zusätzlichen Einsatz am Ende kaum etwas bleibt und gleichzeitig gesellschaftliche Anerkennung fehlt, dann verlieren Menschen die Motivation.
LEADERSNET: Was beobachten Sie im Vergleich dazu in Ländern wie Indien oder Saudi-Arabien?
Sarna Röser: Es gibt klare Ziele, hohes Tempo und eine sichtbare Aufbruchsstimmung. In Saudi-Arabien etwa zieht sich eine Vision bis 2030 durch alle Ebenen – Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Die Menschen wissen, wo das Land hinwill. In Deutschland fehlt dieser gemeinsame Orientierungspunkt.
LEADERSNET: Das hat Folgen – vor allem für Fachkräfte und junge Leistungsträger:innen.
Sarna Röser: Immer mehr gut ausgebildete Menschen fragen sich, ob sie ihre Zukunft hier sehen. Nicht nur Unternehmer wandern ab, sondern auch Führungskräfte, Ingenieure, IT-Spezialisten. Das ist besonders gefährlich, weil wir genau diese Menschen brauchen. Wenn wir sie verlieren, verlieren wir Innovationskraft und wirtschaftliche Substanz.
LEADERSNET: War für Sie persönlich die Nachfolge im Familienunternehmen von Anfang an klar?
Sarna Röser: Nein. Als Jugendliche stellt man sich diese Frage ganz bewusst. Unser Unternehmen kommt aus einer sehr männerdominierten Branche – Tiefbau, Produktion. Ich hatte auch andere Ideen: Jura, Ausland, Start-ups. Aber im Laufe des Studiums wurde mir klar, dass das Familienunternehmen eine große Chance ist. Ich habe internationale Betriebswirtschaft studiert, um mir die fachliche Basis zu erarbeiten, und dann bewusst entschieden, diesen Weg zu gehen.
LEADERSNET: Vor diesem Hintergrund: Wie erleben Sie Nachfolgeprozesse im Mittelstand generell?
Sarna Röser: Nachfolge ist fast nie konfliktfrei. Es ist Familie, es ist emotional, es geht um Verantwortung und Lebenswerke. Es ruckelt überall. Aber genau deshalb brauchen wir bessere Rahmenbedingungen, damit die nächste Generation überhaupt Lust hat, Verantwortung zu übernehmen.
LEADERSNET: Wo sehen Sie aktuell Chancen für Ihr eigenes Unternehmen?
Sarna Röser: Trotz aller Herausforderungen bleiben wir optimistisch und investieren weiter. Durch wirtschaftliche Konsolidierung sehen wir wieder mehr Bewerbungen – das zeigt, dass es nach wie vor viele leistungsbereite Menschen gibt. Unsere Produkte sind stark regional verankert, weshalb wir weniger von internationalen Zollthemen betroffen sind. Aber wir kämpfen bewusst für den Standort Deutschland.
LEADERSNET: Was motiviert Sie, sich so klar und sichtbar zum Standort Deutschland und zu anderen Themen zu bekennen?
Sarna Röser: Ich habe erkannt, dass Schweigen nichts ändert. Es bringt nichts, hinter verschlossenen Türen zu klagen. Der Mittelstand braucht eine Stimme und ein Gesicht. Unternehmerisches Engagement ist heute keine Kür mehr, sondern Pflicht. Wenn wir uns nicht äußern, bestimmen andere unsere Agenda.
LEADERSNET: Welche Rolle spielen Frauen und Nachfolgerinnen im Mittelstand?
Sarna Röser: Es gibt deutlich mehr Nachfolgerinnen als noch vor einer Generation, auch in männerdominierten Branchen. Väter trauen ihren Töchtern heute mehr zu. Was noch fehlt, ist Sichtbarkeit. Ich wünsche mir, dass mehr Frauen rausgehen, Position beziehen und ihre Perspektive einbringen.
LEADERSNET: Zurück zu Ihren Delegationsreisen: Wie geht es damit weiter?
Sarna Röser: Im März 2026 reisen wir erneut nach Indien zum Raisina Dialog, der größten Sicherheitskonferenz Asiens. Außerdem planen wir Mexiko im April sowie eine weitere Reise nach Saudi-Arabien, im September geht es in die USA (New York & Washington). Die Teilnahme erfolgt über ein Bewerbungsverfahren, damit wir eine vielfältige, vertrauensvolle Gruppe zusammenstellen können. Mein Ziel ist es, den deutschen Mittelstand international stärker zu vernetzen – und gleichzeitig Impulse zurück nach Deutschland zu tragen. Den Bundeskanzler laden wir herzlich dazu ein (lacht).
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